Digitalisierung im Handwerk Wie der Schreiner kann’s nur die CNC-Fräse

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Die Mehrzahl der Schreinereien ignoriert die dramatischen Folgen der Digitalisierung. Ihr Innungsmeister schätzt, dass die Hälfte von ihnen schon bald verschwinden wird und will Mut für den Weg in die Zukunft machen – ein wenig auch sich selbst.

Die Schreiner haben hohen Besuch. Führungskräfte der Arbeitsagentur und Politiker lassen sich erklären, wie der Computer ihr Handwerk verändert. Foto: factum/
Die Schreiner haben hohen Besuch. Führungskräfte der Arbeitsagentur und Politiker lassen sich erklären, wie der Computer ihr Handwerk verändert. Foto: factum/

Holzgerlingen - Ein Hammer liegt trotz allem noch herum, auf einem Holzgestell im Hof. Ein paar Schritte weiter bohrt eine CNC-Maschine Löcher in ein Brett und fräst eine Nut entlang seiner Kante. Derjenige, der eben dies gemäß dem ebenso vergilbten wie unvergessenen Werbespruch so gut können sollte wie keiner, steht augenscheinlich nur daneben und wartet: der Schreiner. „Wenn einer ein Dubbeler war, hat’s früher geheißen, Schreiner kann er noch immer werden“, sagt sein Chef, „das geht längst nicht mehr“. Der Schreiner ist heute nicht mehr nur Handwerker, sondern auch – ein wenig jedenfalls – Programmierer.

Der Chef heißt Markus Ruzicka. In seiner Schreinerei in Holzgerlingen hat er hohen Besuch. Susanne Koch ist da, die oberste Chefin der Stuttgarter Arbeitsagentur, ebenso der Bundestagsabgeordnete Marc Biadacz (CDU) und – geradezu selbstverständlich für einen Anlass wie diesen – Holzgerlingens Bürgermeister Ioannis Delakos.

Dieser Schreiner hat alles richtig gemacht auf dem Weg zur Digitalisierung

Sie sind gekommen um zu würdigen, dass Ruzicka alles richtig gemacht habe auf dem Weg in die digitale Zukunft des Handwerks. Faktisch waren vollautomatische CNC-Maschinen schon zehn Jahre vor der Wiedervereinigung auf dem Markt. Dass handy-ähnliche Geräte mit Kontakt zur Zentrale Bestellungen verwalten, Rechnungsposten buchen und Arbeitszeiten erfassen, weiß längst jeder Kellner. Internetportale, auf denen Kunden sich Möbel nach Maß selbst zusammenstellen können, gibt es Dutzende.

All dies demonstriert Ruzicka nicht ohne Stolz. Allerdings ist seine Firma eben kein Konzern, nicht einmal ein Mittelständler, sondern ein Handwerksbetrieb: 800 Quadratmeter Werkstatt, ein Chef, sieben Gesellen, sechs Lehrlinge. Der Schreiner sagt noch Lehrling, nicht Azubi.

Biadacz formuliert den Grund dieses Besuches so: „Beim Daimler sind wir oft wegen der Digitalisierung.“ Beim Schreiner nie. Ruzicka will nebenbei Mut machen, ein wenig sich selbst, mehr seinem Berufsstand. Er ist auch Chef der Schreiner-Innung Böblingen, in der 41 Betriebe zusammengeschlossen sind. Umgerechnet auf die Kreisbewohner, hätte jeder von ihnen die Wünsche von fast 10 000 Kunden zu bedienen – rechnerisch.

Der Zunft droht das schleichende Sterben

Faktisch droht der Zunft das schleichende Sterben. Ende des nächsten Jahrzehnts, schätzt Ruzicka, werde die Hälfte der Schreinereien verschwunden sein. Er sorgt sich mit seinen 54 Jahren heute schon, wer bereit wäre, einmal seinen Betrieb weiterzuführen. Den Hauptgrund hat jeder zuhause stehen, ein Produkt des Möbelgiganten Ikea oder seiner Derivate. Punkt zwei ist selbst verschuldet. „Niemand investiert mehr“, sagt Ruzicka – in die Zukunft seines Betriebs.

Er hat investiert, eben in die digitale Zukunft. Die erste Erfahrung dabei war schmerzhaft. „Für 500 Euro kriegen Sie nix“, sagt Ruzicka, Softwareanbieter „haben zwei Preisschilder: teuer und extrateuer“. Die zweite Erfahrung schien ihm wie ein Wunder. An drei verschiedenen Orten hatten drei Schreiner und eine CNC-Maschine an Werkstücken gearbeitet. „Am Ende haben wir es zusammengebaut, und es hat gepasst, das hat mich von den Socken gehauen“, sagt Ruzicka.

Inzwischen ist diese Erfahrung längst Gewohnheit geworden. In Zeiten übervoller Auftragsbücher fertigt seine Schreinerei Möbelteile nicht mehr selbst, sondern lässt fertigen und baut sie nur noch zusammen. Der Auftragnehmer sitzt bei Köln und bekommt den Auftrag selbstredend volldigital übermittelt.

Alt gedient Schreiner hadern mit der Beschneidung ihres Könnens

Dass alt gediente Schreiner mit einer solchen Beschneidung ihres Könnens hadern, dürfte kaum überraschen. „Manche haben auch Angst, weil sie sich in so etwas nicht mehr reinfinden“, sagt Ruzicka, „es geht auch tatsächlich viel Schreinerwissen verloren“. Andere erliegen – gleichsam im Gegenteil – grenzenloser Begeisterung angesichts der Möglichkeiten, die eine computergestützte Planung und Fertigung bietet. Für die Kundschaft gilt dies ohnehin. Denn eine Schreinerei plant schließlich nicht nur Tische und Schränke, sondern auch komplette Inneneinrichtungen. Dass in 3-D-Darstellung gleichsam der Rundgang durch den neuen Laden vorab möglich ist, „finden die Kunden schon toll“, sagt Markus Ruzicka.