InterviewDirigent Herbert Blomstedt „Ein Dirigent ist nur ein Zuhörer“

Von Susanne Benda 

Was macht einen guten Dirigenten aus, was ein gutes Orchester, und wie entsteht ein typisch deutscher Klang? Der Schwede Herbert Blomstedt ist mit seinen knapp 91 Jahren eine lebende Legende seiner Zunft – und dirigiert beim SWR-Symphonieorchester in Stuttgart Gustav Mahlers letzte Sinfonie.

Ohren auf, der Rest ergibt sich von allein –  findet der schwedische Dirigent Herbert Blomstedt Foto: Martin Stollberg
Ohren auf, der Rest ergibt sich von allein – findet der schwedische Dirigent Herbert Blomstedt Foto: Martin Stollberg

Stuttgart - Zehn Jahre war Herbert Blomstedt Chefdirigent der Dresdner Staatskapelle, sieben Jahre hat er das Gewandhausorchester Leipzig geleitet. Am Donnerstag und Freitag dirigiert er im Beethovensaal Gustav Mahlers letzte Sinfonie.

Herr Blomstedt, Sie haben eine lange Probe hinter sich, sitzen jetzt aber vor mir und wirken ganz wach und frisch. Was hält Sie so fit?
Oh, wer weiß das schon . . . Ich habe nie geraucht, aber Sibelius und Churchill und Helmut Schmidt sind sehr alt geworden, obwohl sie geraucht haben. Ich habe auch nie Alkohol getrunken, das mag eine Rolle spielen – ich bin ein fröhlicher Mensch, ich brauche dieses Gift nicht. Außerdem bin ich Vegetarier, aber mein Bruder war das auch, hat überhaupt denselben Lebensstil gehabt wie ich – und hatte doch aber alle Krankheiten der Welt. Also: Es gibt kein Rezept.
Spielt die Musik vielleicht eine Rolle?
Sie hilft, bestimmt! Überhaupt: etwas zu tun, das man sinnvoll findet und woran man wirklich Freude hat. Ich arbeite so gern und deshalb manchmal so viel, dass ich mich zu Ruhepausen zwingen muss. Aber das tue ich. Ich halte den Sabbat, das gibt mir totale Entspannung. Dirigent zu sein, ist ein guter Beruf, um alt zu werden, denn es ist immer eine Herausforderung, und Herausforderungen braucht man, wenn man älter wird. Man darf’s nur nicht übertreiben.
Was ist Musik?
Nicht nur Bach, Bruckner und Mahler, sondern auch gregorianischer Gesang, Volkstänze, Pop. Als ich jung war in den 50er, 60er Jahren, hat man alles für Musik gehalten: den Gesang der Vögel, Geräusche, jeder Klang. Ich bin dankbar, dass ich mich mit der besten Musik beschäftigen darf, die ich kenne. Aber an Musik interessiert mich sehr viel: mittelalterliche Musik ist mir ins Blut übergegangen seit meinem Studium in Uppsala. Ich habe auch in Basel studiert an der Schola cantorum . . .
. . . und in Darmstadt waren Sie ebenfalls, um die zeitgenössische Musik zu studieren. Heute sind Dirigenten oft viel spezialisierter.
Es gibt aber noch breitere Ausbildungen als meine. Ich habe zum Beispiel nie in der Oper korrepetiert. Erst später in Dresden habe ich auch Opern dirigiert, und das mit Freude. Aber ich habe die Arbeit mit Sängern nicht von der Pike auf gelernt. Man kann halt nicht alles machen, und die sinfonische Musik hat mich noch mehr interessiert.
In Dresden waren Sie zehn Jahre lang Chefdirigent der Staatskapelle, später sieben Jahre lang beim Gewandhausorchester Leipzig. Gibt es einen deutschen Orchesterklang?
Ja, aber früher war der viel deutlicher hörbar als heute. In Dresden war ich 1969 erstmals Gastdirigent, dann war ich fünf Jahren schon ein Schatten-Chef und dann zehn Jahre Chefdirigent. Das Orchester hatte mich schon fasziniert, als ich es als Junge auf Schallplatten hörte, und sein Klang ist typisch deutsch: dunkel, weich, mit vielen Schattierungen.
