Es könnte auf die falsche Fährte führen, Dirk Oschmann als wütend zu beschreiben. Dazu ist der hochgewachsene Literaturwissenschaftler viel zu besonnen und gesprächsbereit. Aber er ist erfüllt von gerechtem Zorn. Wenn die seit der Wiedervereinigung bestehenden systematischen Ächtungen und Benachteiligungen des Ostens auf allen Gebieten nicht aufhören, hat dieses Land keine Zukunft – das ist die Kernthese seiner Streitschrift „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“. Höchste Zeit, sich damit auseinanderzusetzen.
Herr Oschmann, in Thüringen stellt die AfD erstmals einen Landrat, in Sachsen-Anhalt den Bürgermeister einer Kleinstadt. Sind die jüngsten Erfolge der AfD für das Anliegen Ihres Buches, den auch politisch schlecht beleumundeten Osten als eine westliche Projektion zu entlarven, förderlich oder kontraproduktiv?
Es zeigt, wie wichtig es ist, endlich darauf aufmerksam zu machen, welche Prozesse dazu führen, dass solche Wahlergebnisse zustande kommen. Wenn man eine Gruppe oder einen Einzelnen über 30 Jahre herabwürdigt und diffamiert – was soll dabei herauskommen? Wenn man zu einem Kind immer sagt, dass es nichts taugt, dass es hässlich und faul ist und die falschen Dinge tut, dann muss man sich nicht wundern, wenn ein verstörter Erwachsener, ein pathologisches Subjekt dabei herauskommt. Man könnte ja einmal fragen, ob hier nicht eine Art Selffulfilling Prophecy stattgefunden hat, dass der Osten genauso reagiert, wie der Westen es ihm zuschreibt, und zwar seit vielen Jahren.
Ist das nicht etwas zu einfach?
Natürlich gibt es noch viele andere Gründe: In Sonneberg gibt es seit Jahrzehnten eine hohe Abwanderung, vor allem von den mobilen, gut ausgebildeten jungen Leuten. Sie fehlen einerseits als Arbeitskräfte, andererseits auch als Stützen der Demokratie. Zugleich hat das die Frustration derer verstärkt, die nicht weggegangen sind: sie fühlen sich als die, die zurückgeblieben sind, für die nichts getan wird, denen keinerlei Zukunftsaussichten zugestanden werden.
Warum sucht sich diese Frustration ein rechtes und kein linkes Ventil?
Weil die Linken sich nicht als fähig erwiesen haben, in irgendeiner Weise diesen Protest aufzufangen. Sie haben die sozialen Nöte der Leute in keiner Weise mehr bedient, vielleicht weil sie untereinander zerstritten waren, vielleicht weil sie sich mehr auf Kulturkämpfe konzentriert haben, statt auf die wirklichen Probleme.
Und dann wählt man eine Partei, die einen marktradikalen Ursprung hat, deren Führungsfiguren wie Alice Weidel ihre Sporen bei westdeutschen Vermögensverwaltungen und im Investmentbanking verdient haben?
Ich bin kein Soziologe und beschäftige mich auch in der Form nicht mit der AfD. Aber es überrascht mich, dass wir jetzt wieder nur über die Wahlergebnisse im Osten reden, statt über das Buch, das ich über den Westen geschrieben habe.
Weil dies Ergebnisse doch die westliche Sichtweise zu bestätigen drohen, gegen die sich ihr Buch wendet. An wen ist es adressiert?
An alle, die sich für die deutsch-deutsche Gemengelage interessieren und denen daran liegt, dass die Demokratie bestehen bleiben soll.
Bisher stößt ihr Buch im Osten auf weitaus größere Resonanz, enttäuscht Sie das?
Ich kann ja niemandem vorschreiben, es zu lesen. Anfangs war es ungefähr so, dass die Leser ungefähr zu 80 Prozent aus dem Osten kamen. Aber inzwischen findet es auch im Westen immer mehr Aufmerksamkeit – vielleicht, weil sich da langsam ein Problembewusstsein bildet, auch angesichts von Wahlen, die bald nicht mehr nur auf Landesebene bevorstehen.
Wenn Sie zeigen wie der Westen tickt, machen Sie da nicht genau den gleichen Fehler, den Sie mit Blick auf den Osten beklagen?
Ich diffamiere niemanden im Westen, ich beleidige niemanden, ich diskreditiere niemanden. Das ist ein kategorialer Unterschied.
Darüber kann man streiten: Der Westler ist arrogant, herablassend und blickt verständnislos von seinem ererbten Vermögen auf jene, die nie die Möglichkeit hatten eines aufzubauen.
