Digitalisierung Mittelstand hinkt hinterher

Von Sabine Marquard 

Der Wirtschaftsmotor in der Region Stuttgart brummt. Über ihren vollen Auftragsbüchern verpassen es viele kleine und mittlere Unternehmen, in die Digitalisierung zu investieren und neue Geschäftsfelder zu erschließen. Das Tempo der Veränderung wird unterschätzt.

Im Gesundheitswesen gibt es laut einer Studie noch Digitalisierungspotenzial. Foto: dpa
Im Gesundheitswesen gibt es laut einer Studie noch Digitalisierungspotenzial. Foto: dpa

Stuttgart - Volle Auftragsbücher und nahezu Vollbeschäftigung kennzeichnen derzeit den Wirtschaftsraum Stuttgart. Bei der Digitalisierung sieht es längst nicht so gut aus, wie eine Berechnung der Hypovereinsbank (HVB) auf Basis einer KfW-Analyse zeigt. Demnach hat im Schnitt nur jeder fünfte Mittelständler in der Region in Digitalisierungsprojekte investiert. Nach den bisher aktuellsten Zahlen waren das 2016 durchschnittlich 18 000 Euro pro Unternehmen – ein „erschreckend“ geringer Betrag, sagt Heiko Then, Firmenkundenexperte der HVB in Stuttgart. Insgesamt betrugen die Digitalisierungsausgaben im Wirtschaftsraum Stuttgart etwa 465 Millionen Euro. Das entspricht nur rund einem Zwölftel der rund 5,6 Milliarden Neuinvestitionen in Bauten und Anlagen. Die Digitalisierung der kleinen und mittleren Unternehmen steckt nach Einschätzung des Bankers „noch in den Kinderschuhen“. Es gebe ein „sehr großes Ungleichgewicht“ zwischen sehr großen und kleinen und mittleren Unternehmen.

Um die Wettbewerbsfähigkeit auch in Zukunft zu stärken, so die Schlussfolgerung der Privatbank, sollten die rund 130 000 Mittelständler im Wirtschaftsraum Stuttgart intensiver und breiter in die Digitalisierung investieren. Unternehmen würden sich auf die Erneuerung ihrer IT-Strukturen konzentrieren, doch sie nutzten zu wenig weitere Möglichkeiten der Digitalisierung. Beispielsweise Daten auszuwerten und mithilfe der Zahlenreihen neue Geschäftsmodelle, Produkte und Services zu entwickeln sowie neue Absatzmärkte zu erschließen. Viele Unternehmen würden disruptive Veränderungen bisher scheuen, sagt Then.

Das Tempo der Veränderung wird unterschätzt

Vor allem im produzierenden und verarbeitenden Gewerbe, dem Gesundheitswesen oder der Logistik sieht die HVB im Wirtschaftsraum Stuttgart noch Nachholpotenzial. In diesen Bereichen gebe es viele Unternehmen, die „die Chancen durch die Digitalisierung noch wenig nutzen“. Für alle Branchen gelte: Das Tempo und die Intensität der Veränderung wird durch die Digitalisierung noch zunehmen. „Das wird heute noch unterschätzt, weil die Wirtschaft gut läuft“, warnt HVB-Banker Then.

Bankkredite spielen bei der Finanzierung der Investitionen bisher nur eine geringe Rolle, beobachtet die HVB. Mittelständische Unternehmen greifen für ihre Digitalisierungsprojekte vorwiegend auf laufende Einnahmen und Rücklagen zurück. Angesichts der konjunkturellen Unwägbarkeiten empfiehlt Then mittelständischen Firmen, die Liquiditätspolster nicht anzugreifen, sondern angesichts der historisch niedrigen Zinsen Investitionen stärker über Kredite zu finanzieren.