Stuttgart - Die Corona-Pandemie zwingt auch in Stuttgart die Schulen dazu, ihren Unterricht an die neuen Gegebenheiten anzupassen – pädagogisch und technisch. Doch die Voraussetzungen für eine Digitalisierung sind völlig unterschiedlich, die Schulen vermissen festgeschriebene Standards. So muss jede ihren eigenen Weg dafür finden – in jeder Schulart. Was tun, wenn sich, wie an der Schule für Farbe und Gestaltung in Feuerbach, 30 Berufsschüler vom Unterricht abmelden, weil sie und ihre Betriebe Angst vor einer Corona-Ansteckung haben? Oder wenn, wie an der Kaufmännischen Schule Nord, Betriebe anfragen, „warum wir keinen Fernunterricht machen, in diesen Zeiten“, so Schulleiter Rainer Denz. Am Gottlieb-Daimler-Gymnasium in Bad Cannstatt wäre man schon froh über Internet im Lehrerzimmer.
Kultusministerium: Betriebe dürfen Azubis nicht von der Berufsschule abmelden
Denz, der auch geschäftsführender Leiter der kaufmännischen Schulen ist, weist die Betriebe nicht nur auf die Anordnung des Kultusministeriums hin, dass derzeit Präsenzunterricht zu halten sei. Er habe den Betrieben auch „klar gemacht, dass Fernunterricht immer nur die zweite Option sein kann, nach dem Präsenzunterricht – das sagen auch die Schüler“, so Denz. Beides steht auch für Felix Winkler fest, den Leiter der Schule für Farbe und Gestaltung und geschäftsführenden Leiter der gewerblichen, haus- und landwirtschaftlichen Schulen. Die weggebliebenen Schüler, die „eigentlich keinen Anspruch auf Homeschooling“ haben, lässt er bisher gewähren. Es sei schwierig, „dagegen vorzugehen, wenn der Betrieb das mit deckt“, so Winkler. Aber es gebe auch eine Berufsschulpflicht – „und das Recht auf Bildung ist vorrangig vor den Bedürfnissen der Betriebe“, findet Winkler. Eine Einschätzung vom Kultusministerium habe er dazu bisher nicht. Unserer Zeitung sagte ein Ministeriumssprecher auf Anfrage: „Betriebe haben nicht die Möglichkeit, ihre Auszubildenden von der Berufsschule abzumelden oder auf einem Fernlernangebot zu bestehen.“ Für Letzteres müssten die Schüler eine Vorerkrankung nachweisen.
Schulleiter: Streaming erhöht die Qualität
In Feuerbach erprobt man indes in der Lacklaboranten-Klasse einen live gestreamten Unterricht. Das geht so: Die Hälfte der Klasse sei tatsächlich anwesend, die andere Hälfte nehme am Unterricht virtuell teil. „Auf dem Bildschirm sieht der Lehrer auch alle Schüler, die online sind“, erklärt Winkler. Und diese könnten dank ausgetüftelter Technik sowohl die Tafelanschriebe mitverfolgen als auch Lehrer Rainer Schuler gut hören. Da müsse der Datenschutz eben hintanstehen, meint der Schulleiter. Und: „Für mich ist das Streaming die einzige Lösung für das Problem.“ Auch im Kultusministerium sieht man „das Streamen des Unterrichts als eine Möglichkeit, Fernlernangebote umzusetzen“. Die Qualität der Unterrichtsvermittlung beim Fernlernen werde dadurch deutlich erhöht, so Winkler. Denn Arbeitsblätter zu schicken oder die Schüler über eine Cloud alles selber erarbeiten zu lassen, funktioniere nur zu 60 Prozent, wie sich in der Corona-Anfangsphase gezeigt habe.
Flächendeckendes WLAN ist an Stuttgarter Schulen die Ausnahme
Allerdings brauche man für einen live gestreamten Unterricht hochauflösende Systeme – „da reicht es nicht, wenn der Lehrer das iPad hinstellt und sich selber aufnimmt“, so Winkler. Also habe man mit verschiedenen Systemen experimentiert. „Wir haben selber recherchiert und das ausprobiert – man muss ja erst mal wissen, was man anschafft“, sagt Winkler. Das System habe man für 1500 Euro pro Stück in einigen Klassenräumen eingerichtet. Plus 50 Euro pro Gerät für eine Software, mit der man die Apps auf den Beamer bekommt. „Aber warum muss jede Schule da ihre eigenen Erfahrungen machen? Das reibt uns alle auf“, so der Schulleiter. Dass es an seiner Schule im Unterschied zu vielen anderen flächendeckend WLAN gebe, liege daran, dass man sich mit dem Ziel eines zeitgemäßen Unterrichts schon früh über die Vorschriften hinweg gesetzt habe, räumt Winkler ein. Auch einen eigenen E-Mail-Server habe man eingerichtet, über den die Mails geräteunabhängig und auch von zuhause abgerufen werden können. Das hilft nicht nur bei einem Lockdown. Bei den städtischen E-Mail-Accounts, mit denen sich viele Schulen in Stuttgart begnügen, sei das nicht möglich – „da beißen wir auf Granit“, so Winkler. Allerdings müsse der Server auch betreut werden.
Apropos: Netzwerkbetreuung sei ein zentrales Thema. Doch es werde immer noch vorausgesetzt, dass das technikaffine Lehrer nebenher erledigen. „Aber das reicht nicht mehr“, sagt Denz. Winkler hätte für seine Schule gern „mindestens eine Vollzeit-IT-Kraft“. Denn dort gebe es 600 digitale Endgeräte zu verwalten – und seit kurzem zudem noch 150 nagelneue iPads. Diese stammen aus dem Sofortausstattungsprogramm von Bund und Land. 13 000 Stück hat die Stadt für ihre Schulen bestellt – zur Verteilung an Schüler.
„Nicht einfach Technik in die Schulen schütten“
„Vom Umfang her entspricht das der PC-Ausstattung der ganzen Stadtverwaltung“, sagt Andreas Hein, Chef des Schulverwaltungsamts. Die 30 Millionen Euro aus dem Digitalpakt stehen noch aus. Aber dafür muss die Stadt aus jeder Schule erst einen Medienentwicklungsplan über die pädagogische Umsetzung liefern. Vier neue Mitarbeiter und das Stadt- und Landesmedienzentrum (SMZ/LMZ) sollen nach den Herbstferien die Schulen dabei unterstützen. Denn, so SMZ-Leiter Hans-Jürgen Rotter: „Ich kann ja nicht einfach Technik in die Schulen schütten.“
Das sieht auch der Gesamtelternbeirat so. „Der lange bestehende Lehrkräftemangel, eine auf Kante genähte Personalplanung an den Schulen und die verschlafene Digitalisierung, jetzt zugespitzt durch örtliche Quarantänemaßnahmen, sind fatal für die Bildung unserer Kinder“, sagt Manja Reinholdt. Es fehlten verbindliche Qualitätskriterien für den Fernunterricht. Die bisherigen Vorgaben seien zu vage.