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Discounter Urlaub aus dem Supermarkt

Von Susanne Hamann und Gabriele Kiunke 

Der Reisemarkt ist für die Discounter ein lukrativer und wachsender Markt. Doch bekommt der Kunde dort wirklich Reisen zum Schnäppchenpreis?

Die bunten Prospekte warten hinter der Kasse. Die Kunden legen sich die Broschüren gerne in den Einkaufswagen. Die Inhalte sind schließlich verlockend: eine Woche Teneriffa für 399 Euro, drei Nächte im Vier-Sterne-Hotel im Zillertal für 149 Euro, eine Schottland-Rundreise ab 799 Euro. Wo es günstig Butter und Milch gibt, so hofft der Kunde, lässt sich auch beim Urlaub sparen. Die meisten Verbraucher glauben, dass die Discounter selbst Veranstalter der angepriesenen Reisen sind. Doch sie fungieren nur als Vermittler.

Die eigentliche Arbeit, sprich Ausarbeitung und Zusammenstellung der Reisen, überlassen die Discounter den Experten. So organisiert die Reisen im Aldi-Flyer zum Großteil das Unternehmen Berge und Meer aus Rengsdorf, das zum Tui-Konzern gehört. Die Reisen von Penny veranstaltet Clevertours.com mit Sitz in Köln, eine Tochter der DER Touristik. Die wiederum gehört zur Rewe-Gruppe und somit zur selben Firmenfamilie wie die Supermarktketten Penny und Rewe. Auch beim Kaffeeröster Tchibo gibt es Reisen, das Unternehmen kooperiert dabei mit 18 verschiedenen Veranstaltern. Hinter vielen Reisen von Lidl steckt die BigXtra Touristik GmbH mit Sitz in München, ein Teil des Touristikkonzerns FTI.

Der Discounter arbeitet aber auch mit anderen Kooperationspartnern zusammen. In der Neckarsulmer Zentrale kümmert sich ein rund 20-köpfiges Team nur darum. Zweimal im Monat preist ein Flyer neue Traumreisen in allen 3300 Lidl-Filialen an. Weitere 100 000 Angebote seien laut Pressestelle unter der speziellen Lidl-Reise-Homepage zu finden. Für die Reiseveranstalter ist die Kooperation mit den Supermärkten und Discountern vor allem ein zusätzlicher Vertriebskanal. Man gelangt an Kundschaft, die vielleicht sonst nicht an eine Reise gedacht hätte. Die Leute da abholen, wo sie sind, nennt das Ekkehard Hoffmann, Geschäftsführer von Clevertours.com, dem Veranstalter der Rewe- und Penny-Reisen: „Der Kunde ist ein Hybrid. Ebenso wie er mal da, mal dort einkauft, bucht er auch mal hier und mal dort.“ Wie viele Reisen die Discounter jährlich absetzen, darüber herrscht großes Stillschweigen.

Lidl auf der Reisemesse CMT

Weder Lidl noch Tchibo oder Aldi wollen sich dazu äußern. Laut Sibylle Zeuch, Sprecherin beim Deutschen Reiseverband (DRV), ist der Markt „überschaubar“. Genaue Zahlen werden vom Verband allerdings nicht erhoben. Discounter halten sich gerne bedeckt, deshalb verwundert es umso mehr, dass Lidl im Januar erstmals mit einem großen Stand auf der Reisemesse CMT in Stuttgart vertreten war. Auch auf der am Mittwoch beginnenden Internationalen Tourismus Börse (ITB) in Berlin will sich das Unternehmen präsentieren. „Direkt mit Kunden in Kontakt zu kommen und im persönlichen Gespräch das Vertrauen in Lidl als Reiseanbieter aufzubauen und zu stärken“, seien Gründe für dieses Engagement, sagt Stephan Krückel von der Lidl-Pressestelle. Ist das notwendig? Zumindest als Anbieter von Lebensmitteln und sonstigen Waren genießen die Discounter einen guten Ruf. Es gilt als chic, beim Aldi oder Lidl zu kaufen, auch wenn man sich den Lieferservice vom Feinkostgeschäft leisten könnte. Und die Qualität stimmt meistens auch - dies gilt auch für den Ferienbereich. „Das sind keine Schrottreisen“, urteilt Tourismusexperte Klaus Born, Professor an der Hochschule Harz in Wernigerode.

