Medienpädagoge Beisel hat 17 anschauliche und leicht verständliche Videos produziert. Foto: jps/Clemens hilft
Der Kreis Böblingen stellt allen Eltern von Schulkindern kostenfrei eine Online-Plattform zur Verfügung, auf der der Medienpädagoge Clemens Beisel hilfreiche Tipps für den Umgang mit digitalen Medien gibt. Das Angebot dürfte auf fruchtbaren Boden fallen: Der Bedarf ist riesig.
Viele Eltern können ein langes (Klage-)Lied davon singen: Der richtige Umgang mit digitalen Medien stellt den Familienfrieden nicht selten auf eine harte Probe. Ob Smartphones, Spielekonsolen, Tablets oder der fast schon antiquiert anmutende Fernseher: Sie alle üben auf Kinder und Eltern eine magische Anziehungskraft aus. Jede Familie regelt den Umgang mit Medien anders, nicht wenige sind überfordert. Zwar gibt es einiges an gedruckter Ratgeberliteratur, doch die ist in der Schnelllebigkeit digitaler Medien bei Erscheinen oft schon wieder veraltet.
Eltern einen stets aktuellen Werkzeugkasten für den richtigen Umgang an die Hand zu geben, hat sich der Sozial- und Medienpädagoge Clemens Beisel aus Pforzheim zur Aufgabe gemacht. Seit 2013 tourt er als Referent durch die verschiedensten Institutionen, hat einen Lehrauftrag der Evangelischen Hochschule in Freiburg und kooperiert mit mehreren Krankenkassen. Im Schuljahr 2022/2023 absolvierte er allein 300 Veranstaltungen zu dem Thema an Schulen und Unternehmen in ganz Süddeutschland.
Nach eigenen Angaben reist er dafür an die 40 000 Kilometer im Jahr, und kommt doch nicht hinterher: Die Zahl der Anfragen lässt sich allein logistisch nicht mehr bewältigen. Er bietet sein Programm „Clemens hilft!“ daher seit 2020 über das Online-Format „Digitaler Elternabend“ an. Nach eigenen Angaben wird es rund 15 000 Mal im Monat abgerufen, was den enormen Bedarf an Aufklärung in diesem Bereich aufzeigt. „Mein Ziel ist es nicht, Ihnen in Stein gemeißelte Gesetze aufzutischen, nach denen Sie sich zuhause richten müssen“, sagt er im ersten von 17 Videos, die das Programm beinhaltet. „Mein Ziel ist es, Sie zu inspirieren und Ihnen Tipps zu geben, was Sie verändern können, wenn Sie den Bedarf sehen.“
Eltern erhalten Zugang über Schulen
Die wertvollen Tipps sind nicht für jedermann gratis im Netz verfügbar, Beisel bietet Schulen oder kommunalen Trägern das Online-Wissen gegen eine Lizenzgebühr an. Die hat nun der Landkreis Böblingen auf Initiative des Präventionsbeauftragten Jörg Litzenburger investiert. Über die Schulen im Kreis erhalten die Eltern Zugang zur Plattform. „Der Vorteil ist, dass die Eltern es sich selbst einteilen können, wann und wo sie die Videos ansehen“, sagt Litzenburger.
Zum Programm gehören auch Experten-Interviews, hier mit Diplom-Pädagogin Angela Blonski Foto: Screenshot jps
Die große Nachfrage zu diesem Thema hat er auf verschiedenen Elternabenden im Kreis Böblingen mitbekommen. Die Schulen allein könnten diese indes nicht abdecken. Die haben schon ihre liebe Mühe, die Smartphone-Nutzung im Schulgebäude in den Griff zu bekommen. Litzenburger: „Medienpädagogik ist leider kein fest verankertes Pflichtfach im Lehrplan, was ich sehr bedaure.“ Wenn aber weder Lehrer, noch Eltern genau darüber Bescheid wissen, was der Nachwuchs am Bildschirm eigentlich so alles treibt, bestehe ein gefährliches Vakuum, sagt der Präventionsbeauftragte.
Denn die sozialen Medien mit ihren immer raffinierteren Algorithmen würden die Menschen dazu verführen, sich nur noch in der eigenen Meinungsblase aufzuhalten. „Dort konsumieren wir die Inhalte meist eher passiv und kriegen nur das serviert, was wir in der Vergangenheit bereits angeschaut haben“, sagt Litzenburger und sieht darin insbesondere bei Kindern und Jugendlichen eine ungute Entkoppelung von der echten Welt um sie herum.
Genau hier setzt der digitale Elternabend an, der sich grob in drei Blöcke gliedert. Ganz zu Beginn allerdings stehen die Eltern selbst im Fokus. Studien belegen, dass ein Erwachsener im Schnitt alle 15 Minuten sein Handy entsperrt, macht hochgerechnet 64 Mal pro Tag. Dass dieses Verhalten von den eigenen Kindern nachgeahmt wird, ist naheliegend und wenig verwunderlich, sagt Beisel. Im Block Basis-Wissen beleuchtet Beisel vor allem die sozialen Medien. Ein Video trägt den Titel „Instagram: Trügerische Bild- und Videowelt“, ein anderes betont das Suchtpotenzial der chinesischen Social-Media-Plattform Tiktok.
In verdauliche Häppchen gegliedert
Das Aufbau-Wissen beleuchtet Videospiele und die Videoplattform Youtube und im Experten-Wissen interviewt Beisel Fachleute zu Themen wie Mediensucht oder sexuellen Grenzverletzungen. Die Videos sind in verdauliche Häppchen gegliedert, die meisten dauern zwischen 10 und 20 Minuten. So lassen sich die Tipps bequem auf der Couch ansehen, wenn die Kinder schon im Bett sind. Litzenburger hofft, dass die Inhalte möglichst viele Eltern langfristig erreichen. Sie stehen ihnen noch bis zum 14. November kostenfrei zur Verfügung.