„Zum jetzigen Zeitpunkt wäre es natürlich schöner, wir wären weiter“, sagt Bernd Berroth, der Leiter des Esslinger Amtes für Bildung, Erziehung und Betreuung. Doch der ambitionierte Medienentwicklungsplan 3.0, der 2018 auf den Weg gebracht worden war und 5,9 Millionen Euro Investitionen vorsieht, müsse nun mal Schritt für Schritt abgearbeitet werden. Aus Esslingen wurden Stand Anfang November noch keine Anträge für Schulen im Rahmen des Digitalpaktes bewilligt und auch noch keine Mittel ausgezahlt. Insgesamt stehen dem Schulträger etwa 3,5 Millionen Euro aus dem Programm zu. Um an diese zu kommen, müssen dreierlei Unterlagen eingereicht werden, wie Schulentwicklungsplaner Andreas Starz erklärt. Zum einen ein Medienentwicklungsplan der Stadt für die digitale Infrastruktur in Absprache mit den Schulen und mit Zustimmung durch den Gemeinderat. Ziel ist, dass jedes Klassenzimmer in Esslingen mit digitalen Präsentationsmöglichkeiten wie Beamer und Tablet ausgestattet ist. Darüber hinaus kann jede Schule weitere Wünsche anmelden. Voll ausgerüstet ist bis dato nur die Neue Schule Esslingen.
Medienentwicklungsplan: Aufwendig aber sinnvoll
Zweite Voraussetzung, um die Förderung zu erhalten, ist ein medienpädagogisches Konzept jeder Schule dazu, wie sie diese Ausstattung für die Lehre einsetzen will. Und das braucht Zeit, zumal Verwaltung und Schulen mit den Herausforderungen der Corona-Pandemie zusätzliche Aufgaben zu bewältigen haben. In die Kritik an der viel gescholtenen bürokratischen Hürde Medienentwicklungsplan will aber keiner der Befragten einstimmen. Es sei sehr aufwendig. „Aber von der Zielführung her, macht das Sinn“, sagt etwa Christel Binder, geschäftsführende Schulleiterin der Grund-, Werkreal-, Real-, Gemeinschafts- und Sonderschulen in Esslingen und Kopf der Schule Innenstadt, die ihr Konzept im April 2021 abgeben will. So würden Mittel nicht mit der Gießkanne für Hardware ausgegeben, die sich am Ende als ungeeignet erweise. Binder nennt ein Beispiel: „Vor einigen Jahren wollten wir noch so viele Computerräume wie möglich.“ Heute seien dagegen an ihrer Gemeinschaftsschule Tablets für das individuelle Lernen gefragt.
Dritte Voraussetzung für den Abruf der Mittel ist der Nachweis, dass Pläne umgesetzt wurden. Denn die Schulträger müssen zu einem großen Teil in Vorleistung gehen. Ein Mangel, der derzeit an der Innenstadtschule sowie vielen anderen im Landkreis schmerzlich bewusst wird: Es gibt nicht in allen Klassenzimmern W-Lan. Das könnten die Lehrer derzeit schon gut gebrauchen, haben sie doch sowohl Klassen, die im Schulgebäude anwesend sind, als auch Lerngruppen in Quarantäne zu unterrichten. Den Angaben der Stadt zufolge sind bis Dezember 2020 die Hälfte der 22 Esslinger Schulen ans Glasfasernetz angeschlossen, eine komplette W-Lan-Ausleuchtung ist in acht Häusern gegeben.
