Digitalfestival SXSW Schöne neue virtuelle Welt

Musik, Film, digitale Euphorie – auf dem Festival in Texas geht es mehr um Ideen und Visionen als um die eigentliche Technologie. Foto: SXSW
Musik, Film, digitale Euphorie – auf dem Festival in Texas geht es mehr um Ideen und Visionen als um die eigentliche Technologie. Foto: SXSW

Auf dem Kreativ- und Digitalfestival SXSW in Austin lassen die Visionäre die Wirklichkeit hinter sich: Künstliche Intelligenz und Virtuelle Realität sollen den Menschen zum besseren Konsumenten machen.

Wirtschaft: Andreas Geldner (age)

Austin - Im Schatten der Büro- und Hotelblocks der Downtown von Austin in Texas sehen einige Straßen noch aus wie im Western. Schmale, niedrige Fassaden sind in mexikanischer Farbenfreude grellbunt bemalt, beleuchtet von knalligen Neonlichtern. Im Musik- und Kneipenviertel der coolsten Metropole von Texas ist für zehn Tage im März Dauerparty angesagt. Das Festival South by Southwest, kurz SXSW, kann seine Wurzeln als Musik- und Filmhappening nicht verleugnen. Heute ist es ein Mekka für digitale Trends an der Schnittstelle von Technologie und Kreativität.

Das Barracuda, eine der Szenekneipen im Viertel, haben deutsche Wirtschaftsförderer aus Bund und Ländern nun schon seit einigen Jahren fürs Festival gemietet – um zu zeigen, wie cool „good old Germany“ ist. „German Haus“ heißt der Schuppen in der East 7th Street nun vorübergehend. Das passt zu Austin, das wie Texas insgesamt deutsche Einsprengsel hat. Ein paar Straßen weiter liegt der Scholz-Garten. Es gibt die Restaurants Fabi und Rosi und The best Wurst. Cowboyhüte sind im linksliberalen Austin Fehlanzeige. Das Publikum ist jung, technikverliebt – und überwiegend weiß. Begegnungen mit Afroamerikanern hat es eher, wenn es mit dem Smartphone vor dem Gesicht an Obdachlosen ein paar Blocks vom Kongresszentrum entfernt vorbeigeht.

Visionen und Spaß statt immer nur Technik

Eine gut bestückte Bar, dazu viel Dosenbier und laute Musik. Zwischendrin werden auf der Bühne im Barracuda Start-up-Präsentationen eingestreut. In Austin zeigt man nicht Technik, hier geht es um Ideen, Visionen – und um Spaß. Es geht um das, was man im Start-up-Jargon Netzwerken nennt. Das ist unter Zehntausenden Teilnehmern durchaus ein Leistungssport.

Felix Haaksman und Robin Hofmann vom in Stuttgart und Berlin basierten Musik-Marketingunternehmen Hear Dis scannen im Hinterhof des Barracuda die Menge. Hear Dis läuft in der Start-up-Gruppe mit, welche die Außenhandelsförderer von Baden-Württemberg international nach Austin gebracht haben. Ob die eingeladenen Amerikaner zum Meet and Greet kommen? Das Unternehmen ist das perfekte Beispiel dafür, wie radikal die Digitalisierung das Verständnis von Kreativität verwandelt. Angefangen haben die Gründer als Musiker und DJs. Sie legten bei kommerziellen Events auf – und fanden heraus, dass dort die eigentliche Musik spielte. Hear Dis begann vor 13 Jahren als Musikagentur, mit Expertenwissen und Intuition. Dann kam die digitale Revolution. Es fing an mit der Computeranalyse von Musikstücken. Heute lässt sich mit künstlicher Intelligenz der Musikgeschmack jedes Menschen sezieren.

