„Es geht mir nicht darum, möglichst oft in den Medien aufzutauchen“, sagt Allgaier über seine kritischen Wortmeldungen. Foto: /Simon Granville
In den vergangenen Monaten warnte Landrat Dietmar Allgaier mehrmals vor einer dahinsiechenden Gesundheitsversorgung. Er kritisierte Bund, Land und kassenärztliche Vereinigung – doch was kann er selbst tun?
Als Landrat trägt Dietmar Allgaier Verantwortung für die Gesundheitsversorgung im Landkreis. Die Kliniken müssten in Zukunft sparen und Synergien nutzen, sagt er im Interview – gleichzeitig begeistert ihn die Vision eines neuen, zentralen Krankenhauses.
Herr Allgaier, die Haus- und Fachärzte sind heillos überlastet, die Kliniken fahren 2024 ein Defizit von 35 Millionen Euro ein. Droht unsere Gesundheitsversorgung zusammenzubrechen?
Zusammenbrechen wird die Gesundheitsversorgung nicht, sie wird sich aber verändern. Blicken wir erst auf die praktizierenden Hausärzte im Landkreis: 35 Prozent sind 60 Jahre oder älter, der klassische Hausarztberuf wird unattraktiver. Die Gesellschaft muss sich also darauf einstellen, häufiger in Gemeinschaftspraxen behandelt zu werden sowie längere Wartezeiten und weitere Fahrten in Kauf zu nehmen.
Mit Blick auf die Kliniken haben wir für 2023 mit einem Defizit von 12 Millionen Euro gerechnet, am Ende war es doppelt so viel. Das liegt aber nicht daran, dass die RKH schlecht wirtschaftet, die Kliniken sind strukturell unterfinanziert. Es muss sich etwas ändern, doch der erste Reformvorschlag von Gesundheitsminister Karl Lauterbach findet in den Ländern keine Zustimmung – nicht in einem einzigen. Das finde ich bezeichnend.
Sie sind in den vergangenen Wochen immer wieder aktiv an die Öffentlichkeit gegangen, haben die Kassenärztliche Vereinigung kritisiert und Geld von Bund und Land gefordert. Welche Wirkung erhoffen sie sich davon?
Ich hoffe auf Resultate. Andere Landräte und ich wollen darauf hinweisen, dass Krankenhäuser schließen werden, wenn Bund und Land nicht für eine auskömmliche Finanzierung sorgen. Das kann keiner wollen.
Gibt es da auch Stimmen, die sie auffordern, die Füße stillzuhalten?
Ich würde mir wünschen, dass überhaupt etwas zurückkommt. Es gibt kaum Reaktionen aus den zuständigen Ministerien, wenn dann sagen sie, dass sie selbst kein Geld haben – das ist erschreckend. Es geht um die Gesundheit der Menschen.
Ist es gerechtfertigt, nur auf andere zu zeigen oder müssen Sie als RKH-Aufsichtsratsvorsitzender auch vor der eigenen Haustür kehren?
Das haben wir ja schon gemacht. Die RKH-Kliniken sind in den vergangenen Jahren wegweisend unterwegs und haben das, was sie tun konnten, auch auf den Weg gebracht. Beispielsweise die Ambulantisierung, die Telemedizin und den Bettenabbau vorangetrieben. Wir haben uns auch weiter spezialisiert, um Doppelstrukturen abzubauen. Gleichzeitig haben wir eine hervorragende medizinische Versorgung.
Zu einer guten Gesundheitsvorsorge gehört aber auch ein souveränes Auftreten, das hat in den vergangenen Monaten immer wieder gefehlt.
Die Personaldiskussionen der Kliniken haben nichts mit unserer medizinischen Versorgungsleistung zu tun – die passiert an den Betten und im Operationssaal. Ich gebe Ihnen aber in dem Punkt recht, dass interne Streitigkeiten nicht nach außen getragen werden sollten, und es besser wäre, wenn wir mit einer Stimme sprechen. Die letzten Monate waren aber auch ein Zeichen der Unruhe, die generell im System steckt.
Der Kreishaushalt leidet unter den Kliniken, eine Privatisierung ist für sie aber ein Schreckensszenario. Wäre es nicht auch eine Erleichterung, die RKH loszuwerden?
Nein, dann würde sich die Gesundheitsversorgung nämlich verschlechtern. Ein privater Betreiber bietet das an, was für ihn wirtschaftlich Sinn ergibt. Die Versorgung von Frühgeborenen oder älteren Patienten, die gleichzeitig mehrere Erkrankungen haben, rechnet sich beispielsweise für private Anbieter wirtschaftlich nicht. Wir bieten als Maximalversorger hingegen alle medizinischen Bereiche an. Ich habe zudem ein Auge auf die Belegschaft. Unsere Löhne orientieren sich am Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes, die der privaten Anbieter nicht.
Landrat Dietmar Allgaier im Interview Foto: Simon Granville
35 Millionen Euro Minus in einem Jahr. Wann müsste der Landkreis die Reißleine ziehen und die RKH abstoßen?
In diesem und nächstem Jahr wird es in Deutschland Kliniken in öffentlicher Trägerschaft geben, die die Reißleine ziehen – bei uns wird das nicht der Fall sein. Wenn sich aus der Gesundheitsreform nichts ergibt, müssen wir aber weiter Fixkosten abbauen und uns auch von lieb gewonnenen Dingen trennen. Wir beabsichtigen das gerade nicht, aber man könnte sich fragen, ob man alle therapeutischen Angebote anbieten muss, auch der Bereich der Gesundheitsvorsorge und Prävention könnte hinterfragt werden.