Schulen des Landkreises haben fast alle Breitband
Da ist der Landkreis Esslingen schon weiter: Bald sind alle beruflichen sowie Sonderschulen in seiner Trägerschaft ans schnelle Internet und W-Lan angeschlossen. „Wir sind froh, dass wir früh angefangen haben“, sagt Johannes Weiß, Leiter des Amtes für Kreisschulen, mit Blick auf einen möglichen Auftragsstau bei den Baufirmen, weil derzeit viele Schulträger das Thema angehen. Auch bei der Ausstattung in den Klassenzimmern steht der Kreis ihm zufolge gut da. Mittel aus dem Digitalpakt Schule – 5,5 Millionen Euro sind für den Landkreis reserviert– sind dennoch noch keine geflossen und auch nicht beantragt. Denn erst für diesen Donnerstag steht der Beschluss für die Fortschreibung des Medienentwicklungsplans bis 2025 im Kultur- und Schulausschluss des Kreistages auf dem Plan mit einem Volumen von 13,4 Millionen Euro.
Besonderen Nachholbedarf haben viele Grundschulen, in deren Klassenzimmern das Thema Digitalisierung bis dato kaum präsent war. Schnell reagiert und sogar schon Fördermittel erhalten hat die Stadt Wernau für die Schlossgartenschule. „In einem gesunden Maß ist es notwendig, dass man die Kinder schon in der Grundschule an einen verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien heranführt“, erklärt dazu die Rektorin Michaela Frey. Die Klassenzimmer ihrer Schule sind mit Beamer, Tablet und Co. ausgestattet, WLAN ist eingerichtet. Darüber hinaus gibt es 60 Tablets zum Verleihen an Schüler und für Projekte im Unterricht. Außerdem wartet die Schule noch auf einen Satz Laptops. Frey ist zufrieden mit der neuen Ausstattung. „Wir sind auf einem guten Weg. Für die nächsten zwei Jahre haben wir einen Plan.“ Allerdings, betonen alle befragten Schulträger und -leiter: Digitalisierung ist ein Thema, das nie abgeschlossen sein wird.
Das Förderprogramm im Kreis Esslingen
Vereinbarung: Insgesamt stellt der Bund im Rahmen des Digitalpaktes Schule im Zeitraum 2019 bis 2024 Finanzhilfen in Höhe von fünf Milliarden Euro zur Verfügung, davon erhält Baden-Württemberg rund 650 Millionen Euro. Die Schulträger können unter anderem Mittel für Breitbandanschluss, WLAN-Vernetzung, Serverstrukturen, digitale Anzeigegeräte und Laptops oder Tablets beantragen. Neben Investitionen an Schulen können regionale und landesweite Vorhaben sowie länderübergreifende Projekte gefördert werden.
Zeitplan: Die Mittel, die sich an den Schülerzahlen orientieren, sind bis Ende April 2022 reserviert. Die geförderten Projekte müssen bis Ende 2024 umgesetzt sein. Der Medienentwicklungsplan kann mittlerweile auch nach Abruf der Fördermittel eingereicht werden, um die Schulträger zu entlasten.
Zahlen: Nach Angaben des baden-württembergischen Kultusministeriums gibt es im Kreis Esslingen 177 Schulen, für die Fördermittel für die digitale Ausstattung beantragt werden können. Stand Anfang November wurden 50 Medienentwicklungspläne vom Landesmedienzentrum freigegeben: für 22 Grundschulen, sieben sonderpädagogische Bildungszentren, sieben Real- und Werkrealschulen, fünf Gemeinschaftsschulen, fünf Gymnasien, zwei berufliche Schulen sowie zwei schulartübergreifende Pläne. Bei der L-Bank beantragt und bewilligt wurden bisher etwas mehr als 1,75 Millionen Euro, ausgezahlt 105 000 Euro.
Sofortprogramme: Neben den 2019 beschlossenen Milliarden haben Bund und Länder in der Corona-Pandemie Zusatzvereinbarungen für Sofortausstattungsprogramme getroffen. Bis zu 5,4 Millionen Euro werden im Kreis Esslingen derzeit zur Umsetzung des Fernunterrichts investiert, unter anderem in Leihgeräte für Schüler aus finanziell schwierigen Verhältnissen. Die Schulträger warten außerdem auf weitere angekündigte Förderprogramme zur Ausstattung von Lehrern und Personal mit der nötigen Technik.