Doch wie günstig sind die Preise? Reiseexperte Born ist skeptisch. Weil der Kunde mit Discountern automatisch einen günstigen Preis verbinde, müssten die Anbieter gar nicht mehr beweisen, dass ihre Angebote tatsächlich preiswerter seien als etwa im Reisebüro. Mangelnde Transparenz kritisiert Claudia Brözel, Professorin an der Hochschule Eberswalde und Autorin einer Studie zu diesem Thema: „Manche Angebote sind durchaus gut. Doch man muss genau hinschauen. Oft weiß man nicht, ob man nicht vielleicht das schlechteste Zimmer des Hotels mit Blick auf den Hof und direkt über der Küche bekommt.“ Preisvergleiche mit regulären Reisen sind schwierig, weil es sich bei den Schnäppchenreisen beim Kaffeeröster oder Billigsupermarkt meist um speziell zusammengestellte Angebote handelt. Oft werden Restkontingente kombiniert - Flug plus Hotel plus Eintritt ins Musical plus Massage oder Wellness-Gutschein.

Die Veranstalter konnten fast immer preislich mithalten

Die Pakete sind neu geschnürt und genau so nirgends zu buchen. „Je mehr Komponenten, desto undurchschaubarer. Denn man weiß nicht genau, was eine einzelne Leistung kostet, und daher fällt ein Vergleich dann schwer“, sagt Juristin Dunja Richter von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Unbedingt günstiger als klassisch gebuchte Ferien sind die Discounterreisen jedenfalls nicht. Dies hat eine Stichprobe des Euro-Lloyd-Reisebüros in Sindelfingen im Auftrag unserer Zeitung ergeben. Je ein aktuelles Angebot von Netto Reisen, Aldi Reisen, Berge und Meer sowie Lidl Reisen wurde mit den Katalogen von Tui, Dertour, Neckermann, ITS und FTI verglichen. Ergebnis: Die Veranstalter konnten fast immer preislich mithalten. „Dennoch gibt es einen Mehrwert für den Kunden, wenn er im Reisebüro bucht. Dort kann man individuell auf seine Ansprüche eingehen“, sagt Büroleiterin Anja Dörfler und verweist auf die starren Details und geringe Auswahlmöglichkeiten der Discounter-Reisen.

So kritisiert sie etwa bei einer Asienkreuzfahrt auf der „Mein Schiff 1“ beim anschließenden Badeurlaub in Thailand im Katalog von Berge und Meer das sehr weit vom Strand entfernte Hotel. Eine Alternative bekommt der Kunde nicht angeboten. Bei einer Mietwagenrundreise in den USA im Februarprospekt von Lidl Reisen bewertet die Expertin die Route als unlogisch. „Diese Reise würde niemand im Reisebüro so verkaufen. Wenn ein Kunde schon so weit fliegt, ergeben nur sieben Nächte keinen Sinn“, sagt Anja Dörfler. Wer mit dem Privatwagen dagegen ins Zillertal, an die Nordsee oder nach Rügen fahren will, kann bei der Unterkunft tatsächlich einen Treffer landen. Ein Bett im Vier-Sterne-Haus mit sattem Rabatt ist durchaus drin.

Denn wer als Hotelier beim Discounter für einen Mehrtagesaufenthalt werben will, sollte seinen Haustarif schon unterbieten. Die Veranstalter im Auftrag von Aldi und Co. drehen gewaltig an der Preisschraube - bis an die Schmerzgrenze. Ein Hotelier von der Nordsee spricht von „Angeboten bis zu 40 Prozent unter dem Normalpreis“. Zwischen 40 und maximal 70 Euro könne er pro Person inklusive Halbpension ansetzen. Für regulär buchende Gäste beginnen die Preise erst bei 96 Euro. Ähnlich sieht ein Beispiel aus dem Schwarzwald aus: Dort kann man sich für drei Nächte für 119 Euro einbuchen, inklusive Halbpension. Normalerweise läge der Preis bei 177 Euro. Doch warum lassen sich die Hoteliers auf solche Deals ein? Zum einen locken die Reichweite der Prospekte und die Aussicht auf viele Buchungen, so dass sich der Abschlag am Ende doch wieder rechnet. Zum anderen hoffen die Betreiber, mit solchen Lockvogel-Offerten Gäste zu gewinnen, die ein zweites Mal buchen - dann zum regulären Preis. Manchmal fehlen auch schlicht die Alternativen. „Wenn ich eine bessere Idee der Vermarktung hätte, würde ich sofort darauf verzichten“, sagt eine Hotelbesitzerin.