Digitalisierung Das Rad bei Innovationen dreht sich schneller

Von  

Der Siemens-Konzern gewinnt immer mehr Kunden für seine Internet-Plattform Mindsphere.

Zum Siemens-Angebot für die digitalisierte Fabrik gehört eine Lösung, mit der ein Maschinenbauer zur Behebung einer Störung via  Brille einen Servicetechniker hinzuzieht. Foto:  
Zum Siemens-Angebot für die digitalisierte Fabrik gehört eine Lösung, mit der ein Maschinenbauer zur Behebung einer Störung via Brille einen Servicetechniker hinzuzieht. Foto:  

Stuttgart - Für Spötter ist die Digitalisierung schon heute ein Wachstumstreiber – für Unternehmensberater und Kongressveranstalter. In den Unternehmen ist das Trendthema zwar in aller Munde, aber bei der Umsetzung konkreter Maßnahmen hapert es vor allem im Mittelstand. So hat Siemens-Vorstandsmitglied Klaus Helmrich, zuständig unter anderem für das Thema digitale Fabrik, jüngst beim Forum „Deutscher Mittelstand“ in Stuttgart beklagt, „dass sich die Mehrheit des deutschen Mittelstands bisher nicht ausreichend auf den Weg der digitalen Transformation begeben hat“. Nur jedes fünfte mittelständische Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes nutzt zum Beispiel nach einer Umfrage digitale Technologien zur Vernetzung von Maschinen. Helmrich, Schirmherr des Mittelstandsforums, erklärt sich das so: „Wir kommen aus einer mechanisch-automatisierten Welt und unterschätzen häufig, welche Geschwindigkeit jetzt mit Software entsteht“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. „Die Innovationszyklen werden kürzer. Darauf gilt es sich einzustellen.“

Siemens ist mit Mindsphere ist Weltmarktführer

Digitalisierung ist vor allem die durchgehende Computervernetzung der Wertschöpfung vom Design bis zur Produktion in der Fabrik, die unter dem Schlagwort Industrie 4.0 bekannt ist. Den Anwendern eröffnet sich als Sahnehäubchen aber auch eine völlig neue Möglichkeit: der Zugriff auf das Produkt, wenn es bereits beim Kunden ist. Auf Internet-Plattformen können sich zum Beispiel Betriebe ihre Maschine vom Kunden in Abhängigkeit von der Nutzung bezahlen lassen. Und sie können durch Zugriff auf die Daten der Maschine erkennen, wann ein bestimmtes Teil kaputt zu gehen droht, sodass es schon vorher ausgewechselt werden kann. Auf die Daten, die die Maschine im Einsatz produziert, kann wiederum die eigene Entwicklungsabteilung zugreifen und die Erkenntnisse für Verbesserungen nutzen.

Der Siemens-Konzern sieht sich mit seinem Angebot Mindsphere als Weltmarktführer unter den Internet-Plattformen für die Industrie (Internet of Things, IoT). Die Konkurrenz von General Electric mit Predix bis zu SAP mit Leonardo ist groß, aber Helmrich ist selbstbewusst: „Wir wachsen mit Mindsphere zweistellig und sind sicher, nach einer Phase der Konsolidierung zu den weltweit fünf oder sechs IoT-Anbietern im industriellen Bereich zu gehören, die übrig bleiben. Es gibt im industriellen Umfeld niemanden, der eine so große Basis in der Industrie vorweisen kann.“ Siemens hat mittlerweile 500 Kunden, die mit Mindsphere arbeiten; bei der letzten Aktualisierung waren es erst 400. Darüber hinaus hat Siemens mit Mindsphere World einen Verein gegründet, dessen Mitglieder – zu denen viele heimische Hersteller wie Festo, Eisenmann und Trumpf gehören – an den Standards für den Datenaustausch vernetzter Maschinen arbeiten.

Ein Konzentrationsprozess wie bei den Steuerungen

Helmrich rechnet mit einer ähnlichen Entwicklung wie bei den Steuerungen, als die Automatisierung in die Fabriken Einzug hielt. Zunächst haben viele Maschinenbauer eigene Steuerungen gebaut; übrig geblieben sind drei bis fünf weltweit tätige Hersteller. Helmrich nennt den Grund: „Der Endkunde wird sich keine 15 verschiedenen Plattformen in seiner Fabrik leisten wollen.“ Der Manager ist sich darüber im Klaren, dass sich die Industrie Sorge um die Sicherheit ihrer Daten macht und auch deshalb bei der Digitalisierung zögert, weil die Rechtslage unklar ist. Die Position von Siemens beschreibt der Manager klar: „Die Daten gehören demjenigen, der sie erzeugt. Wir wollen keine Daten, weder von den Maschinenbauern noch von deren Endkunden. Sie sind bei uns nicht sichtbar, und wir nutzen sie nicht.“ Kunde und Lieferant, so schlägt Helmrich vor, sollten einfach per Vertrag miteinander vereinbaren, wer was mit welchen Daten machen darf.

Digital Enterprise hat zehn Milliarden Euro gekostet

Beim Siemens-Konzern steht die eigene IoT-Plattform neben dem Komplettangebot zur Digitalisierung der Fabrik, genannt Digital Enterprise. Das Konzept wurde über Jahre hinweg mit einem Aufwand von zehn Milliarden Euro entwickelt. Auf der Messe AMB in Stuttgart (bis 22. September), zeigt Siemens entsprechende Lösungen mit der Werkzeugmaschine im Mittelpunkt. Nach Ansicht von Helmrich werden auch kleine Mittelständler nicht darum herumkommen, Komponenten digitalisiert an ihre Endkunden zu liefern. „Selbst eine einzelne Schraube muss digital zur Verfügung gestellt werden können.“

Für die Produktion verspricht das größere Flexibilität. „Die Kunden wollen immer mehr individualisierte Produkte“, weiß Helmrich. Da nicht für jedes Produkt eine eigene Fertigungslinie aufgebaut werden kann, wird die bestehende Linie via Software gesteuert und flexibilisiert. In der Entwicklung, schätzt Siemens, kann durch den Einsatz von digitalen Modellen die Effizienz um etwa 30 Prozent steigen. „Die gesamte Umstellung braucht drei oder vier Jahre. Im zweiten Jahr nach der Einführung sind aber schon die ersten Früchte zu sehen“, schätzt Helmrich den Zeitbedarf.