Digitalisierung der Finanzbranche Das Geldhaus wird zur Datenbank

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Von Verbrauchsdaten vernetzter Autos bis zu Vorlieben von Facebook-Nutzern: Informationen gelten als wichtiger Rohstoff für die Wirtschaft. Warum sie so wertvoll sind, beleuchtet unsere vierteiligen Serie. Teil 2 wirft ein Schlaglicht auf die Finanzbranche.

Banken sitzen auf einem regelrechten Datenschatz. Im Bild das Frankfurter Bankenviertel (aufgenommen mit Foto: dpa
Banken sitzen auf einem regelrechten Datenschatz. Im Bild das Frankfurter Bankenviertel (aufgenommen mit Foto: dpa

Frankfurt - Wer je ein Immobiliendarlehen aufgenommen hat, der hat vor seinem Bankberater keine großen Geheimnisse mehr. ­Ersparnisse, Haushaltseinkommen, regelmäßige Ausgaben: Die Bank versucht, sich ein umfassendes Bild von den finanziellen Verhältnissen des Kreditnehmers zu machen. Handelt es sich um die Hausbank, so kann sie das Gehalt und viele Ausgaben ­sowieso am Girokonto ablesen.

Banken sitzen also auf einem regelrechten Datenschatz. Die Digitalisierung eröffnet ganz neue Möglichkeiten, solche Informationen zusammenzuführen und auszuwerten – allerdings sind den Kreditinstituten dabei rechtliche Grenzen gesetzt. So musste die Hamburger Sparkasse 2010 ein Bußgeld von 200 000 Euro zahlen, weil sie Kundenprofile an externe Vertriebsmitarbeiter übermittelt hatte. Neben der Weitergabe der Daten bemängelte der Hamburger Datenschutzbeauftragte auch die Erstellung der Kundenprofile als solche: „Die gezielte Auswertung der Kundendaten zum Zwecke der Werbeansprache ist auch den Mitarbeitern eines Kreditinstituts nicht ohne eine informierte schriftliche Einwilligung gestattet“, erläutert die Behörde.

Plattform für Finanzgeschäfte

Mit Einwilligung des Kunden dürfen die Banken aber sehr wohl gezielte Angebote machen. Viele Institute bieten ihren Kunden mittlerweile die Möglichkeit, über die bankeigene App auch Konten bei anderen Geldhäusern zu verwalten. Die Banken versuchen also nicht mehr, die Kunden digital von der Konkurrenz abzuschotten. Stattdessen dreht sich der Wettbewerb jetzt darum, die beste Plattform für Finanzgeschäfte im Internet zu bieten: „Wir wollen DIE digitale Hausbank sein“, sagt ein Sprecher der Deutschen Bank.

Multi-Banking-Apps heißen die Programme fürs Smartphone, mit denen mittlerweile zahlreiche Kreditinstitute einen Überblick auch über Fremdkonten anbieten. Umgekehrt eröffne diese Übersicht den Banken auch neue Möglichkeiten für eine ganzheitliche Finanzanalyse, heißt es bei der Deutschen Bank: Wünsche ein Kunde beispielsweise einen Kredit, so könnten künftig über Multi-Banking-Apps Informationen über bestehende Guthaben und Verbindlichkeiten bei anderen Instituten beschafft werden. „Die Regularien erfordern sogar, dass die Bank bei der Beratung die gesamte finanzielle Situation des Kunden berücksichtigt“, erläutert ein Sprecher.

Viele Banken arbeiten mit Fintechs zusammen

Die ersten Multi-Banking-Apps wurden von Start-up-Unternehmen entwickelt. Fintechs werden die Neugründungen genannt, die seit einigen Jahren mit digitalen Serviceangeboten die Finanzbranche aufmischen. Banken und Sparkassen haben inzwischen nachgezogen: Viele arbeiten mit Fintechs zusammen und haben zusätzlich eigene Entwicklungsabteilungen für digitale Produkte aufgebaut.

Und da spielt die Nutzung von Daten schon heute eine große Rolle. Ein Beispiel: Mehrere Sparkassen nutzen Standort-Daten ihrer Kunden in Verbindung mit der sogenannten Beacon-Technologie, um etwa Reisende an Bahnhöfen oder Flughäfen anzusprechen. Ein Beacon ist ein kleiner Mini-Sender mit einer Reichweite von rund 50 Metern. Kommt ein Mobilfunknutzer mit Sparkassen-App in die Nähe eines solchen Senders, kann er über die Funktechnologie Bluetooth kontaktiert werden. So bietet beispielsweise die Sparkasse Köln-Bonn am örtlichen Flughafen Auslandsreisekrankenversicherungen an.

Erste Versicherungen bieten verhaltensbezogene Tarife an

Apropos Versicherungen: Diese Branche ist mit der Auswertung von Daten schon viel weiter. Ein bekanntes Beispiel sind die sogenannten Telematik-Tarife: Einige Kfz-Versicherer bieten Autobesitzern Rabatte an, wenn diese besonders umsichtig fahren. Dazu werden bei jeder Autofahrt Daten etwa über das Bremsverhalten und die Beachtung von Tempolimits protokolliert. Sie werden mittels Smartphone-App oder einer Blackbox im Fahrzeug an die Versicherung übermittelt, die daraus das individuelle Unfall­risiko berechnet. Allerdings fließen in diese Berechnungen oft auch Kennzahlen ein, die mit dem Fahrverhalten nur sehr eingeschränkt oder gar nicht beeinflusst werden können: So beziehen viele Versicherungen bei der Berechnung der Unfallwahrscheinlichkeit ein, zu welchen Tageszeiten das Auto unterwegs ist. Denn im Berufsverkehr passieren mehr Unfälle als etwa mittags.

Es gibt auch Versicherungen, die besonders gesundheitsbewusste Verbraucher belohnen: Generali startete vor einem Jahr ein Programm namens „Vitality“, dessen Teilnehmer mit niedrigeren Beiträgen zur Berufsunfähigkeits- oder Risikolebensversicherung belohnt werden. Punkte gibt es beispielsweise für den Besuch von Vorsorgeuntersuchungen oder Sportkursen. „Vitality“ geht noch weiter – auch Daten von digitalen Fitness-Armbändern können in das Punktesystem einfließen. Diese protokollieren etwa die Schrittzahl, den Puls oder den Kalorienverbrauch des Trägers. Solche Daten werden bei „Vitality“ nur auf ausdrücklichen Wunsch des Kunden erhoben. Das Beispiel zeigt, welche Möglichkeiten die Digitalisierung der Branche eröffnet.