Digitalisierung verwandelt die Kreativität

„Als wir angefangen haben, gab es diese Technik nicht – aber im Laufe der Zeit haben wir begonnen, sehr technisch zu denken, und entwickeln jetzt selber Technologie“, sagt Robin Hofmann. 100 000 Titel hat man inzwischen in der Datenbank. Die Analyse-Software weiß besser als der Mensch, in welche Schubladen sie passen: „Wenn sie einen Song fetzig nennen, dann ist das subjektiv. Der Computer kann Musik viel präziser beschreiben.“ Nach Austin ist Hear Dis mit den Resultaten eines EU-Förderprogramms gekommen, an dem man teilgenommen hat. Dort wurde eine Datensammlung mit den Musikvorlieben von 10 000 Menschen aus allen Lebensaltern und sozialen Schichten angelegt. „Wir haben jetzt 1,2 Millionen Datenpunkte“, sagt Felix Haaksman. Das Duo wittert auf dem Markt für Werbemusik, der von US-Firmen dominiert wird, seine Chance. „Wir können ein selbstlernendes System entwickeln, das vorhersagen kann, welche Zielgruppe welche Marketingbegriffe mit welcher Musik verbindet“, sagt Hofmann.

Ganz schwäbisch entwickelt

Hear Dis hat sich sozusagen schwäbisch entwickelt. „Die einzigen Schulden, die ich je für die Firma gemacht habe, waren 3000 Euro, die ich mir von meinem Vater für Visitenkarten und erstes Marketingmaterial geliehen habe“, sagt Haaksman. Man ist ein „hidden champion“, fast wie ein Mittelständler. Die Kunden sind Firmen, nicht Endkonsumenten, ein großes Marketingbudget ist nicht nötig. Man will mit überlegener Technologie überzeugen. Der Standort Stuttgart ist der größte des Unternehmens. Hier sitzen Premiumkunden: Mercedes-Benz, Porsche Design, Hugo Boss.

Und während der Tesla-Entrepreneur Elon Musk auf der Bühne in Austin vom Mars redet oder von der drohenden Weltherrschaft der künstlichen Intelligenz, will Hear Dis in Texas ein paar der weltweit nur drei Dutzend Experten treffen, die sich mit der Schnittstelle zwischen Musik, Marketing und künstlicher Intelligenz auskennen. „Hier können wir wie nirgends sonst die Trends aufspüren“, sagt Felix Haaksman. Der Mensch auch bei der Musik nun im Griff der Daten? So will das Robin Hofmann nicht stehen lassen. „Künstliche Intelligenz ist nicht für das Unvorhersehbare und Überraschende geeignet“, sagt er: „Wenn es um echte Kreativität geht, braucht es Menschen.“ Er sieht das smarte System als Quelle neuer Vielfalt: Musik einer kleinen, regionalen Band könne etwa in regionalen Läden eingespielt werden.

Angesteckt von der großen Vision der Virtuellen Realität

Ein anderer Teilnehmer, der im Partygetümmel im German Haus am Biertisch an der Bewerbung für einen Förderwettbewerb tippt, hat sich auf der SXSW von einer Vision infizieren lassen. Tom Brückner aus Karlsruhe hat 2017 mit einem in Austin spontan gefundenen Teampartner aus Los Angeles einen sogenannten Hackathon gewonnen. Im Ideenwettbewerb galt es, Ideen für die künstliche Realität zu finden.

Herausgekommen ist unter dem Namen Marble AR eine Kombination von künstlicher Realität mit Musik. Ein DJ in der Diskothek soll nicht nur Musik spielen, sondern gleichzeitig ein optisches Erlebnis schaffen, das weit über die heutigen Lichteffekte hinausgeht. „In Deutschland hätte ich nicht so schnell jemanden gefunden, der das Konzept versteht“, sagt er. Doch in Austin begeisterte sich die Jury im vergangenen Jahr für die Idee. Nun ist Brückner zurück, um sie weiterzuentwickeln. Schon heute zücken viele Konzertbesucher ihre Smartphones. Bei Brückners Technologie soll man sein Smartphone in den Konzertsaal richten – und auf dem Bildschirm atemberaubende optische Effekte erleben, die Realität und Simulation verbinden. Der Smartphonebildschirm ist nur ein Zwischenschritt. „Ich glaube, dass in ein paar Jahren jeder Konzertbesucher mit einer Brille für virtuelle Realität ausgestattet ist“, sagt Brückner.

