Immer wieder droht David ihr mit Suizid. Irgendwann kommt über Whatsapp die Nachricht: „Ich machs.“ Kurz darauf hält erhält die 20-jährige Sarah aus Stuttgart Nachrichten von Freunden Davids: „David ist seit gestern Nacht im Krankenhaus hat versucht sich das Leben zu nehmen und ist nicht ansprechbar.“ Ob die Accounts echt sind? Das weiß sie nicht. Sie vermutet, dass er selbst dahintersteckt. Sie geht zur Polizei, doch da kommt sie nicht weiter.
Kurz darauf findet sie heraus: Sie ist gar nicht die einzige junge Frau in ihrem Stuttgarter Umfeld, die ständig solche bedrohlichen Nachrichten von Davids Account erhält. Circa zehn Freundinnen hat sie gefunden, die Ähnliches berichten: unendlich viele Nachrichten, wenn sich die Mädchen zurückziehen, weil er sich nie persönlich treffen will. Dann folgt: Drohung mit Suizid und emotionale Erpressung wie „Ich weiß nicht wie ich morgen so aufstehen soll ich wollte nicht das es so endet. kann nicht aufhören zu weinen. kann ich dir nicht mehr schreiben?“.
Die jungen Frauen tauschen sich aus und sind sich sicher: Das kann kein Zufall sein. Sie finden anhand von Fotos und Nachrichten heraus, dass er auch in Stuttgart wohnt.
Angefangen hat das Verhältnis von Sarah und David, die in Wirklichkeit anders heißen, recht harmlos. Sie versieht auf Instagram ein Foto von David mit einem „Like“. Dann fängt er an, ihr zu schreiben. Viele Beziehungen beginnen heute übers Internet, vor allem unter jungen Menschen gilt das als völlig normal. Doch normal ist an dem Verhältnis zwischen Sarah und David gar nichts. Das merkt sie aber erst nicht. Denn David hört immer zu und versteht ihre Sorgen. „Da war gleich so eine Connection da“, sagt Sarah. Sie schreiben sich täglich stundenlang. Doch gesehen haben sie sich nie. Jedes Mal, wenn sie ein Treffen vorschlägt, taucht er nicht auf. „Nach zwei Monaten habe ich mir gedacht, der ist nicht jedes Mal verhindert, der will sich nicht mit mir treffen“, erzählt Sarah.
Sie merkt schnell: er ist „toxisch“
Sie kommt aber nicht von ihm los. Geht immer wieder darauf ein, wenn er sie mit Nachrichten flutet. Sarah hat viele Freundinnen, geht aufs Gymnasium, mit ihrer Familie versteht sie sich gut. Ihr Leben ist intakt. Trotzdem ist da die Sehnsucht nach diesem völlig Unbekannten. Er ist ihre erste Bezugsperson geworden, auch wenn sie ihn häufig „toxisch“ findet, wie sie sagt.
Immer wieder gibt es diese Geschichten von Mädchen und jungen Frauen, die über Chats emotionale Verhältnisse zu Männern aufbauen – ohne diese je gesehen zu haben. Manche überweisen sogar viel Geld an ihnen völlig unbekannte Männer. Früher nannte man diese Männer Heiratsschwindler. Nur: Geld will David gar nicht von ihr. Auch keine kompromittierenden Fotos. Er will nur eines: dass sie nicht aufhört, ihm zu schreiben. Und um das zu erreichen, manipuliert er sie ständig. Er sagt, sie hätte keine „richtigen“ Freunde außer ihm. Und er überwacht ständig, wann sie in Whatsapp online ist.
Irgendwann hat Sarah ihren Freundinnen und ihren Eltern von ihrem Chat-Verhältnis mit David erzählt. Ihre Mutter glaubt die Sache mit dem Suizidversucht nicht und geht mit ihr zur Polizei. Der Fall wird nicht verfolgt, es gebe keine Bedrohung, die „in echt“ stattfinde, wird ihr bei der Polizei gesagt. Psychoterror im Netz hat zwar gravierende Folgen für die Betroffenen, wird von den Behörden oft aber nicht verfolgt.
Die Täter spielen mit den Emotionen der Opfer
Marc Reinelt, beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg zuständig für Kriminalprävention bei Kindern und Jugendlichen, kennt solche Geschichten. „Viele Täter gehen strategisch vor. Sie spielen mit den Emotionen ihrer Opfer und machen sie dadurch abhängig“, sagt er. Ihr Motiv? Ein sehr ausgeprägtes „Besitzdenken“, sie wollten über ihr Opfer verfügen. Jederzeit. Bei jungen, unerfahrenen Mädchen funktioniere das oft gut. Reinelt gibt zu bedenken: „Bei digitaler Gewalt entsteht immer Schaden beim Opfer, auch wenn die Schwelle zur Straftat nicht überschritten wird – und auch wenn es den Täter nie gesehen hat.“
Auf der Suche nach Datingpartnern oder Freunden mithilfe des Internets müsse man stets mit den eigenen Daten sorgfältig umgehen. „Wenn etwas komisch ist, würde ich den Kontakt und die Nummer blockieren“, sagt Reinelt. Auch solle man keine Telefonnummer oder eine Adresse herausgeben.