Man muss die Ausgangssituation in Betracht ziehen: Es gibt eine 30-jährige Geschichte individueller und kollektiver Herabwürdigung, Verhöhnung und Ausbootung im öffentlichen Raum seitens der westlichen politischen und medialen Eliten. Und dann habe ich ein Buch darüber geschrieben, habe es vor allem so geschrieben, dass es diesen Diskurs in aller Radikalität spiegelt. Das heißt, der Westen hat vielleicht mal einen unangenehmen Nachmittag bei der Lektüre dieses Buches. Aber der Osten muss das seit Jahrzehnten ertragen. In der Tat glaube ich, dass dies keine angenehme Lektüre ist, aber das soll es auch nicht sein, weil die Situation ja keine angenehme ist. Die Demokratie steht auf dem Spiel. Das ist der Punkt, daran muss gearbeitet werden.
Sie beschreiben in ihrem Buch, dass sich der Westen stets als Norm begriffen habe und den Osten nur als Abweichung. Im Moment muss man aber befürchten, dass eine im Osten in die Mitte gerückte AfD eine neue Normalität vorgeben könnte.
Die jüngsten Wahlergebnisse sind eine Katastrophe. Und natürlich sieht es so aus, als würden hier jetzt rechtsextreme Einstellungen nach und nach in der gesellschaftlichen Mitte ankommen. Das ist ein fatales Signal. Aber wenn man ernsthaft was dagegen tun will, muss man auch die Gründe ernst nehmen und nicht einfach sagen: „Wir haben schon immer gewusst, im Osten leben lauter Nazis“. Nein. Das ist eine komplexe Gemengelage, die man in ihrer historischen Komplexität in den Blick nehmen muss. Es gibt im Westen einen traditionell braunen Boden. Auf dem sind die Höckes, Gaulands, von Storchs groß geworden oder der rechte Vordenker Götz Kubitschek. Im Osten haben sie die Möglichkeiten gefunden, sich zu organisieren. Es gibt Studien dazu, wie die NPD aus Bayern nach 1990 gezielt Sachsen unterwandert hat, um hier ein Aufmarschgebiet zu schaffen. Gleichzeitig hat der Staat versagt. Der Verfassungsschutz wurde seit 1990 in Sachsen immer von Westdeutschen geleitet und ist nie in angemessener Weise gegen diese Entwicklungen vorgegangen. Was da im Osten stattfindet, ist eine gesamtdeutsche Entwicklung.
Aber noch mal zu Ihrem strategischen Ansatz. Ist eine polemisierende Streitschrift der richtige Weg, eine Polarisierung zu überwinden?
Es war der einzige Weg. Und ich würde ihn jederzeit wieder genauso gehen. Es gibt unzählige differenzierte Studien und Bücher von Soziologen, von Politologen, von Historikern, die die soziale, ökonomische und diskursive Ungleichheit beschreiben. Geändert hat sich nichts. Letztes Jahr ist eine Studie präsentiert worden, wo es um die Nicht-Repräsentanz Ostdeutscher in Führungspositionen in der Gesellschaft ging. Einen Tag lang hat der Ostbeauftragte mal kurz die Nachrichten bestimmt. Danach gab es wieder business as usual. Meine Konsequenz aus dieser völligen Ignoranz gegenüber der tatsächlichen Lage war, die Dinge mal in aller Zuspitzung darzustellen. Deshalb ist das Cover so schwarz-weiß wie die Argumentation. Das hat einen klaren strategischen Zweck.
Und was erhoffen Sie sich?
Mein Buch hat seit Monaten eine Debatte in Gang gesetzt. Zunächst im Osten selbst. Aber ich glaube zu bemerken, dass man inzwischen auch im Westen intensiver und sensibler über diese Dinge spricht. Ja, ich würde sagen, das undifferenzierte Buch hat eine differenzierte Diskussion ermöglicht. Und das ist schon einmal ein wichtiger Schritt.
Info
Autor
Dirk Oschmann wurde 1967 in Gotha geboren. Er ist Professor für Neuere Deutsche Literatur in Leipzig.
Buch
Dirk Oschmanns Sachbuch „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“ (Ullstein, 224 Seiten, 19,90 Euro) führt die Bestsellerlisten an und hat eine intensive Debatte ausgelöst. Der Erfolgsgeschichte des Buches entgegen steht das, was es in bewusster Zuspitzung vor Augen führt: Eine Geschichte der fortwährenden Herabwürdigung, Paternalisierung, Ungleichbehandlung, die statt eines gleichberechtigten Zusammenwachsens ein immer stärkeres Auseinanderdriften bewirkt hat.