Direkteinstieg Kita in Stuttgart Mit 37 auf dem Weg zur Erzieherin – „Es ist anspruchsvoll, aber es lohnt sich“

Zu erleben, wie die Kinder aufblühen und sich entwickeln, das gefällt Rita Bäßler besonders an ihrem neuen Beruf. Foto: /Lichtgut/Ferdinando Iannone

Rita Bäßler hat zwei kleine Kinder und steckt mitten in einer Ausbildung. Wie sie Familie, Arbeit und Lernen unter einen Hut bekommt und warum das Programm „Direkteinstieg Kita“ für sie das Richtige ist.

Familie/Bildung/Soziales: Alexandra Kratz (atz)

Rita Bäßlers Tage sind lang: Vormittags arbeitet sie in einer Kita oder drückt die Schulbank, nachmittags kümmert sie sich um ihre beiden Kinder – und abends muss sie lernen. Die 37-Jährige macht eine Ausbildung zur Erzieherin und nutzt dafür den Direkteinstieg. Mit dem vor zwei Jahren gestarteten Programm will die Landesregierung neue Fachkräfte für die Kinderbetreuung gewinnen.

 

Für Rita Bäßler war das genau das Richtige. Die 37-Jährige hat russische Wurzeln. Während ihres Studiums kam sie nach Stuttgart und machte ihren Abschluss als Dolmetscherin. „Ich habe dieses Studium nie bereut“, sagt Rita Bäßler, die perfekt Deutsch spricht. Aber als Dolmetscherin sei es schwer, langfristig einen sicheren Job zu finden. Man arbeite viel freiberuflich, bekomme keinen unbefristeten Vertrag. Wenn man Familie habe, sei das schwierig. Darum habe sie sich nach ihrer Elternzeit nach etwas anderem umgesehen.

Von Anfang an ein Tarifgehalt

Zunächst arbeitete sie als Aushilfe in einer Kita. Kurz bevor ihr Vertrag auslief, informierte die Agentur für Arbeit sie über die Möglichkeit des Direkteinstiegs. „Mir war klar, dass dieses Programm anspruchsvoll ist. Aber ich wusste auch, dass es sich lohnt, weil ich von Anfang an ein Tarifgehalt bekomme. Für mich als Mutter mit zwei Kindern war das wichtig.“

Rita Bäßler begann im September 2023 mit dem Programm und gehört damit zum ersten Jahrgang. Zwei bis drei Tage arbeitet sie in der städtischen Kita Körschstraße in Plieningen, die sich derzeit wegen Bauarbeiten in einem Ausweichquartier befindet. Den anderen Teil der Woche hat sie Unterricht an der Berufsschule, der Kolping-Akademie am Olgaeck. Rita Bäßler genießt beides. „Die Berufsschule ist ein großer Spaß. Die Lehrer sind sehr kompetent und wertschätzend. Sie freuen sich, so eine motivierte Klasse zu haben. Und wir freuen uns, von ihnen was Neues lernen zu dürfen“, sagt sie. In ihrer Klasse seien nur Direkteinsteiger. Das heißt, dass alle bereits eine abgeschlossene Ausbildung oder ein Studium haben. „Wir sind zwischen 27 und 60 Jahre alt, der Altersdurschnitt lieg vielleicht bei 45. Überwiegend sind es Frauen. Wir sind knapp 30, darunter nur vier Männer“, nennt Rita Bäßler ein paar Zahlen.

Viel Wissenswertes in der Ausbildung gelernt

Die Ausbildung empfindet sie als sehr wertvoll. „Die Pädagogik hat so viele Bereiche, es ist sehr interessant“, sagt die angehende Erzieherin. Dank der theoretischen Kenntnisse bekomme man einen anderen Blick auf das Kind. Als Mutter bringe sie zwar eine gewisse Grundausstattung mit. „Man hat dann schon einen Draht zu Kindern, das ist wichtig. Ohne Mutter zu sein, wäre es schwierig für mich geworden“, meint sie. Doch wie man zum Beispiel ein pädagogisches Angebot gestaltet, wie man die Kinder zusammenbekommt, ihre Interessen herauskitzelt und diese dann vertieft – all das habe sie erst während ihrer Ausbildung gelernt.

