Discounter Lidl geht unter die Seefahrer
Eine eigene Flotte soll für den Discounter den Nachschub aus Asien sichern.
Eine eigene Flotte soll für den Discounter den Nachschub aus Asien sichern.
Der Discounter Lidl will erstmals eigene Schiffe bauen lassen. Die wie Lidl zur Schwarz-Gruppe in Neckarsulm gehörende Reederei Tailwind will dazu in China den Bau von fünf Schiffen in Auftrag geben. Ziel ist, die Lieferketten durch eine eigene kleine Flotte abzusichern. Die neuen Frachter sollen Platz für bis zu 8400 Container haben. Bisher waren für Tailwind Shipping Lines zwei kleine eigene und etliche gecharterte Schiffe unterwegs. Tailwind heißt so viel wie Rückenwind.
Nach den Angaben von Lidl war die Reederei mit ihren inzwischen 30 Beschäftigten im Juli 2022 als Tochterunternehmen der Lidl-Stiftung gegründet worden. Schon damals hatte man das Ziel, die eigenen Lieferketten aus Asien abzusichern. Dies war auch eine Reaktion auf Probleme in den Corona-Jahren. Die Sicherstellung der Lieferketten gilt nach den Angaben des Unternehmens besonders für die wöchentlichen Rabattaktionen. Professor Carsten Kortum, Studiengangsleiter BWL-Handel an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg am Standort Heilbronn, sagt, gerade bei Aktionswaren müssten Firmen besonders für Pünktlichkeit sorgen. Verschifft werden etwa Nahrungsmittel, Textilien, Schuhe, Spielzeug oder Elektronikartikel.
Die neuen Lidl-Schiffe sind weit kleiner als beispielsweise die von Hapag Lloyd, die mehr als 20 000 Container an Bord nehmen können. Durch kleinere Schiffe könnten auch weniger große Häfen in der Nähe großer Handelszentren angelaufen werden, heißt es bei Lidl. Damit könnten Abfertigungszeiten verkürzt und Verzögerungen vermieden werden. Wegen der Sicherheit für Personal und Ladung werde aktuell nicht durch das Rote Meer, sondern um Afrika herumgefahren. Dadurch verlängere sich der Transport zwischen China und Europa von weniger als 20 auf 30 Tage.
Die neuen Schiffe können nicht nur mit konventionellem Treibstoff, sondern auch mit Flüssiggas (LNG) betrieben werden. Sie seien daher auch umweltfreundlicher, meint Kortum. Die Kosten für die fünf Schiffe schätzt er auf rund 600 Millionen US-Dollar (rund 518 Millionen Euro). Mit den Schiffen sollen auch Waren für Kaufland, sowie auch für Kunden außerhalb der Schwarz-Gruppe befördert werden. Der Wettbewerber Aldi teilt mit, er bitte um Verständnis, dass sich das Unternehmen zu Fragen nach seinen Transporten von Asien nach Europa „aus Wettbewerbsgründen nicht äußert“. Aldi hat offenbar weder eigene Schiffe noch die Absicht, welche bauen zu lassen. „Man kann sich schon überlegen, ob man 600 Millionen Dollar in eigene Schiffe oder in die Erweiterung des Filialnetzes steckt“, sagt Kortum. Aldi baue aktuell das Netz seiner Niederlassungen in den USA massiv aus.
Der Sportartikelhändler Decathlon arbeite ebenso wie der weltweit größte Einzelhändler Walmart mit Maersk zusammen, Ikea ordere Schiffe je nach Bedarf. Schiffe können auch für mehrere Jahre gemietet werden, nicht nur für einzelne Fahrten. Der Textilhändler Zara setze auf Luft- und Bahntransporte. Auch Tailwind nutzt für den Weitertransport von den Häfen zu Verteilzentren die Bahn.
Ein wichtiger Umschlagplatz für Waren aus Asien ist für Tailwind das slowenische Koper. Von diesem Hafen aus werden diese dann mit der Bahn zu weiteren Verteilzentren, etwa in Graz, verfrachtet. Die Container, mit denen Waren aus Asien geholt werden sollen, bleiben auch auf dem Weg dorthin nicht leer. Nach Asien würden etwa Teile für den Maschinenbau sowie Holz, Fasern und Papier verfrachtet, heißt es bei Tailwind. Der Einsatz eigener Schiffe passt zu der schon seit Jahren verfolgten Strategie der Schwarz-Gruppe, sich auch durch die Ausweitung der eigenen Produktion unabhängiger zu machen.
Mit dem Kauf der Schiffe gehe das Unternehmen nun „einen Schritt, den andere noch meiden“, sagt Kortum. Die Wettbewerber würden aber wohl genau beobachten, welche Erfahrungen Lidl mache. Eventuell könne es dann auch Nachahmer geben. „Pünktlichkeit und Planbarkeit sichern das Unternehmen gegen Lücken im Regal ab“, sagt der Handelsexperte, „dies ist ein unsichtbarer, aber spürbarer Wettbewerbsvorteil.“ Da nicht nur eigene Waren befördert werden, sondern auch solche von anderen Unternehmen, könne Tailwind durchaus wirtschaftlich arbeiten. Die Flotte binde zwar zunächst viel Kapital, aber immerhin könne ein Schiff auch 20 Jahre genutzt werden. Ob sich die eigenen Schiffe lohnen, werde „weniger im Hafen als an der Kasse entschieden“, sagt Kortum.