Digitalisierung Wie viel Smartphone ist okay fürs Kind?

Von Claudia Barner 

Während Kinder im Sandkasten buddeln, lauert in der Hosentasche nebenan die digitale Parallelwelt. Doch die Medien gehören heutzutage einfach dazu. Ein Experte gibt Eltern Tipps.

Fast normales Bild: ein Knirps mit Smartphone. Doch es braucht unbedingt klare Regeln, sagt der Experte. Foto: Claudia Barner
Fast normales Bild: ein Knirps mit Smartphone. Doch es braucht unbedingt klare Regeln, sagt der Experte. Foto: Claudia Barner

Waldenbuch - Das Verbotsschild am Eingang zur Waldenbucher Grundschule hängt auf Augenhöhe der Sechsjährigen. „Mobiltelefon benutzen verboten“ steht dort in großen Lettern. Für Schulanfänger, die noch nicht lesen können, zeigt das Logo mit dem durchgestrichenen Telefon: Handys sind im Schulhaus tabu. Die meisten Kinder halten sich daran, doch spätestens, wenn das Läuten zum Schulschluss einsetzt, werden die Smartphones und Smartwatches wieder aktiviert.

Eltern wie Naima Ruckh und Henriette Buttgereit vom Förderverein der Oskar-Schwenk-Schule beobachten mit gemischten Gefühlen, dass mittlerweile schon Siebenjährige ganz selbstverständlich mobile Endgeräte nutzen und damit im Internet unterwegs sind. Die beiden Eltern sind überzeugt: „In diesem Alter können die Kinder noch gar nicht überblicken, was sie da tun.“ Für Mütter und Väter stelle sich deshalb die Frage: Wie können wir unsere Kinder so unterstützen, dass sie sich im Spannungsfeld zwischen der realen und der digitalen Welt zurechtfinden?

Dafür sorgen, dass Kinder die Mechanismen im Netz durchschauen

Antworten erhofften sich die Grundschuleltern, die am Mittwochabend in die Waldenbucher Schule gekommen waren, vom Medienpädagogen und Präventionsbeauftragten des Landkreises Böblingen, Jörg Litzenburger.

Wortspielereien wie „Zwischen Sandkasten und Smartphone“, „Zwischen Carrera-Bahn und Computerspiel“ oder „Zwischen Pfütze und Playstation“ verdeutlichen, wie sich das Leben der ABC-Schützen verändert hat. Während sie Sandkuchen backen und mit dem Nachbarskind in Echtzeit um das rote Förmchen streiten, lockt in der Hosentasche die digitale Parallelwelt mit allen ihren zahlreichen Abgründen und Gefahren.

Früher oder später wird das Smartphone in jeder Familie zum Thema. Jörg Litzenburger ist davon überzeugt: „Verbote helfen nicht weiter. Wir leben in einer extrem massen- und multimedialen Zeit und wir haben nur eine Chance: Wir müssen uns den Dingen stellen.“ Für die Eltern heißt das, mit den Kindern im Gespräch zu bleiben, dafür zu sorgen, dass sie die Mechanismen im Netz durchschauen und den Bezug zur Realität nicht verlieren. Das ist anstrengend und zäh. Doch es führt kein Weg daran vorbei.

„Junge Menschen lernen durch Erleben und Erfahrung“, betont Jörg Litzenburger. Werde die Welt zu häufig über den Bildschirm oder das Display wahrgenommen, gingen wichtige Fähigkeiten verloren. „Nur wenn in der Kommunikation mit Menschen auch Faktoren wie Mimik, Gestik oder Körpersprache erlebt werden, können wir einen sechsten Sinn und ein Gefühl für die Zwischentöne entwickeln“, mahnt er.

Wer nicht mitmacht, wird schnell zum Außenseiter

Doch auch wer es schafft, dass seine Kinder in der realen Welt fest verankert sind, kommt an den Herausforderungen durch die neuen Medien nicht vorbei. Wer nicht mitmacht, wenn sich die Freunde über Messenger-Dienste verabreden, wird schnell zum Außenseiter, und nur wer die Zusammenhänge kennt, kann die Absichten dahinter erkennen. „Auf die Kinder prasselt eine Masse an Bildern und Informationen ein. Wir müssen ihnen beibringen, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden und ihnen klarmachen, wo sie manipuliert werden“, lautet der Rat des Experten.

Deutliche Ansagen und verbindliche Regeln sind nach Ansicht des Medienpädagogen unverzichtbar. Allerdings empfiehlt er auch: „Zu eng sollten die Freiräume nicht abgesteckt werden.“ Für Kinder sei es wichtig, das Vertrauen ihrer Eltern zu spüren und sich ernst genommen zu fühlen. Auch im Grundschulalter hätten die Kleinen schon ein ausgeprägtes Verständnis dafür, dass sich ihre Eltern Sorgen machen. „Wer offen über seine Bedenken spricht und den Nachwuchs selbst entscheiden lässt, kommt damit in der Regel weiter, als mit Verboten, die Widerspruch provozieren“, rät er.

Der Medienpädagoge Jörg Litzenburger weiß: „Das ist alles nicht einfach, aber es lohnt sich.“ Er macht den Eltern Mut: „Vertrauen Sie darauf, dass Sie wissen, was gut für Ihr Kind ist. Und wenn Sie merken, dass etwas falsch gelaufen ist, dann korrigieren Sie es. Die Regeln in Familien werden jeden Tag neu definiert. Wichtig dabei ist nur eines: Sie sollten der Chef im Haus bleiben.“