Thomas Steffen, der Chef der örtlichen Stadtwerke, hat das Szenario im Backnanger Gemeinderat unaufgeregt, aber auch ungeschönt dargestellt. Wenn Putin die Gasleitung Nordstream I nach der aktuellen Wartungspause nicht wieder aufdreht, könnte es frostig werden in diesem – spätestens aber im nächsten Winter. Denn Gas aus Russland macht trotz aller Bemühungen um Alternativen weiterhin die mit Abstand größte Liefermenge aus, und die Speicher sind – zumindest europaweit gesehen – aktuell noch nicht ausreichend gefüllt.
30 Prozent nicht geschützte Kunden
Sollte der in Deutschland derzeitig ausgerufene Alarmzustand zum Notfall aufgestuft werden, könne es dazu kommen, dass sogenannten nicht geschützten Kunden – laut derzeitigem Stand sind das mit Ausnahmen Abnehmer mit einem Jahresbezug von mehr als 1,5 Millionen Kilowattstunden – der wärme- und energiespendende Stoff verwehrt wird. Das würde der Fall, wenn – etwa bedingt durch einen strengen Winter – die Gasspeicherreserven zu versiegen drohen. Die Backnanger Stadtwerke haben ihre Großkunden – das sind laut Thomas Steffen etwa 30 Prozent – schon einmal entsprechend vorgewarnt.
Auch in der Stadtverwaltung hat sich laut dem Oberbürgermeister Maximilian Friedrich eine eigens ins Leben gerufene Energiesparkommission bereits einen groben Plan zurechtgelegt, was getan werden könnte, wenn die Lage weiter eskaliert. Gedacht sei etwa daran, die Raumtemperatur in den Sporthallen und Büros zu reglementieren. Die Bäder hätten mit der Absenkung um zwei Grad Wassertemperatur bereits einen Beitrag zum Energiesparen geleistet, aber auch eine Schließung des Hallenbads sei für den Fall der Fälle per se kein Tabu. Momentan mache das allerdings wenig Sinn, laut Auskunft des Bäderbetreibers Interspa werde wegen der hohen Außentemperaturen kaum Energie für die Wasserheizung benötigt, so der Erste Bürgermeister Siegfried Janocha.
Aber auch im Gemeinderat werden mögliche eigene Beiträge heiß diskutiert. Einerseits macht man sich perspektivisch Gedanken um regenerative Alternativen fürs Gas. Ulrike Sturm, die für die Grünen auch im Regionalparlament sitzt, drängt darauf, bereits verworfene Windkraftpläne unverzüglich wieder aufzunehmen: „Zollstock-Springstein könnte eigentlich morgen gebaut werden“, behauptet sie – wohl wissend, dass dies genehmigungstechnisch nicht so einfach möglich ist.
Willy Härtner in der S-Bahn mit George Clooney
Aber es gibt auch Überlegungen, was jeder Einzelne schon jetzt tun könne, um die Gasspeicher zu schonen. Weniger duschen zum Beispiel. Sturms Parteikollege Willi Härtner, früher mal selbst als Energieberater bei der Verbraucherzentrale tätig, muss einräumen, dass beim ausgiebigen heißen Reinigungsprozess durchaus einiges an Energie verpulvert wird. Andererseits habe er als regelmäßiger Bus- und Bahnfahrer olfaktorisch schon des Öfteren zu spüren bekommen, was es bedeutet, wenn es ein Sitznachbar mit der Hygiene nicht so genau genommen habe. Das müsse nicht sein, entgegnet Gerhard Ketterer von der CDU mit einem Augenzwinkern. Er habe gehört, dass der Hollywoodschauspieler George Clooney gänzlich aufs Duschen verzichte. Wenn man der Klatschpresse glaubt, scheint das seiner Anziehungskraft ja wohl keinen Abbruch getan zu haben. Nicht so sicher ist Armin Dobler (SPD) allerdings, ob das auch gilt, wenn Clooney mit Willy Härtner in der S-Bahn fahren würde.
Einen Konsens über alle Parteigrenzen hinweg gibt es hingegen, dass man „irgendetwas tun muss und nicht abwarten“ darf, bis die Katastrophe da ist. Einer Idee von Jörg Bauer (Bürgerforum Backnang-FDP), die alten Gasspeicher neben dem Stadtwerkegebäude zu reaktivieren, folgt indes die prompte Ernüchterung. Die Gastanks seien noch in Betrieb, sagt der Stadtwerke-Geschäftsführer Steffen. Aber ein wirklicher Notfallplan sind sie nicht: „Sie reichen für etwa drei bis sechs Stunden.“