Digitale Lernmittel auf der Didacta Interaktion macht schlau

Von Eva Wolfangel 

Digitales Lernen muss an deutschen Schulen selbstverständlicher werden. Darin sind sich die Experten einig, die sich in dieser Woche auf der Bildungsmesse Didacta in Hannover präsentieren. Aber wie gut sind die Verlage darauf vorbereitet?

Tablets in Schülerhand: Bei der Bildungsmesse Didacta in Hannover Foto: didacta
Tablets in Schülerhand: Bei der Bildungsmesse Didacta in Hannover Foto: didacta

Stuttgart - Als Sandra Lichtenfeld, Englisch-Lehrerin am Eduard-Spranger-Gymnasium in Filderstadt kürzlich eine Kollegin vertrat, fragten die Schüler nach einer speziellen Vokabel. „Ich kenne sie auch nicht, aber ihr habt doch alle ein Handy“, sagte sie – und erntete erstaunte Blicke. Ein Handy im Unterricht benutzen? Für deutsche Schüler immer noch ein Ausnahmefall. Kurzerhand projizierte Lichtenfeld eine Wörterbuch-App an die Wand und zeigte, wie man sie verwendet. „Digitale Medienkompetenz gehört doch dazu“, sagt sie. Doch bei den Lehrmitteln sind Lehrer meist noch auf sich allein und ihre Kreativität gestellt.

Der Einsatz von Whatsapp und Google Streetview

Lichtenfelds eigene Schüler sind den Einsatz von digitalen Medien im Unterricht gewohnt. In der Kursstufe stellt sie ihnen jede Unterrichtsstunde als Präsentation samt Hausaufgaben digital zur Verfügung: „Das ist zum Beispiel für visuelle Lerntypen wichtig.“ Wobei sich die Schüler auch selbst zu helfen wissen, wie sie betont: „Wenn ich das nicht mache, kommt garantiert einer und fragt: Kann ich das fotografieren und in die Whatsapp-Gruppe stellen?“ Und als im digitalen Englisch-Buch der Siebtklässler ein Besuch in Liverpool besprochen wurde, hat Lichtenfeld kurzerhand Google Streetview geöffnet und den Weg der Protagonisten des Buches mit den Schülern nachvollzogen. Das allerdings war keine Funktion ihres digitalen Schulbuches, das eigentlich aus nicht viel mehr als einem pdf-Dokument des gedruckten Buches besteht plus einige verlinkte Materialien wie Hörtexte, die ansonsten mit der Begleit-CD ausgeliefert wurden. „Da fällt wenigstens der Kampf mit der Technik weg, und ich habe alles an einem Ort“, sagt Lichtenfeld. Dazu kommen Arbeitsblätter, die sie nun direkt ausdrucken kann, anstatt sie aus dem Lehrerhandbuch zu kopieren.

Die Schulbuchverlage sind zögerlich – aus gutem Grund

Nach digitaler Revolution klingt das nicht. Sollten digitale Lehrmaterialien heutzutage nicht mehr können als das analoge Äquivalent? Was ist mit interaktiven Lern-Apps, die Schüler am Tablet bearbeiten können? „Wir sind ja schon privilegiert“, sagt Lichtenfeld: „Schließlich gibt es in jedem Klassenzimmer Computer und Internet.“ Zudem kann sie immerhin eine Klasse mit Tablets ausstatten. Wenn sie Kollegen anderer Schulen davon erzählt, staunen die meisten nur.

