Diskussion auf Ludwigsburger Synagogenplatz Wo muss die Meinungsfreiheit enden?
Beim Gedenken an die Brandstiftung der Nationalsozialisten wurde vor aktuellen Entwicklungen in der Gesellschaft gewarnt.
Beim Gedenken an die Brandstiftung der Nationalsozialisten wurde vor aktuellen Entwicklungen in der Gesellschaft gewarnt.
Die Zitate, die am Freitagabend nacheinander auf der großen Leinwand erscheinen und vorgelesen werden, sind echt – sie stammen aus den sozialen Medien, bei denen man sich zu Recht fragen kann, was an ihnen eigentlich sozial ist. „Noch ist der Germane in der Überzahl . . .“, beginnt eines, ein anderes lautet „Es reicht, die müssen alle ausgewiesen werden.“ Leises Stöhnen geben einige der geschätzt mehr als 200 Anwesenden auf dem Synagogenplatz in der Nähe des Bahnhofs von sich, als zu hören und zu lesen ist: „Immerhin haben wir jetzt so viele Ausländer im Land, dass sich ein Holocaust mal wieder lohnen würde.“ Und ein anderes Zitat lautet: „Die ganze Scheiße ist fast 100 Jahre her, wir haben doch damit nichts zu tun.“
Und doch, das machten die drei Teilnehmer der Podiumsdiskussion – Derya Sahan von der Fachstelle Extremismusdistanzierung Baden-Württemberg, David Holinstat von der israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg und Ludwigsburgs Oberbürgermeister Matthias Knecht – deutlich: Die Gefahr, dass sich etwas wie die Brandstiftung der Synagoge und die Verfolgung einer unliebsamen Volksgruppe wiederholt, ist größer, als man denken möchte.
Eine Untersuchung der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung habe einen signifikanten Anstieg rechter Einstellungen ergeben, so Anne Kathrin Müller vom Arbeitskreis Dialog Synagogenplatz, die die Podiumsdiskussion moderierte. Fünf Prozent der Bevölkerung in Deutschlands seien klar rechts orientiert, 25 Prozent bewegten sich in einer Grauzone. Es sei vor allem diese Grauzone, die ihm Sorge bereite, sagte Knecht. „Hier beginnt sich etwas zu verschieben. Es scheint so, als ob manche nur auf den 7. Oktober gewartet hätten“ – den Tag, an dem die Terrororganisation Hamas Israel angriff.
Sahan sagte, in den siebeneinhalb Jahren, in denen sie für die Fachstelle tätig sei, falle ihr eine Diskursverschiebung auf. „Die Sprache verändert sich. Die sachliche Ebene wird sehr schnell verlassen.“ Doch woran liegt das? Ihrer Erkenntnis nach ist oft soziale Ungerechtigkeit die Ursache dafür. „Die Menschen sind in ihrem Gerechtigkeitsempfinden sehr stark gekränkt, auch gegenüber der Politik.“ Und: „Die Digitalisierung hat zur Vernetzung von extremistischen Akteuren geführt. Teile dieser Ideologien sind salonfähig geworden.“
Im persönlichen Umgang hat Holinstat dagegen ganz andere Erfahrungen gemacht. Im Rahmen der Initiative „Meet a Jew“ (Triff einen Juden) gehen er und andere seiner Glaubensgenossen an Schulen und stellen sich den vielfältigen Fragen, die von Interesse zeugten. „Die Idee ist es, so Vorurteile abzubauen“, erklärte er. „In so einem Diskurs habe ich wenig rechte Gesinnung getroffen.“ Anders als in den sozialen Medien, wo er „teils krass antisemitische Aussagen“ finde. Und dass man so etwas heute auch im Landtag hören könne, mache ihm Angst um seine Zukunft.
Vieles laufe unter der Rechtfertigung „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, so Müller. Doch das bereite den Boden für Hass und Gewalt. Aus diesem Grund habe man dieses Mal nicht nur ein Gedenken als Erinnerung an die Zerstörung der Ludwigsburger Synagoge gewählt, sondern sich dafür entschieden, in den Diskurs zu gehen. Den Impuls dafür gab unter anderem ein Zitat von Erich Kästner: „Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät. Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird. Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf.“
Ein Patentrezept, wie man verhindern kann, dass aus einem Schneeball eine Lawine wird, hatte keiner parat. Holinstat wünschte sich, dass die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes aktiv gegen Judenhass wirken. Beispielsweise mit dem Schreiben von Leserbriefen, einer Entgegnung auf Posts in den sozialen Medien oder der Teilnahme an Demos. Knecht betonte, wie wichtig es sei, die eigenen Kinder entsprechend zu prägen. Aus Sicht von Sahin bringt es nur etwas, wenn man entschieden Stopp sagt – auch als Gesellschaft. Damit nicht wieder das passiert, was ein Zeitzeuge des Brandes in einer Videoaufnahme schilderte: „Alle waren ganz still, keiner hat was gesagt.“