In der Kita Körschstraße in Plieningen wird Rita Bäßler als Direkteinsteigerin rundum akzeptiert. Foto: Lichtgut / Ferdinando Iannone

Auch in ihrer Kita fühlt sie sich wohl. „Alle sind unglaublich froh, wenn ich da bin.“ Als Direkteinsteigerin werde sie rundum akzeptiert – von den Kindern, dem Kollegium und den Eltern. Was ihr an ihrem neuen Beruf besonders gefällt? „Eine Beziehung zu den Kindern aufzubauen. Zu erleben, wie sie aufblühen und sich entwickeln“, antwortet Rita Bäßler. Das Wichtigste sei, dass es den Mädchen und Jungen gut gehe.

Ihre Familie steht hinter ihrer Entscheidung

Das gilt natürlich auch für ihre eigenen Kinder, die sechs und acht Jahre alt sind. „Meine Familie steht dahinter, dass ich dieses Programm mache und unterstützt mich. Das ist für mich entscheidend, anders würde es nicht gehen“, sagt die junge Mutter. Meist ab 16 Uhr sei sie für ihre eigenen Kinder da. Dann begleite sie diese zum Sportverein oder zur Musikstunde. Einmal in der Woche steht auch Russischunterricht auf dem Programm. „Damit sie was von ihren Wurzeln mitbekommen“, sagt Rita Bäßler.

Manchmal lege sie sich nachmittags noch einmal für 15 Minuten hin, um noch einmal Kraft zu tanken. Schließlich beginnen ihre Tage morgens um 6 Uhr. Wenn die Kinder im Bett und alles erledigt ist – oft erst gegen 21 Uhr – muss sie noch lernen, zumindest wenn Prüfungen anstehen. „Vielen, die den Direkteinstieg machen, geht es so. Wir haben auch eine vierfache Mutter in unserer Klasse. Sie ist mein Vorbild“, sagt Rita Bäßler.

Sie will durchhalten und ist sehr zuversichtlich, dass sie im Mai und Juni alle Prüfungen gut besteht. Den Abschluss als Sozialpädagogische Assistentin hat sie dann in der Tasche. Doch Rita Bäßler will mehr. Um zusätzlich den Abschluss als Erzieherin zu erwerben, absolviert sie noch weitere Prüfungen und ein mehrmonatiges Praktikum. Aller Voraussicht nach kann sie das in ihrer jetzigen Einrichtung, in der sie anschließend auch arbeiten möchte. „Ich will in meiner Kita bleiben. Die Beziehung ist gut. Und die Kita vergrößert sich, sodass ich gute Aussichten auf einen Job habe“, sagt Rita Bäßler und ergänzt: „Ich freue mich auf den Alltag mit den Kindern.“

Direkteinstieg Kita

Sozialpädagogischer Assistent
Der Direkteinstieg Kita führt in nur 23 Monaten (statt wie üblich in drei Jahren) zum Berufsabschluss „Sozialpädagogischer Assistent“. Das Programm wurde vom Kultusministerium mit der Bundesagentur für Arbeit und weiteren Partnern entwickelt. Das Ziel ist, schnell pädagogische Fachkräfte zu gewinnen. Teilnehmen können Personen, die mindestens einen Hauptschulabschluss sowie eine abgeschlossene Berufsausbildung oder ein abgeschlossenes Studium vorweisen können. Parallel zur schulischen Ausbildung arbeiten sie in einer Einrichtung und erhalten dafür ein Gehalt.

Erzieher
Aufbauend auf dem Abschluss „Sozialpädagogischer Assistent“ können die Teilnehmenden des Programms einen Abschluss als Erzieherin beziehungsweise Erzieher erwerben. Dazu müssen sie die Fachhochschulreife oder das Abitur nachweisen und im zweiten Ausbildungsjahr des Direkteinstiegs einen Tag pro Woche einen Zusatzunterricht besuchen. Zudem müssen sie eine zusätzliche Prüfung bestehen und ein halbjähriges Berufspraktikum absolvieren.

Zahlen
Aktuell wird das Modell landesweit an 42 Schulen angeboten. Im September 2024 haben 1167 Personen die Ausbildung zur sozialpädagogischen Assistentin beziehungsweise zum sozialpädagogischen Assistenten begonnen. Die Anzahl der Direkteinsteigerinnen und Direkteinsteiger im ersten Ausbildungsjahr hat sich damit im Vergleich zum Vorjahr nahezu verdoppelt.

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