Leonie Müller arbeitet als Unternehmensberaterin in einem von ihr selbst umgebauten Van. Derzeit ist sie auf der CMT. Wie kam sie auf die Idee, und was verbindet sie mit Stuttgart?
Erik Raidt
20.01.2023 - 15:25 Uhr
Wenn Leonie Müller beim Frühstück die Sonne genießen will, steigt sie bei sich selbst aufs Dach. Dann fährt sie ihre Leiter aus, klettert ein paar Stufen hinauf und sitzt wenig später auf dem Dach ihres Eigenheims auf vier Rädern, einem Van von Volkswagen. Irgendwo in Deutschland, mal am Straßenrand, mal auf einem Parkplatz, am liebsten mit Blick ins Grüne.
Während in Deutschland Firmenchefs und Angestellte noch miteinander ringen, wie oft Mitarbeiter im Lauf einer Arbeitswoche wieder im Büro arbeiten sollen und wie viel sie von daheim aus arbeiten können, hat sich Leonie Müller von vielen Fesseln befreit. Müller arbeitet freiberuflich als Unternehmensberaterin – ihr Van ist für sie zugleich Wohnraum, Büro und Fahrzeug. Hier duscht sie morgens, manchmal im Freien unter dem ausziehbaren Wasserhahn ihrer Küche – und empfängt eine Stunde später einen Kunden.
Der Wasserhahn aus der Küche kann auch als Dusche benutzt werden. Foto: Lichtgut/
Einen marketingtauglichen Namen für das Fahrzeug hat sich die 30-Jährige auch ausgedacht: Der graue VW Crafter ist ihr „New-Work-Van“. Der Begriff „New Work“ geht zurück auf Überlegungen des Philosophen Frithjof Bergmann aus den 1980er Jahren – vereinfacht gesagt beschreibt er ein sich wandelndes Verständnis von einem Arbeitsalltag, in dem klassische Lohnarbeit mit digitaler Technik verschmilzt und die Beschäftigten mehr Freiräume gewinnen sollen für kreative Tätigkeiten. So lautet die Theorie.
Die Sache mit den Freiräumen bestimmt Leonie Müllers Denken. „Ich habe ein nomadisches Naturell“, erzählt die Unternehmensberaterin, die mit ihrem Fahrzeug momentan einen Zwischenstopp auf der Caravanmesse CMT in Stuttgart eingelegt hat. Müller kam in Bielefeld auf die Welt und verbrachte im Laufe ihrer Kindheit viel Zeit in Stuttgart bei ihrer Oma auf dem Killesberg und bei ihrer Tante Edith Körber, der Intendantin des Theaters Tribüne. „Stuttgart ist für mich Heimat.“
Nach dem Abitur brach Leonie Müller zu einer neunmonatigen Weltreise auf – seitdem ist sie nie mehr richtig sesshaft geworden: Als sie in Tübingen mit dem Studium begann, kaufte sie sich eine Bahncard 100, kündigte ihr WG-Zimmer und lebte die nächsten Jahre die meiste Zeit im Zug. Sie pendelte zwischen Studienort und verschiedenen Übernachtungsmöglichkeiten bei ihrer Familie in Deutschland hin und her. Die Studentin Leonie Müller wurde vorübergehend zu Deutschlands bekanntester Bahnfahrerin.
Dann kam Corona. Das Virus machte den Karriere- und Lebensplänen von Leonie Müller einen Strich durch die Rechnung – ausgerechnet, als sie sich im Januar 2020 gerade selbstständig gemacht hatte. „Bahnfahren war durch Corona plötzlich nicht mehr so sexy“, erzählt Müller. Da reifte bei ihr ein Gedanke: „Was wäre, wenn ich mir ein Wohnmobil kaufen würde?“
Mit Klaus’ Hilfe hat sie den Van umgebaut
Leonie Müller suchte und fand den VW bei Ebay Kleinanzeigen – einen rustikalen Handwerkerwagen, der im Innenraum nichts von dem bot, was sich Müller für ihr mobiles Berufsleben vorstellte. Die Berufseinsteigerin hatte den Ehrgeiz, das Fahrzeug in Eigenarbeit umzubauen, obwohl sie bis dahin „gerade mal ein paar Ikea-Regale zusammengeschraubt hatte“.
Zum Glück gab es Klaus. Der Mitte 80-jährige Nachbar ihrer Eltern besitzt im Keller eine Werkstatt. Mit Klaus’ Hilfe – und der Unterstützung von zahllosen Do-it-yourself-Videos auf Youtube – begann sie den Umbau des Fahrzeugs: „Ich wollte den Van ganzjährig nutzen können, brauchte also eine Heizung und einen großen Wassertank, eine Dusche und ein Klo.“
Und natürlich sollte der Van auch so schick aussehen, dass sich ihre Kunden in ihm wohlfühlen. Auf der CMT drängen sich die Neugierigen an diesem Vormittag um ihr Fahrzeug. „Kommen Sie rein“, sagt Leonie Müller und zeigt ihr Reich: Auf zwei Regalen steht Fachliteratur zum Wandel der Arbeitswelt, Magnete halten die Ideen ihrer Kursteilnehmer auf einem Whiteboard fest. Über einem winzigen Stehschreibtisch befindet sich auf einer ausklappbaren Halterung ihr Laptop.
Leonie Müllers Arbeitswochen haben keine festgelegte Struktur, selten Tage, die um 9 Uhr beginnen und um 17 Uhr enden. Mal kommen Einzelkunden zu Coachings in ihren Van, mal fährt sie bei Events von großen Unternehmen auf dem Firmenparkplatz vor und gibt beim „Tag der offenen Schiebetür“ Anstöße und Ideen für den Arbeitsalltag weiter. Zu ihren Kunden zählen unter anderem die Telekom, die Deutsche Bahn und Novartis.
Viel in ländlichen Regionen unterwegs
Dabei schätzt es die Unternehmensberaterin, dass sie abseits der Metropolen viel auf dem Land unterwegs ist. „Auf meiner langen Reise habe ich viele Eindrücke gewonnen, wie die Menschen in Deutschland leben und arbeiten.“ Wenn die CMT endet, bricht sie wieder auf, weiß mittags noch nicht, wo sie abends einen Stellplatz findet. Achteinhalb Quadratmeter groß ist ihr Wohnbüro auf vier Rädern, im Frühjahr will Leonie Müller erst mal ihre Dachterrasse ausbauen.
Hier finden Sie Vans auf der CMT
Vans Auf der CMT zeigen viele Hersteller von Kastenwagen und Vans ihre neuen Modelle. Ein Schwerpunkt befindet sich in der Halle 8, dort wird jeden Tag ein „Van of the day“ näher vorgestellt. Im Bereich Vans and Friends gibt es Informationen und einen Überblick über Festivals rund um das Thema.
CMT Die Urlaubs- und Caravanmesse CMT ist auf den Fildern noch bis zum 22. Januar täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, der Einlass beginnt um 9 Uhr. Tickets kosten am Wochenende online 17 Euro, wer die Karten auf der Messe erwirbt, zahlt drei Euro mehr.