Vor diesem Hintergrund ist die Zögerlichkeit der Verlage zu verstehen, die noch wenige Materialien jenseits des klassischen Schulbuchs als E-Books anbieten. „Die Digitalisierung hat in Schule und Unterricht längst Einzug gehalten, nur eben auf ganz unterschiedlichem Niveau“, sagt Tilo Knoche, Geschäftsführer des Klett-Verlags. Deshalb müssten auch unterschiedliche Lösungen angeboten werden – und das fange nun mal beim digitalen Schulbuch an, das nur wenig mehr kann als dessen analoge Variante. „Ich bin überzeugt, dass sich die Investitionen, die der Verlag in die Entwicklung digitaler Unterrichtsmaterialien tätigt, langfristig rechnen werden“, sagt Knoche. Er sieht insbesondere die Individualisierung als Trend. „Digitale Medien bieten ganz neue Möglichkeiten für die schülergerechte Aufbereitung des Lernstoffes nach Lernphasen, Niveaus und Kompetenzen.“ Knoche ist überzeugt, dass „die Digitalisierung des Bildungsmarktes weiter an Fahrt gewinnen“ wird.

Fehlende Qualitätskontrolle bei digitalen Lernmedien

Aktuell herrscht eher noch Schneckentempo. „Es gibt wenige gute digitale Lernmedien“, sagt Katharina Scheiter, Professorin am Tübinger Leibniz-Institut für Wissensmedien. Auch wenn das auf Messen wie der Didacta auf den ersten Blick anders wirke angesichts der Vielzahl von Apps, Lernspielen und multimedialen Lern-CDs: „Die wenigsten sind nach den Erkenntnissen der Lernforschung gestaltet.“ Vieles sei zu bunt und zu spielerisch und überfordere die Lernenden. „Es gibt zu wenig Qualitätskontrolle“, sagt die Psychologin: „Unsere Erkenntnisse kommen nicht unbedingt bei den Schulbuchverlagen an.“ Gerade bei den allzu bunten und blinkenden Apps sehen die Forscher häufig überforderte Schüler. „Sie klicken dann alle möglichen Buttons, aber bekommen die Inhalte nicht in sinnvoller Weise zum Laufen“, beobachtet Scheiter. Doch Verlage fürchteten, dass die Produkte den Käufer nicht ansprechen, wenn sie zu schlicht gestaltet sind. In der Tat sei es teuer, gute digitale Medien zu entwickeln, sagt die Professorin, und die Verlage seien verunsichert, „weil sie nicht wissen, auf welche technischen Voraussetzungen sie aufbauen können.“

Der positive Effekt auf den Unterricht ist nicht eindeutig erwiesen

Zudem ist der positive Effekt digitaler Medien im Unterricht nicht eindeutig erwiesen. „Digitale Medien haben keinen Selbstzweck“, sagt Knoche vom Klett-Verlag. Dem stimmt Forscherin Scheiter zu: „Man muss genau hinsehen, unter welchen Bedingungen digitales Lernen Vorteile hat.“ Das soll mit dem Schulversuch „TabletBW“ untersucht werden. Ein großes Problem sei dabei auch die Lehrerausbildung, in der digitale Medien noch immer zu wenig vorkommen. „Die Kompetenz der Lehrkräfte spielt eine große Rolle“, betont Scheiter. Was bringt die Zukunft? Die Lehrerin Sandra Lichtenfeld hat eine App entdeckt, mit der sie ihre Schüler beispielsweise am Anfang und in der Mitte des Schuljahres testen kann: „Ich bekomme für jeden Schüler eine individuelle Auswertung.“ So lasse sich etwa identifizieren, ob jemand gut lesen kann, aber Probleme beim Hörverständnis habe. „Eine derart individuelle Betreuung kann ich ohne die technische Unterstützung nicht leisten.“ Die Psychologin Katharina Scheiter denkt noch einen Schritt weiter: Apps, die den Lernstand eines Schülers auswerten, könnten selbst passende Übungen vorschlagen und in Echtzeit überblicken, ob sie zur Situation des Schülers passen. Sie könnten Zusatzaufgaben anbieten oder für besonders Fitte früher das nächste Level freischalten: „In den USA ist das schon verbreitet.“ Der hiesige Schulbuchmarkt dagegen entwickelt sich eher träge – auch weil Schulbücher in jedem Bundesland unterschiedlichen Gremien vorgelegt werden müssen, die häufig nicht besonders offen für Innovatives sind. Dazu kommt, dass smarte Produkte Geld kosten. Das Interesse der Schulbuchverlage daran ist noch verhalten.