Dior, Lacroix, Gaultier in Waiblingen Allein die Mode zählt

Von Annette Clauß 

„Dior, Lacroix, Gaultier: Haute Couture auf Papier“: Die Galerie Stihl zeigt in einer am Freitag beginnenden Ausstellung Modeillustrationen als eigenständige Kunstform und Spiegel ihrer Zeit.

Ein knallfarbener Hingucker: Kleid aus der Sammlung Bräu, im Hintergrund ein Farblinolschnitt von Francois Berthoud. Foto: Gottfried Stoppel 12 Bilder
Ein knallfarbener Hingucker: Kleid aus der Sammlung Bräu, im Hintergrund ein Farblinolschnitt von Francois Berthoud. Foto: Gottfried Stoppel

Waiblingen - Nicht der Mensch, allein die Mode zählt. Und so sind die Gesichtszüge der gezeichneten Modelle, die knallbunt-karierte Minikleider, dunkle Kostüme oder edle Roben mit dickem Pelzbesatz präsentieren, wenig ausgeprägt oder bisweilen gar nicht vorhanden. „Es geht darum, Wunschbilder zu schaffen, in die sich der Betrachter hineinträumen kann“, sagt Barbara Martin, die kommissarische Leiterin der Galerie Stihl in Waiblingen.

Von kommenden Freitag an wird das Kunstmuseum an der Rems zur Modemeile: Die Ausstellung „Dior, Lacroix, Gaultier: Haute Couture auf Papier“ zeigt Mode­illustrationen im Wandel der Zeit und nimmt sich damit bereits zum zweiten Mal des Themas Fashion an: Im Jahr 2013 zeigte die vor genau zehn Jahren eröffnete Galerie Mode aus Papier, nun geht es um Mode auf Papier. Die Ausstellung gibt einen Überblick über die wichtigsten Künstlerinnen und Künstler dieses Genres, von Georges Lepape über Annie Offterdinger und Trude Rein bis zu Mats Gustafson. Sie zeichneten für Modemacher wie Lacroix, Dior oder Yves Saint Laurent.

Stücke aus der Sammlung Bräu

Die Modezeichnung habe sich etwa um das Jahr 1900 zu einer veritablen, eigenständigen Kunstform entwickelt, erklärt Barbara Martin. Ihr Sinn und Zweck: sie sollte die neuen Kreationen großer Modeschöpfer bekannt machen und das Wesen eines Entwurfs, aber nicht ein Kleidungsstück eins zu eins wiedergeben.

Wie unterschiedlich die Illustratoren diese Aufgabe umgesetzt haben, zeigt sich in der Ausstellung: locker hingeworfene Handzeichnungen, Aquarelle, monochrome Tuscheillustrationen oder knallbunte Linolschnitte sind zu sehen, ergänzt durch Kleidungsstücke aus der Sammlung des Stuttgarters Christian Bräu. Da treffen die extrem reduzierten Grafiken von René Gruau, der das Image von Dior in den 1950er-Jahren maßgeblich prägte, auf schrillbunte Popart-Arbeiten von Antonio Lopez, der allerdings auch anders konnte, was gleich nebenan zu sehen ist: nämlich schwarz-weiß und kubistisch angehaucht. Im letzten Teil der Ausstellung demonstrieren angehende Designerinnen und Designer einer Modeschule, wie auf der Grundlage kreativer Modezeichnungen Kleidungsstücke entstehen.

Blumenstrauß in den Nationalfarben

Zeitschriften wie „La Gazette du Bon Ton“, aus der später die französische Vogue hervorging, zeigten Anfang des 20. Jahrhunderts Mode als Gesamtkunstwerk. Sie verwoben Texte mit Illustrationen, wobei sich beim Rundgang durch die Ausstellung zeigt, dass die Zeichnungen das Zeitgeschehen spiegeln. Im Jahr 1915 etwa veröffentlichte die „Gazette du Bon Ton“ Modeillustrationen, in denen unverkennbar ist, dass zu dieser Zeit der Erste Weltkrieg tobte. Eins der gezeichneten Mannequins arrangiert einen Blumenstrauß in den französischen Nationalfarben, ein anderes verfolgt die Truppenbewegungen auf einer Landkarte, ein drittes im blauen Kleid mit weißen Handschuhen lehnt an einem knallroten Tisch, der die Trikolore vervollständigt.

1922 erschien mit „Styl“ das erste deutsche Modeblatt in Berlin. „Man wollte dem französischen Modediktat etwas entgegensetzen“, sagt Barbara Martin zu dem Heft, das alles, was Rang und Namen hatte, was teuer und erlesen war, versammelte. Eine Illustration zeigt schlanke, selbstbewusst wirkende Frauen mit Kurzhaarfrisur: die „neue Frau“ der Zwanzigerjahre. Nach drei Jahren wurde „Styl“ eingestellt – die Wirtschaftskrise machte sich bemerkbar.