Wie entsteht so ein Klang?
Vor allem durch die Artikulation, durch die Art, in der einzelne Töne einsetzen. Aber auch dadurch, dass die Musiker sehr gut aufeinander hören. Die Amerikaner spielen direkter, dadurch brillanter, sehr hell und gestochen. Allerdings nähern sich beide Kulturen in den letzten Jahren einander immer stärker an. Das finde ich schade. Am stärksten bewahren sich noch die Wiener Philharmoniker, die Dresdner Staatskapelle und das Gewandhausorchester ihre eigene Klangtradition. Die Veränderungen heute hängen vor allem mit den Musikern zusammen: Früher kamen die etwa bei der Dresdner Staatskapelle fast ausschließlich aus Sachsen und Thüringen.
Das SWR-Symphonieorchester ist aus zwei Orchestern zusammengesetzt. Merken Sie das?
Natürlich. Bei solchen Orchestern ist es wie bei Milch: Sie müssen homogenisiert werden. Es darf nicht so sein, dass die Sahne nach einem Tag oben ist, und der Rest schmeckt fade. Das Gemeinsame muss wachsen, das braucht Zeit. Ich bin aber überrascht, wie gut die Musiker hier aufeinander hören und wie ambitioniert sie sind. Man könnte denken, die Größe des Orchesters wäre ein Problem, weil immer wieder unterschiedliche Musiker zusammenspielen – aber das Gewandhausorchester ist mit 180 Musikern viel größer! Das liegt daran, dass die auch Oper spielen, fast jeden Tag, dazu jeden Sonntag in der Thomaskirche Bach. Bei solchen Orchestern dauert es ein bisschen länger als bei anderen, wenn man die Musiker dazu bringen will, sich mit denselben Aspekten der Musik auseinanderzusetzen.
Was machen Sie als Erstes, wenn Sie als Gast zu einem Orchester kommen?
Ich höre zu. Ich lasse das Orchester immer erst einmal fünf Minuten spielen. Ich will wissen, was ich mit den Musikern machen kann. Sie bieten mir etwas an, und die Kommunikation zwischen Orchester und Dirigent ist ja keine Einbahnstraße. Wir beeinflussen und korrigieren uns gegenseitig. Wenn man einander gut zuhört, braucht man nur sehr wenig zu besprechen. Nicht alles, was man hört, mag einem gefallen, aber ich gehe nicht herum und sage: Macht es jetzt alle so, wie ich es will. Ein Dirigent ist nur ein Zuhörer. Und ein Koordinator.
Also kein Orchestererzieher?
Nein. Der Dirigent fasst die Möglichkeiten des Orchesters zusammen und prägt den Klang, so gut das möglich ist. Je besser das Orchester ist, desto mehr Einfluss kann er nehmen, aber er braucht keine Vorträge zu halten und auch keine Wutausbrüche zu bekommen. Und gute Musiker sind wie Schwämme, die nehmen alles in sich auf, oft instinktiv. Das ist ein unbegreiflicher Prozess.
Warum sind bei Klassik-Konzerten nur so wenige junge Leute im Publikum?
Weil die Politik versagt hat. Der Musikunterricht wurde seit den 60er Jahren immer stärker zugunsten einer Stärkung des Naturwissenschaftlichen und Technischen an den Rand gedrängt, und auch die Medien bringen viel zu wenig klassische Musik – wenn man mal von denen in Japan absieht, die alle Konzerte des NHK mitsamt Einführung und Nachbereitung im Fernsehen übertragen - und da sitzen dann auch tatsächlich viel mehr junge Leute in klassischen Konzerten. Als ich neulich mit dem Gewandhausorchester in Taiwan zu Gast war, wurde unser Konzert in einen Park übertragen. 10 000 Leute haben es angeschaut, und hinterher mussten wir auf den Balkon treten und die Menschen begrüßen wie Popstars – nach einer Bruckner-Sinfonie!
