Digitales Lernen Kugelstoßen mit dem Tablet

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Bereits im fünften Jahr lernen die Schüler des Technischen Gymnasiums für Umwelttechnik an der Gottlieb-Daimler-Schule überwiegend digital. Wie verändert sich der Unterricht dadurch? Ein Besuch.

Lehrer und Schüler des Technischen Gymnasiums bereiten ein digitales Stehcafé vor. Foto: factum/Simon Granville
Lehrer und Schüler des Technischen Gymnasiums bereiten ein digitales Stehcafé vor. Foto: factum/Simon Granville

Sindelfingen - An ihrer früheren Schule – der Realschule in Holzgerlingen – durfte Pierra Rittmaier noch nicht einmal ihr Handy benutzen. Am Technischen Gymnasium der Sindelfinger Gottlieb-Daimler-Schule 2 (GDS 2), das sie nun besucht, gehören Tablets hingegen zur Grundausstattung. Der Unterricht findet überwiegend digital statt. Zum Beispiel im Fach Spanisch. Mit einer App können die Schüler Geschichten erzählen. Sie bauen mit Comicfiguren einen Plot und unterlegen diesen mit einer spanischen Konversation, die sie einsprechen. Mit einer anderen App lesen sie in einem Nachrichtenstudio spanische News. „Das Lernen mit dem Tablet ist viel abwechslungsreicher als sonst“, sagt Pierra Rittmaier.

Eingesetzt wird das Tablet aber nicht nur im Sprachunterricht. Die Lehrer Uli Blessing und Christian Wettke nutzen es sogar für den Sportunterricht. „Wir studieren mit dem Tablet bestimmte Bewegungsabläufe“, erklärt Blessing. „Zum Beispiel filmen wir mit dem Tablet das Kugelstoßen und schauen es uns dann zeitversetzt an. So können die Schüler selbst erkennen, was sie verbessern müssen.“

Der Lehrer vermittelt den Stoff online

Individuelles Lernen und die Eigenverantwortung der Schüler für ihr Lernen – das sind Leitziele moderner Pädagogik, besonders für Oberstufenschüler. Und genau dafür eigne sich das digitale Lernen hervorragend, sagt Christian Wettke, Spanisch– und Sportlehrer sowie Multimedia-Berater an der GDS 2. Ein Beispiel dafür sei das Flipped-classroom-Projekt, bei dem der klassische Unterrichtsaufbau umgedreht wird. Die Stoffvermittlung findet nicht im Frontalunterricht im Klassenzimmer, sondern zuhause am Tablet statt, die Erarbeitung des Stoffs dann in Gruppenarbeit in der Schule.

Für den Lehrer bedeutet das mehr Arbeit. Denn er muss ein Tutorial erstellen, einen kleinen Film, in dem er den Unterrichtsstoff erklärt. Der Vorteil dieser Methode aus Schülersicht liegt auf der Hand. „Jeder kann sich den Film so oft anschauen, wie er es möchte“, sagt Nazariy Petruniv, der in diesem Schuljahr Abitur macht. Sein Klassenkamerad Lennart Müller nutzt die Filme vor allem vor Klassenarbeiten zum Wiederholen des Stoffs. „Der Film steht ja immer zur Verfügung“, sagt er. Bereits zwei Jahrgänge des TG haben als Tabletklassen das Abitur gemacht. Im kommenden Jahr werden weitere 60 Schüler die Prüfung machen, darunter eben Lennart Müller, Pierra Rittmaier und Nazariy Petruniv.

Anspruchsvoll ist diese Unterrichtsmethode nicht nur für die Lehrer, sondern auch für die Schüler. So gehört heute zu jedem Seminarkurs im Profilfach Umwelttechnik die Erstellung eines Films, mit dem die Schüler ihr Projekt dokumentieren. Der Film fließt bei der Notengebung ein.

Auch die Berufsschüler sollen demnächst mit dem Tablet lernen

Die Schüler finden nach der Beobachtung von Herbert Waldschmidt, dem Chef des TG, rasch Zugang zur digitalen Technik. Da aber alle sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen, wurde das digitale Stehcafé initiiert, bei dem besonders befähigte Schüler neuen Mitschülern, aber auch Lehrern, Eltern und Besuchern die Grundlagen des digitalen Arbeitens vermitteln. Auch einige Berufsschullehrer haben die jungen Mentoren bereits geschult. Denn vom kommenden Schuljahr an soll der Tablet-Unterricht nach und nach auch in der Berufsschule eingeführt werden. Begonnen wird zunächst mit den Elektronikern.

Die Idee für das digitale Stehcafé hatte Christian Wettke gemeinsam mit seinem bayrischen Kollegen Georg Schlamp. Und zwar für die Lehrer-Fortbildung. Mit dieser Idee touren die beiden Pädagogen zu Kongressen und Konferenzen. Dabei gehe es nicht darum, alles zu digitalisieren, was nur geht, betont Wettke. „Wir wollen unsere Schüler bestmöglich auf die Zukunft vorbereiten, und diese ist digital.“ Deshalb gehört zum Unterricht an der GDS auch der kritische Umgang mit der digitalen Welt. Zum Beispiel: „Woran erkenne ich Fake News?“ oder: „Wie schütze ich mich vor Cyber-Mobbing?“

Infotag mit digitalem Stehcafé

Infotag
Digitale Stehcafé öffnet wieder am 30. November am Infotag der Gottlieb-Daimler-Schule 2. Von 10 bis 13 Uhr können sich künftige Realschulabgänger über die weiterführenden Bildungsgänge informieren: das Technische Gymnasium für Umwelttechnik, das zum Abitur führt und die zweijährigen Berufskollegs für Produktdesign, Mediendesign, Mechatronik und Kommunikationstechnologie mit Abschluss Fachhochschulreife. Zudem gibt es ein einjähriges Berufskolleg für Leute mit abgeschlossener Ausbildung.

Fördergeld
Die GDS 2 hat wie viele Schulen einen Medienentwicklungsplan erstellt, um an Fördergeld aus dem Digitalpakt zu kommen. Sie erhofft sich 200 000 Euro aus dem Fördertopf. Damit soll das WLAN in der Schule verstärkt werden. Außerdem sollen alle Klassenzimmer so ausgerüstet werden, dass sowohl mit I-pads als auch mit Microsoft-Tablets gearbeitet werden kann. Anschaffen will die Schule zudem Tablets für die Lehrer.