Baden-Württemberg will bei dem technologischen Schlüsselthema seinen eigenen Weg gehen und mit seinem Produktions-Know-how punkten.

Wirtschaft: Andreas Geldner (age)

Stuttgart - Den ganz großen Ehrgeiz beim Thema Künstliche Intelligenz (KI) hat Landeswirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) dann doch etwas dämpfen müssen – auch wenn sich der zweite Digitalgipfel des Landes ganz um dieses Zukunftsthema gedreht hat.

„Wenn Sie 15 Milliarden Euro für die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz fordern, möchte ich nur daran erinnern, dass der gesamte Etat des Wirtschaftsministeriums bei einer Milliarde liegt“, sagte sie auf einen entsprechende Vorschlag des in der Schweiz lehrenden Professors Jürgen Schmidhuber, der als einer der Väter der KI gilt. Sie werde diesen Impuls aber gerne in die anstehenden Verhandlungen über den Doppelhaushalt das Landes einbringen, sagte die Ministerin und Initiatorin des Gipfels lächelnd. Zum Vergleich: Ein aktuelles Landesprogramm zur Förderung der Künstlichen Intelligenz sowie zusätzlich die Kofinanzierung eines Bundesprogramms kommen auf weniger als ein Tausendstel der genannten Milliarden.Auf solche Beträge kommt man allerdings, wenn die Investitionen der Maßstab sind, die zurzeit in China für die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz aufgebracht werden. Hoffmeister-Kraut berichtete von ihrem kürzlichen Besuch in der Millionenstadt Shenzhen. Allein diese eine Stadt habe ein Budget von umgerechnet zehn Milliarden Dollar (8,9 Milliarden Euro) eingeplant, um bei dieser Technologie vorne dabei zu sein. Die 700 000 Kameras, die dort die Stadt überwachen und dank KI jedes Gesicht erkennen, sind in Deutschland und Europa aber undenkbar.

Eine Stadt in China investiert schon zehn Milliarden Dollar

Dennoch herrschte in der vollbesetzten Carl-Benz-Arena das Gefühl, dass Baden-Württemberg wenigstens in der zweiten Halbzeit des Rennens um die Künstliche Intelligenz mithalten könne. „Bisher nutzen die ganz großen Plattformen wir Facebook und Google diese Technologie und profitieren von den großen Datenmengen, die sie gesammelt haben“, sagte Schmidhuber. Doch künftig gehe es darum, Maschinen in vielen kleinen praktischen Anwendungen intelligent zu machen: „Und die Daten dazu hat nicht Facebook, sondern die haben diejenigen, welche diese Maschinen produzieren.“

Karlsruhe rückt auf der Landkarte für Künstliche Intelligenz nach vorn

Baden-Württembergs Chance liegt also weniger in großen, zentralen Plattformen, sondern in dem Detailwissen, das die vielen kleinen und mittleren Weltmarktführer insbesondere im Bereich der Produktion über Jahrzehnte angesammelt hat. Karlsruhe, so berichtete David Hermanns, der Geschäftsführer des dortigen IT-Netzwerks Cyberforum, sei bei den Start-ups aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz inzwischen auf Platz drei in Deutschland – und wolle weiter nach vorn. Wer im Land Lösungen für Geschäftskunden entwickele, finde sofort Partner und Abnehmer. „Es fehlt allerdings bei den Unternehmen immer noch etwas der Mut zum Experimentieren“, sagte einschränkend Kiryo Abraham, Mitgründer des Karlsruher Start-ups Neohelden. Dieses Unternehmen hat nach dem Muster der smarten Lautsprecher Alexa und Siri ein intelligentes Sprachsteuerungssystem für Anwender in Unternehmen entwickelt, die es etwa bei der Wartung von Maschinen in Kombination mit Datenbrillen einsetzen können.

Der prominente, französische Gast des Events lobte Baden-Württemberg jedenfalls für sein Engagement auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz: „Ich habe den Eindruck, dass man unter den deutschen Bundesländern bei diesem Thema am meisten Druck macht“, sagte Cédric Villani, einer der führenden Mathematiker Europas und Berater des französischen Präsidenten Emmanuel Macron.