Dirigent Teodor Currentzis Verrückte Menschen und Musik ohne Mitte

Wieder im Beethovensaal zu musizieren, wo er so oft mit seinem SWR-Orchester aufgetreten sei, meint Teodor Currentzis, das sei schon „weird“ – also: seltsam, sonderbar. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Teodor Currentzis, bis zum Sommer Chef des SWR-Symphonieorchesters, ist mit seinem Utopia-Orchester nach Stuttgart zurückgekommen und treibt im Beethovensaal Mahlers fünfte Sinfonie in Extreme.

Manchmal machen auch Worte Karriere. Donald Trump sei „weird“, behauptete in den USA der demokratische Vize-Präsidentschaftskandidat Tim Walz; prompt begann dort ein verrücktes Ping-Pong-Spiel der Parteien.

 

Am Mittwochabend hat ein anderer das Wort nach Stuttgart gebracht. Auf der Bühne des Beethovensaals stoppt Teodor Currentzis, bis zum Sommer Chef des SWR-Symphonieorchesters, den Beifall des Publikums mit der Hand: Wieder an diesem Ort zu musizieren, wo er so oft mit seinem geliebten („beloved“) SWR-Orchester aufgetreten sei, sagt er, das sei schon „weird“. Also: seltsam, merkwürdig, sonderbar.

Dann gibt er gemeinsam mit seinem eigenen Orchester, das er 2022 gegründet hat, eine jener Zugaben, die man in Stuttgart sechs Spielzeiten lang als „typisch Currentzis“ gefeiert hat: Bachs „Jesus bleibet meine Freude“, von Teilen des Orchesters gespielt, von anderen Teilen gesungen. Eine alternativlose Zugabe, durchaus „weird“. Doch etwas anderes, sagt Currentzis, könne man nach Mahler nicht aufführen.

Mahler, ach ja. Das Orchester ist so riesig, dass einige der ersten und zweiten Geigen an den Bühnenrändern im Stehen spielen müssen. Es heißt Utopia, ist in Teilen identisch mit dem von Putin-nahen Förderern getragenen ersten Currentzis-Ensemble MusicAeterna, speist sich zu anderen Teilen aus einem internationalen Pool von Musikern (auch Stuttgarter sind darunter!), und sein Name verweist auf den Traum, den der charismatische Pultstar immer wieder öffentlich träumt: sich gemeinsam mit Gleichgesinnten bedingungslos und ungestört in den Kern musikalischer Werke hineinbohren zu können.

Utopia soll also so etwas wie eine kreative musikalische Sekte sein, steht, politisch gesehen, aber auch für den Versuch, ein wenig vom Gschmäckle der Putin-Nähe loszuwerden.

Gustav Mahlers Sinfonien passen nicht nur zur utopischen Idee des Orchesters, sondern auch zur Vorliebe des charismatischen griechisch-russischen Pultstars für Extreme. Im Adagietto der fünften Sinfonie, seit Luchino Viscontis Thomas-Mann-Verfilmung „Tod in Venedig“ der Mahler-Hit schlechthin, greift beides ineinander. Bei der so wundervoll schwerelos schwebenden Streicheridylle in F-Dur besteht allerdings akute Kitschgefahr.

In der Fünften herrschen Spannung und Kampf

Die erste Falle vermeidet Currentzis, indem er die wechselnden Tempovorgaben ernst nimmt. In die zweite Falle tappt er mitten hinein, indem er immer wieder den ersten Ton nach dem Auftakt effektheischend mit Verzögerung präsentiert. So operiert er dem ruhig dahin strömenden Fluss einen Staudamm nach dem anderen ein, und der Satz verliert seinen Charakter. Seine Ruhe ist dahin.

Die braucht die Sinfonie aber unbedingt, denn rundum in der Fünften herrschen Spannung und Kampf, und beides mag Currentzis sehr. Er treibt die Reibung der Gegensätze in Extreme. Das Leise kann man oft kaum mehr hören, das Fortissimo haut einen schier vom Sitz, die Tempi sind sehr schnell oder sehr langsam, solistische Einwürfe kantig herausgearbeitet.

Manches wirkt wie ein klingender Comic-Strip, aber auch das skizzenhaft Zugespitzte ist in der Musik angelegt. Vor allem in das monumentale Scherzo, wo sich wilder Scherzo-Übermut und verträumte Walzerseligkeit aneinander abarbeiten, wirft sich Currentzis mit all seiner Energie hinein. Seine Bedingungslosigkeit teilt sich mit, sie ist eines seiner Erfolgsgeheimnisse, und sie mag auch jene besänftigt haben, die das Stück wegen der Bremsmanöver im Adagietto als Drama ohne Mitte erlebten.

Außerdem ist da ja auch noch Jay Schwartz. Der US-amerikanische Komponist, der auch in und um Stuttgart schon wirkte, schreibt eine wirkungsvolle zeitgenössische Gebrauchsmusik, bei der man sich einschwingen kann. „Passacaglia – Music for Orchestra IX“ setzt als Vorspiel zu Mahler auf klare Dramaturgie, wuchtige Glissandi, emotional aufgeladene Bewegungen in Zeitlupe, und in dieser mit einem Schubert-Zitat unterfütterten sinfonischen Ursuppe bleibt Teodor Currentzis ganz in der Ruhe: ein Meister des Atmosphärischen.

„Weird“ ist sein Zugriff hier nirgends; nur Schwartz‘ Stück hätte ein bisschen mehr Verrücktheit gutgetan.

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