Heute, drei Jahre später, hat Sarah den Kontakt zu David abgebrochen und ihn blockiert. Sarah nennt ihn Cyberstalker. Darunter versteht man jemanden, der andere im Digitalen nachstellt, verfolgt und überwacht. Laut einer bundesweiten Onlinebefragung des Bündnisses gegen Cybermobbing und der Techniker-Krankenkasse aus dem Jahr 2022 ist jeder fünfte Schüler zwischen acht und 21 Jahren Opfer von Cyberstalking geworden.
Viele Opfer leiden danach unter psychischen Problemen
Die Folgen sind drastisch: Über 80 Prozent der Betroffenen gaben an, später unter Angstzuständen, Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen, Magen- und Kopfschmerzen gelitten zu haben. Ein Problem ist auch: „Viele Kinder und Jugendliche geben sich selbst die Schuld, wenn ihnen so etwas passiert“, sagt Saskia Nakari, Referentin für pädagogischen Jugendmedienschutz am Landesmedienzentrum Baden-Württemberg. „Stalking kommt häufig im partnerschaftlichen Bereich vor“, sagt Nakari, die auch an Schulen über den Umgang mit sozialen Medien aufklärt. Oft wolle der Verlassene eine Trennung nicht akzeptieren.
Wenn junge Menschen im Internet belästigt werden, werden sie in ihrem Umfeld oft als naiv bezeichnet. „Das ist Victim-Blaming“, sagt Nakari. Dies bedeutet, Opfern wird eine Mitschuld an der Tat gegeben, dabei treffe sie keine Schuld. Kindern und Jugendlichen fehle es schlicht an Erfahrung und Wissen, weshalb sie leicht Opfer von Belästigung oder emotionalem Missbrauch im Internet würden. Welches Motiv jemand wie David habe, darüber kann Nakari auch nur spekulieren: Manchmal sei es auch nur Einsamkeit und eigene Verzweiflung.
Sarah kann sich heute selbst nicht erklären, warum sie das Verhältnis nicht beenden konnte. „Ich wollte mir lange gar nicht eingestehen, dass ich ein Opfer bin“, sagt sie. Maria, auch aus Stuttgart, hat eine ähnliche Erfahrungen mit David gemacht. Sie sagt zwar, sie habe gleich am Anfang ein „komisches Gefühl“ gehabt, als sie begonnen habe, ihm zu schreiben. Aber: „Er zeigte so viel Interesse, nahm sich so viel Zeit, um mit mir zu schreiben – natürlich gefiel mir das.“ Sie hätten innerhalb von drei Wochen so viel geschrieben, sie habe sogar ihr Abitur vernachlässigt. „Aber ich war megaglücklich, so jemand kennenzulernen“, sagt die 19-Jährige.
Keine der jungen Frauen trifft ihn jemals persönlich
Auch sie trifft ihn nie persönlich. Immer sagt er kurz vorher ab, mit Ausreden wie „die Mutter ist im Krankenhaus“ – irgendwas ist immer. „Was mir sofort komisch vorkam, ist, wie besitzergreifend er war. Sehr eifersüchtig und so, als ob wir schon in einer echten Beziehung sind.“ Sie schreibt aus Frust alles in den Gruppenchat mit ihren Freundinnen. Da klingelt es bei einem Mädchen. Die Geschichte kommt ihr bekannt vor – von Sarah. „Ich wollte das überhaupt nicht glauben. Ständig habe ich versucht, mir zu beweisen, dass es sich nicht um meinen David handelt“, sagt Maria. Aber, er ist es. Die Fotos und die persönlichen Angaben stimmen überein. Ihre „kleine Welt“ sei zerbrochen.
Wer ist David? Und wie vielen Mädchen aus Stuttgart schreibt er noch? Das wissen sie alles nicht. Für die Frauen, die Opfer, bleibt David ein Mysterium. Mit den psychischen Folgen der Begegnung im Digitalen kämpfe sie noch heute, sagt Sarah.
Anlaufstellen für Opfer von digitaler Gewalt
Definition
Der Begriff „Digitale Gewalt“umfasst Formen der Herabsetzung, Belästigung, Diskriminierung und Nötigung anderer Menschen mithilfe elektronischer Kommunikationsmittel. Cyberstalking etwa ist eine unerwünschte Kontaktaufnahme und dauernde Belästigung von Einzelnen mittels E-Mails, SMS oder anderen digitalen Beiträgen.
Internet
Das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben bietet unter www.hilfetelefon.de/gewalt-gegen-frauen/digitale-gewalt.html eine erste Anlaufstelle für Mädchen und Frauen, die Opfer von Belästigung, Stalking oder anderen Formen digitaler Gewalt wurden.
Datenbank
Betroffene von körperlicher, seelischer oder psychischer Gewalt finden in der Onlinedatenbank www.odabs.org auch Hilfsangebote in ihrer jeweiligen Umgebung.