InterviewDirk Peglow vom Kriminalbeamten-Bund Wie realistisch ist der „Tatort“?

Von red/dpa 

Am 29. November wird der „Tatort“ 50. Früher waren es die unnahbaren Kommissare mit Hut und Krawatte, heute diskutieren sie über private Probleme. Da ist viel Wahres dran, finden die Experten aus der Praxis. Nur manche Details im Fernsehen stimmen dann doch nicht.

Allzu kleinkariert sollte man bei der Expertenkritik nicht sein, meint Dirk Peglow. Foto: dpa/Jörg Carstensen
Allzu kleinkariert sollte man bei der Expertenkritik nicht sein, meint Dirk Peglow. Foto: dpa/Jörg Carstensen

Berlin - „Tatort“-Kommissare von heute haben mit ihren Vorgängern aus vergangenen Jahrzehnten nicht mehr viel gemeinsam. Ihr Bild in 50 Jahren Fernsehgeschichte hat sich gewandelt. Und es entspricht in vielerlei Hinsicht der Realität, sagt der stellvertretende Bundesvorsitzende des Bunds Deutscher Kriminalbeamter, Dirk Peglow. Tatsächlich locke der Sonntagskrimi sogar den Nachwuchs. An der einen oder anderen Stelle sei der aber mal überrascht, dass manches im TV dann doch von der wirklichen Arbeit abweicht.

Wie realistisch werden die Ermittler im „Tatort“ dargestellt? Entspricht das heute mehr der Realität als früher?

Grundsätzlich ist es eine Krimiserie, die darauf ausgelegt ist, in 90 Minuten ein komplettes Ermittlungsverfahren zu zeigen. Da kann man Polizeiarbeit nicht realistisch darstellen. Was mir bei den „Tatorten“ auffällt: Da schreibt nie jemand was. Das ist auch nicht sehr spannend für die Zuschauer, ist aber ein wesentlicher Teil polizeilicher Arbeit. Wir sitzen sehr viel an unseren Rechnern und schreiben Vermerke. Alles muss in eine Akte eingehen. Auch tragen die Kommissare am Tatort nie Spurensicherungsanzüge. Die wesentlichen Komponenten kriminalpolizeilicher Arbeit wie die Tatortarbeit, Vernehmungen und auch Festnahmen werden in vielen „Tatort“-Filmen dargestellt, aber eben so, dass alles in 90 Minuten passt.

Hat sich das innerhalb der vergangenen 50 Jahre geändert?

Mein Eindruck ist, dass die persönlichen Probleme der handelnden Kommissare immer mehr auch eine Rolle spielen – private Probleme, eine Scheidungsgeschichte, psychische Geschichten, die auch auf den dienstlichen Alltag der Kommissarinnen und Kommissare Einfluss haben. Das ist doch seit einigen Jahren immer mehr auch mal Thema. Früher war das, glaub’ ich, nicht so. Da ist der Kommissar auch rein äußerlich gesehen immer im Anzug und Krawatte rumgelaufen. Diese Äußerlichkeiten, die haben sich natürlich auch geändert und angepasst. Wenn man immer noch einen alten Kommissar abbilden würde, der mit schlecht sitzendem Anzug und Hut am Tatort erscheinen würde, ist das nicht das, was die Leute heutzutage sehen wollen.

Entspricht das denn auch dem Berufsalltag, beispielsweise, dass man sich mehr mit Kollegen auch übers Private mal austauscht?

Das ist ein wesentlicher Teil unseres Zusammenarbeitens. Man verbringt unglaublich viel Zeit miteinander in der Hochphase eines Ermittlungsverfahrens. Stellenweise habe ich auch in der Vergangenheit selbst die Erfahrung gemacht, dass man mehr Zeit mit seinen Kolleginnen und Kollegen verbringt als mit der eigenen Familie. Natürlich redet man dann über private Dinge. Letztlich haben wir das ja zum Teil auch im „Tatort“, dass eine Frau Odenthal lange Zeit mit ihrem Kollegen zusammengewohnt hat. Dass die Münchner, die sich ja schon lange kennen, auch über private Probleme unterhalten, dass die ihre privaten Geschichten kennen.

