Tübingen - Er sei der Mann für die Verkündigung, scherzt Dieter Thomas Kuhn, Tübingens Schlagerkönig, und steht an diesem regnerischen Tag kurz vor Weihnachten auf dem Marktplatz. Zwischen Tannenbaum und historischem Rathaus hilft der 55-Jährige ehrenamtlich am Corona-Schnellteststand aus – und das schon in der vierten Woche. Ohne Glitzerlook und Styling, nur in tarngrünem Anorak und Jeans, ist der Wiedererkennungseffekt in den Reihen der Wartenden gering. Wer negativ ist, erhält das Ergebnis direkt von der „singenden Föhnwelle“, wie sich Kuhn bestens vermarktet hat. Die wenigen positiven Fälle – im Schnitt etwa zwei auf 100 – werden von einem Arzt aufgeklärt und umgehend in Quarantäne geschickt.
Keine Sekunde habe er gezögert bei der Aktion mitzumachen, sagt Kuhn und wird selbst an Heiligabend hinter der Biergarnitur stehen und die nummerierten Zettel der Getesteten entgegen nehmen. Gedacht ist „Stille Nacht, einsame Nacht? Muss nicht sein!“ für alle jene, die nach einem fixen Abstrich sorglos die Oma besuchen wollen. Die Idee stammt von Lisa Federle, die am „Tübinger Wunder“ – wie es bundesweit mittlerweile heißt – den größten Anteil hat. Die Ärztin und DRK-Chef im Landkreis hat nicht nur früher als andere in Heimen mit Corona-Tests begonnen, ihrem Drängen bei Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) ist es auch zu verdanken, dass die Aktion an Weihnachten auf 120 Städte im Land erweitert wurde.
Kuhn und Federle sind seit Langem beste Freunde
Kuhn und Federle können bestens miteinander, sie sind alte Freunde, Tübinger Gewächse. „Ein Anruf von Lisa“ habe genügt, sagt der Musiker. „Thommy ist toll“, schwärmt Federle und koordiniert nebenher sowohl die DRK-Kollegen als auch das Team vom Ordnungsamt. Zwischendurch gibt sie dem ZDF ein Interview und telefoniert mit einem Journalisten vom Wall Street Journal. Sie alle wollen wissen, was Tübingen besser macht als andere. Die Schnelltestaktion über Wochen hinweg ist ein Baustein der Covid-19-Prävention. Längst stehen Hunderte an, um sich kostenlos testen zu lassen, durch die halbe Altstadt windet sich die an diesem Nachmittag die Schlange.
Er werde auch nach Weihnachten am DRK-Stand vor dem Rathaus weiterhelfen, sagt Schlagerinterpret Kuhn und steht im Nieselregen. Er habe wegen Corona keine Auftritte, ihm fehle die Muse zum Komponieren und singen würde er nur, um sich selbst und Freunde in diesen apokalyptischen Zeiten bei Laune zu halten. Das klingt fast schon nach Stimmungskanone Robert Blanco, der einst forderte: „Ein bisschen Spaß muss sein.“ Auf dem Marktplatz auftreten will Kuhn aber auf keinen Fall: „Ich will nicht herausstechen wie ein Paradiesvogel“, sagt er, er sei eigentlich recht bodenständig.
Am 24. Dezember kommt noch der Sozialminister vorbei
Statt Autogrammen gibt Kuhn zusammen mit seinem langjährigen Bandkollegen Philipp Feldtkeller Auskunft über die Abstrichergebnisse oder ist beim Auf- und Abbau der Zelte mit dabei. Und selbst wenn am 24. Dezember morgens der grüne Sozialminister persönlich am Stand vorbeikommt, hat er gar kein Problem damit, weiterhin hinter der medizinischen Maske unerkannt zu bleiben und dem Politpromi aus Stuttgart die Bühne zu überlassen.