Aber die jungen Musiker sind heute auch in Europa technisch weitaus besser ausgebildet als früher.
Ja, aber alle anderen, die nicht speziell ausgebildet wurden, haben kein musikalisches Grundverständnis mehr, und gesungen wird auch nicht mehr. Wenn man keine Grundausbildung mehr hat, wird man immer das am besten finden, was am lautesten Reklame für sich macht und was an die einfachen Gefühle appelliert. Das ist eine bedauerliche Verarmung der menschlichen Psyche.
Und ein Angriff auf die spirituelle Dimension, die Musik auch hat?
Ja. Und jeder Mensch hat doch eine tiefe Sehnsucht nach Spiritualität. Seit der französischen Revolution hat die Religion an Einfluss verloren, im 19. Jahrhundert trat die Kunst an ihre Stelle. Ganz besonders die Musik, denn sie kann man ja nicht anfassen. Ein Klavier ist nicht Musik, eine Partitur auch nicht - die Musik ist, was man daraus macht. Etwas, das in der Luft schwebt. Heute ist Religion weg, Kunst ist auch immer weniger da – und was bleibt übrig? Da verkommt der Mensch zu einem intelligenten Tier.
Für mich war das immer eine eingeschworene Trias: Blomstedt, Beethoven, Bruckner. Nun dirigieren Sie Mahler . . .
Ohne Bruckner wäre Mahler nicht denkbar, aber beide Komponisten sind total unterschiedlich. Bruckners Musik hat lange unter der Wertschätzung durch die Nazis gelitten. Mahler war vor dem Nationalsozialismus vor allem als Kapellmeister berühmt, nicht als Komponist. Dann wurde er als Jude nicht aufgeführt, und als Komponist hat er sich eigentlich erst seit dem Mahler-Jubiläumsjahr 1960 durchgesetzt, als in Wien erstmals alle Sinfonien in einer Serie aufgeführt wurden. Leonard Bernstein hat Pionierarbeit geleistet. Das Erfolgsgeheimnis von Mahlers Musik ist ihre große Emotionalität, zu der man sofort einen Zugang findet – was sie in gewisser Weise mit dem Jazz verbindet, der für die Menschen damals auch eine Offenbarung war: Endlich durfte man zeigen, was man fühlte! Außerdem hat Mahler es wie kein anderer vermocht, höchst intellektuelle Musik mit Volksmusik zu verbinden. Mich hat das am Anfang abgestoßen, ich fand es trivial. Erst später habe ich verstanden, dass das die ureigene Musik eines Komponisten ist, der im Ghetto aufwuchs.
Als Mahler populär wurde, haben Sie sich aber zurückgezogen und Bruckner dirigiert . . .
. . . ja, weil alle Mahler gespielt haben. Das war eine Mode. Heute ist die Mahler-Welle ein bisschen abgeflaut – und jetzt komme ich!
Also hören wir demnächst hier in Stuttgart Mahlers Achte?
Warum nicht? Aber wenn, dann in der Neuedition, die gerade in Wien in Zusammenarbeit mit den Philharmonikern entsteht. Die alte Ausgabe ist ja schon fast hundert Jahre alt, und seither hat man viele neue Erkenntnisse gewonnen. Ich bin sehr gespannt.
Sie sind Ehrendirigent bei sieben Orchestern. Warum sind Sie so beliebt? Fehlt es Ihnen an Strenge?
Streng bin ich vor allem gegen mich selbst. (lacht) Meine Orchester habe ich alle sehr gerne gehabt, ich habe sie sehr beeinflusst, aber sie mich auch. Und ich arbeite nur mit Orchestern zusammen, die ich mag und die mich mögen.