Glauben Sie denn, dass der Tatort oder auch andere Polizeiserien helfen, für den Beruf des Polizisten zu werben?

Ich habe das schon in einigen Fällen von jungen Kolleginnen und Kollegen berichtet bekommen, dass hierin einer der Gründe lag, zur Polizei zu gehen. Einer davon war dann in der praktischen Arbeit bei der Mordkommission zu Beginn ziemlich erstaunt darüber, dass das doch ein bisschen anders abläuft, als er das im „Tatort“ gesehen hat. Man kann das eigentlich gar nicht glauben. Aber ich habe erlebt, dass man sich wundert, selber Mülltonnen auszuleeren und zu durchsuchen. Da entsteht ein Bild im „Tatort“, dass der Kommissar im Grunde genommen am Tatort erscheint und alle springen so, wie er es sagt. Das ist in der Realität eben anders.

Es gibt ja die sehr beliebten, eher klamaukigen „Tatorte“ beispielsweise aus Münster und Weimar. Ist das auch okay oder sagen Sie, das ist eher etwas rufschädigend, ein bisschen zu weit gehend?

Ich schaue die am liebsten, wenn ich ganz ehrlich bin. Ich schaue natürlich den „Tatort“ nicht nach der Devise „Ich schreib mir zwei Überstunden auf und lerne was für mein Berufsleben“. Sondern ich schaue nach der Frage: Ist das für mich Unterhaltung? Sich hinzusetzen als Kriminalbeamter und zu sagen „Das ist unglaublich, was da dargestellt wird, so ist das ja gar nicht“, das ist zu kleinkariert. Ich glaube, die Leute haben sehr gerne Manfred Krug geguckt, weil Manfred Krug eben eine bestimmte Art von Kommissar verkörpert hat. Genau so, wie sie gerne Schimanski geguckt haben, der eine ganz andere Art von Kommissar verkörpert hat, mehr so der Rabauke und Haudrauf-Hallodri. Und mittlerweile haben wir dann den vergeistigten Rechtsmediziner und einen bodenständigen Kommissar, die sich gegenseitig immer ein bisschen veräppeln.

Wie schätzen Sie die Themenauswahl ein? Es geht ja in der Regel um Mord, selten um was anderes. Ist das auch wegen der Dramaturgie oder einfach das Spannendste im Leben eines Polizisten?

Ich glaube, dieser Deliktsbereich ist etwas, wo sich jeder Zuschauer was darunter vorstellen kann. Dazu kommt, dass man natürlich ein Ermittlungsverfahren im Bereich des Insolvenzbetruges oder der Wirtschaftskriminalität mit zweijährigen Ermittlungen und hochkomplizierten strafrechtlichen Konstrukten nicht darstellen kann. Genauso wenig wäre es spannend, einen Enkeltrick oder einen Internetbetrug in irgendeiner Form im „Tatort“ zu bringen. Ich glaube, der Deliktsbereich der Tötungsdelikte, gibt am meisten her. Wenn ein Spezialeinsatzkommando bei der Festnahme des Täters im Einsatz ist, da ist Action.

Zur Person

Dirk Peglow (51) ist Kriminalbeamter und beim Bund Deutscher Kriminalbeamter stellvertretender Bundesvorsitzender sowie Landeschef in Hessen. Nach dem Abitur in Frankfurt am Main begann er 1989 eine Ausbildung für den mittleren Polizeivollzugsdienst. Später studierte er an der Verwaltungsfachhochschule Wiesbaden. Seit 1993 ist Peglow beim Polizeipräsidium Frankfurt am Main in verschiedenen Funktionen der Schutz- und Kriminalpolizei tätig. Zudem sitzt der Vater zweier Kinder für die CDU im Ortsbeirat unter anderem für die Stadtteile Berkersheim, Bonames und Eckenheim.




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