Sie wollen sparen. Wie wäre es bei den Zeitarbeitsfirmen, über die Pflegekräfte angeheuert werden? Das kostet deutlich mehr als festangestellte Pfleger.
Das stimmt, die Personalagenturen kosten uns viel Geld und binden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die wir gerne als Festangestellte hätten. Dem gilt es entgegenzuwirken. Wir müssen Anreize schaffen, dass sich die Fachkräfte bei uns bewerben und sich dann auch wohlfühlen. Dabei spielt nicht immer nur das Gehalt eine Rolle, auch Kindergartenplätze, Wohnraum und die öffentliche Anbindung sind wichtig.
Seit diesem Jahr zahlen sie auch noch das Gehalt für zwei anstatt eines Geschäftsführers – ist das notwendig?
Bei der Komplexität unserer Häuser, ja. Die zwei neuen Geschäftsführer leiten die gesamte Regionalen Kliniken Holding mit insgesamt 8000 Mitarbeitern, das ist im Prinzip ein Konzern. Man hat in der Vergangenheit bemerkt, dass das für eine Person zu viel ist.
Was ist Ihre Zukunftsvision einer guten Gesundheitsversorgung für den Kreis?
Wir sind in einer Schieflage, ich bin aber auch optimistisch. Wir haben Krankenhäuser im Enzkreis, im Kreis Karlsruhe, in Ludwigsburg und eine Fachklinik in Markgröningen. Die große Chance ist, dass wir medizinische und wirtschaftliche Synergien besser nutzen können als andere. Wir arbeiten holdingweit an einer sehr guten, qualitätvollen und patientenzentrierten Versorgung.
Und?
Eine zweite Chance sehe ich in der Möglichkeit eines neuen Krankenhausstandortes im Kreis Ludwigsburg. Ich unterstütze es ausdrücklich, dass wir diese Option ergebnisoffen prüfen. Ein neues Zentralklinikum mit zeitgemäßer Größe, Digitalisierung, Zimmern und OPs. Wenn wir die geografischen und finanziellen Voraussetzungen einmal ausblenden, wäre das der klügste Weg in die Zukunft. Das Argument, jeder brauche ein Krankenhaus in einigen Kilometern Entfernung, zählt für mich nicht, die Wege im Kreis sind kurz. Aber natürlich stellt sich die Frage nach dem Platz und der Finanzierbarkeit.
Wie wahrscheinlich ist ein neues, großes Krankenhaus?
Wir müssen eines beachten: In einer älteren Klinik haben Patienten immer das Gefühl, auf einer Baustelle zu sein. Wir sanieren durchgehend, fangen hinten an und machen vorne nahtlos wieder weiter. Man muss sich überlegen, ob zwei alte Krankenhäuser mit einem Abstand von 15 Kilometern sinnvoll sind. Der Gedanke einer zentralen Klinik ist für mich alles andere als abwegig, ob es dazu kommt, kann ich aber noch nicht einschätzen. Wir müssen die Untersuchungsergebnisse abwarten, die im Herbst vorliegen.
Was kann der Landkreis für die Haus- und Fachärzteversorgung tun?
Wir treiben den Ausbau der medizinischen Versorgungszentren (MVZ) voran. Wir brauchen also mehr Häuser mit Ärzten aus verschiedenen Fachbereichen, aktuell betreibt die RKH drei davon im Kreis. Anfangs wurden wir dafür kritisiert, es hieß, die Kliniken sollen sich nicht in die Struktur der Haus- und Fachärzte einmischen.
Die RKH greift damit auch in das Hoheitsgebiet der Kassenärzte ein. Ist das gewollt?
Da stellt sich nicht die Frage nach dem Wollen. MVZ entstehen, wenn Ärzte beim Eintritt in den Ruhestand keinen Nachfolger für ihre Praxis finden. Wenn die alte Hausärzteversorgung nicht mehr aufrecht erhalten werden kann, braucht es Alternativen.
Berichten Sie uns von Ihrer Erfahrung mit der Gesundheitsversorgung im Kreis Ludwigsburg
Die Idee Ärzte, Pfleger und der Landrat warnen vor einer schlechteren Gesundheitsversorgung im Landkreis. Wir als Redaktion wollen nicht nur deren Sicht wiedergeben, sondern auch die der Patienten. Erzählen Sie uns von Ihren Erfahrungen mit der Gesundheitsversorgung im Kreis. Sei es die anstrengende Arztsuche, langen Wartezeiten, Gesundheitsgefährdungen oder eine positive Begegnung mit einem Arzt.
So geht’s Schreiben Sie einfach eine kurze Mail an Redakteur Emanuel Hege (emanuel.hege@mhs.zgs.de) mit den folgenden Informationen: 1) Name, Alter und Heimatort; 2) Besondere Erfahrung mit der Gesundheitsversorgung im Kreis in drei Sätzen; 3) Der Grund, warum Sie von ihrer Erfahrung berichten wollen.