Aber was heißt Brille? „Ich habe den Vortrag des Microsoft-Experten Mike Pell gehört, der sagt, dass man bald so weit sein wird, das als Kontaktlinse im Auge tragen zu können.“ Die Grenzen zwischen digitaler und realer Welt verschwimmen. „Die Amerikaner, die ich getroffen habe, sind von dem Konzept begeistert“, sagt Brückner. Pell sagt voraus, dass virtuelle Realität die Welt ähnlich transformieren wird, wie es Internet und Smartphones bereits getan haben: Bildschirme werde es nicht mehr geben. „Stattdessen werden wir von Hologrammen umgeben sein, die über künstliche Realität in unser Blickfeld eingeblendet werden und die wahrnehmbare Realität um eine digitale Ebene erweitern“, sagt Brückner. Sein Highlight in Austin: ein Workshop mit Johannes Saam, einer Hollywoodkoryphäe für Spezialeffekte. Dort wurde ein Mensch gescannt, um diesen in virtueller Realität als „Geist“ erscheinen zu lassen.

Der Traum vom perfekten Konsumenten

Amerikaner auf den Podien zeigen sich euphorisch beim Gedanken, dass neue digitale Werkzeuge den Menschen zum perfekten Konsumenten machen. Beeinflussbar, berechenbar, eingewickelt in digitale Realität und glücklich, wenn ein Erlebniskick dazukommt. Man werde weniger mit Dienstleistungen handeln als mit Erlebnissen, sagt der US-Innovationsberater Joe Pine auf einem Podium zur Zukunft des Handels: „Services sind heute ein Billigprodukt“, sagt er: „Wenn Sie sich unterscheiden wollen, müssen sie Erlebnisse anbieten – und die Leute dafür bezahlen lassen.“

Für Veit Haug, der von der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart nach Austin gekommen ist, war irritierend, wie wenig all dies hinterfragt wurde. „Die Rettung der Welt durch Technologie ist noch immer der Traum der Amerikaner“, sagt Haug: „Ich rette durch neue Technologie das, was ich durch die alte und die damit einhergehende Verschwendung kaputt gemacht habe. Ansonsten ziehen wir auf den Mars, mit Elon.“ Der Tesla-Gründer Elon Musk sei auf dem Festival als „göttliches Vorbild gefeiert worden – in einem Land, dem die Vorbilder abhandengekommen sind“.

Nur wenige kritische Stimmen

Gegenstimmen sind selten. So sieht Amy Webb, eine prominente US-Zukunftsforscherin, ein Risiko, dass das Gefühl digitaler Bevormundung zu gesellschaftlichen Erschütterungen führen wird: „Es ist möglich, dass die Leute nicht mehr verstehen, wie Entscheidungen um sie herum gefällt werden. Und sie rebellieren dagegen.“ Der US-Autor Brian Solis, einst Guru der sozialen Medien, forderte in Austin, sie endlich auf den Menschen auszurichten: „Sie sind bisher so konzipiert, uns vollkommen aufzusaugen.“ Auf den Punkt brachte es der US-Schriftsteller Bruce Sterling, Protagonist des düsteren Genres des sogenannten Cyberpunk, auf einer Podiumsdiskussion von Science-Fiction-Autoren. Die waren sich einig, dass die Literatur kritische Szenarien entwerfen müsse, an denen die kommerziellen Digitalpropheten kein Interesse haben: „Mit dem Gerede, dass sich die Gegenwart so schnell verändert, dass selbst die Science-Fiction-Autoren nicht mehr hinterherkommen, kaschieren doch die großen Digitalkonzerne, dass sie die Welt unter sich aufgeteilt haben – und das sich das nicht so schnell ändern wird.“

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