Digitale Marktplätze für die Industrie Start-ups setzen auf digitalen Handel mit Industrieteilen

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Mit großen Ambitionen sind in Deutschland digitale Marktplätze für die Auftragsvermittlung und Lieferung von Industrieteilen gegründet worden. Doch bevor der Bereich groß geworden ist, verschwinden schon wieder erste Firmen vom Markt. Die verbleibenden Start-ups hoffen aber darauf, den Durchbruch zu schaffen.

Laserhub aus Stuttgart ist eine  digitale Plattform für individuell bestellte Blechteile. Foto: Fotohub
Laserhub aus Stuttgart ist eine digitale Plattform für individuell bestellte Blechteile. Foto: Fotohub

Stuttgart - Es ist ein Markt, der allein in Europa potenziell viele Hundert Milliarden Euro umfasst. Ob es nun eher 150 Milliarden Euro sind, wie der Stuttgarter Blechteilespezialist Laserhub in seine Pressemitteilungen schreibt oder eher 700 Milliarden Euro wie sein Tübinger Konkurrent Kreatize ist letztlich Interpretationssache. Der Bedarf insbesondere der deutschen Industrie für Zulieferteile ist gigantisch – ob das nun Bleche sind, Gießteile, Bauteile aus Kunststoff oder anderen Materialien. Betriebe vom kleinen Maschinenbauer bis zum großen Autozulieferer sind hier auf flexible, oft sehr spezielle Lieferungen angewiesen. Doch dieser Markt ist im Gegensatz zur Konsumwelt kaum digitalisiert: Immer noch werden Einzelbestellungen sehr häufig per Mail oder Telefon aufgegeben, die Abwicklung ist teuer und kompliziert.

In den vergangenen Jahren ist vor allem in Süddeutschland eine Reihe von Start-ups entstanden, die in diesem Spezialbereich digitale Lieferplattformen aufbauen wollen – auf denen man solche hochspezialisierten Teile so einfach konfigurieren und bestellen kann wie auf Amazon. Dazu gehörten bisher in Süddeutschland Fabrikado (Balingen), Kreatize (Tübingen), Laserhub (Stuttgart) und Shift (München).

Gefahr für die zweite Runde der Digitalisierung?

Eigentlich ist dies ein Bereich, wo Deutschland sozusagen die „zweite Runde der Digitalisierung“, von der der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann spricht, potenziell gewinnen könnte. Amerikaner und Chinesen haben sich den Konsumbereich geschnappt – die Deutschen mit ihrer Produktionskompetenz könnten zum Platzhirsch im Geschäftskundenbereich werden, so die Vision. Doch in den vergangenen zwei Monaten sind zwei der vier erst vor wenigen Jahren gegründeten deutschen Start-ups zur Teilelieferung zumindest als selbstständige Firmen wieder weg vom Markt.

Das größte davon, das 2017 gegründete Unternehmen Shift in München, nach eigenen Angaben der größte derartige Digitalmarktplatz in Europa, ging an das US-Start-up Xometry. In den USA ist dieses mit einem ähnlichen Konzept dank der dort üppigeren Kapitalausstattung schnell gewachsen – und will nun den europäischen Markt aufrollen. Fabrikado wurde von Kreatize übernommen.

Ein Amazon-Effekt wäre möglich

Droht nun auch in diesem Bereich eine Art von Amazon-Effekt? Das wäre kein guter Start in die zweite, so entscheidende Runde der Digitalisierung, die noch ganz am Anfang steht. Christoph Rößner, Mitgründer des Stuttgarter Blechteilespezialisten Laserhub, schätzt, dass alle digitalen Marktplätze zusammen erst einen Umsatz im zweistelligen Millionenbereich erreichen. Für Simon Tüchelmann, den Gründer der Tübinger Plattform Kreatize, die sich mit den Balingern von Fabrikado vergrößert hat, ist ein solches Zusammengehen eine unvermeidliche Abwehrmaßnahme – damit nicht die kapitalmäßig viel besser ausgestattete ausländische Konkurrenz am Ende auch diesen Markt dominiert. Schnell groß werden und auch in die Breite wachsen ist seine, eher ein bisschen amerikanisch anmutende Devise.

Sein Konkurrent Rößner sieht die frühzeitige Konzentration auf dem Markt eher mit Sorge. Die Zahl der Übernahmen scheine auf den ersten Blick klein: „Aber wenn in ganz kurzer Zeit und schon so früh zwei von sechs relevanten Unternehmen in Europa wieder weg sind, ist das nicht gut für den Markt.“ Wie wichtige unabhängige Start-ups sind, zeigt die Tatsache, dass der Versuch des Laserspezialisten Trumpf, eine eigene Digitalplattform namens Axoom hochzuziehen, letztlich nicht erfolgreich war. Das Unternehmen wurde vom Stuttgarter Finanzdienstleister GFT übernommen, der Mitarbeiter und Kompetenzen im Bereich Industrie 4.0 gewinnen wollte.

Laserhub sieht Qualitätsvorsprung als Schlüssel

Hier in Deutschland habe man die Chance, Verfahren mit einem besseren technischen Standard und einer konsequenteren Digitalisierung sämtlicher Abläufe zu entwickeln, wenn Start-ups sozusagen von unten organisch nachwachsen würden, sagt Rößner. Der Markt sei groß genug – der deutsche Standortvorteil müsse, ganz nach dem Muster der heimlichen Weltmarktführer im Mittelstand, die Überlegenheit bei Qualität und Technologie sein. Der Markt für Geschäftskunden tickt anders: Während beim Verbraucher Preis und Bequemlichkeit zählen, suchen Firmenkunden Qualität und Liefertreue.

Letztlich geht es bei den gegensätzlichen Strategien um die Grundsatzfrage, ob es im Geschäftskundenbereich auch einen deutschen Weg zur Digitalisierung gibt oder ob er auch in Spezialbereichen allein den Gesetzen von Größe und Schnelligkeit folgen wird. In einem sind sich die Gründer von Kreatize und Laserhub einig: Eine Achillesferse in Deutschland ist das fehlende Wachstumskapital.

Kreatize glaubt an den Zwang zur schnellen Expansion

Durch das Zusammengehen mit seinem – bei den Produkten komplementären – Wettbewerber Fabrikado konnte Kreatize sich aus eigener Kraft vergrößern. Man will einer der auf diesem Markt in Europa wohl übrig bleibenden, zwei bis drei großen Spieler werden. Auch Laserhub will sein Portfolio verbreitern, aber eben Schritt um Schritt. Generell, so sagt Christoph Rößner bedauernd, wäre in dem Bereich der digitalen Plattformen für Industrieteile eigentlich noch Raum für Konkurrenz. Nur eine Vielzahl von Start-ups könne zum Treiber werden, um den Markt zu entwickeln. Die sich anbahnende Industriekrise dürfte einen Schub bringen, das erwarten sowohl Tüchelmann als auch Rößner. „Auf einmal kommen die Kosten aller Prozesse auf den Tisch“, sagt der Laserhub-Mitgründer: „Wenn bei den Unternehmen die bestehenden Bestellvorgänge funktionieren, haben sie ansonsten wenig Neigung, etwas daran zu ändern.“ Die Frage ist, wie viele Start-ups übrig sind, um davon zu profitieren.

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