Selbst an Gymnasien wird Deutsch zum Problemfall, wegen sinkender Sprachkompetenz. So wirkte eine Diskussion im Deutschen Literaturarchiv (DLA) teils wie verzweifeltes Rufen im Walde.
Im Rahmen der Bildungsinitiative des DLA sollte es um „die Kernkompetenzen des Schulfachs Deutsch“ gehen, wobei das ausgeflaggte Thema „Literatur bildet – bildet Literatur?“ speziell an diesem Ort quasi nur pro forma mit einer Prise Skepsis versehen war. Zumal die bildende Kraft literarischer Lektüren für das Quartett auf dem Podium eh außer Frage stand.
Kultusministerin Theresa Schopper, die mit Volker Müller, Leiter des Friedrich-Schiller-Gymnasiums, und Hans Lösener, Deutsch-Professor an der PH Heidelberg, die von DLA-Direktorin Sandra Richter moderierte Debatte bestritt, bot sogleich auch die zugehörige Bildungsemphase auf, als sie festhielt, wie Literatur „mitten ins Herz“ der Selbstentwicklung zielen und „ein Tor zur Welt öffnen“ kann, beglaubigt durch ihre eigene Biografie.
30 Prozent „funktionale Analphabeten“
Schopper sorgte aber auch postwendend für die harte Landung in der Realität, als sie auf Studien verwies, wonach 30 Prozent der nachwachsenden Generation „die Schule als funktionale Analphabeten verlassen“. Härter konnte der generationelle Bruch kaum beschrieben werden. Müller sprach davon, dass auch das Gymnasium eine „wachsende Heterogenität der Schülerschaft“ aufweise, und diese „Heterogenitätsschere“ erweise sich als „eine zunehmend unüberbrückbare Geschichte“, die nicht nur Grundschulen überfordere.
Die Problematik könne aber „nicht nur an die Schulen abgeladen werden“, betonte die Ministerin, auch wenn „50 Prozent der Grundschüler Migrationshintergrund haben“. Deutsch-Probleme hätten auch Kinder aus „bio-deutschen Familien“. Etwa, weil „das gemeinsame Gespräch bei Tisch nicht mehr selbstverständlich“ sei. Auch der Faktor „Wohlstandsverwahrlosung“ schlage zu Buche.
Als ursächlich für sinkende Lese- und Schreibkompetenz führte Hans Lösener „mediale Entwicklungen“ an: „Wir fallen gerade heraus aus der Euphorie bezüglich der Digitalisierung und merken deren Schattenseiten mit all den massiven Problemen.“ Junge Leute müssten „gar nicht mehr lesen, um die Welt zu entdecken. Sie haben auch gar keine Zeit mehr zum Lesen und um Sprache zu entfalten“.
Lösener machte aber auch „seit Jahrzehnten bekannte“, quasi hausgemachte Gründe aus: Defizite in der Didaktik des Deutsch-Unterrichtes, die Kinder, die „nicht von zuhause aus gut Deutsch sprechen“, früh mit einem „Verlierermalus“ markierten. Das Fach müsse sich ein Beispiel am Englisch-Unterricht nehmen, wo eine Sprache „von Grund auf und ohne Vorbelastung neu gelernt werden kann“. Er erinnerte aber auch nachdrücklich daran, dass „Landessprachen Kinder der Literatur sind“, dass in historischer Sicht prägende literarische Schöpfungen nachgerade „Voraussetzung für die Entstehung von Landessprachen waren“, wofür er beispielhaft Homer, Dante, Luther und den Koran für Hocharabisch nannte. Das zeige grundsätzlich, „was auf dem Spiel steht“.
Kindern wieder Lust am Lesen machen
Auch deshalb müsse Literatur, auch die von Richter in Stellung gebrachten Klassiker, ihren „zentralen Stellenwert“ (Müller) behalten. Kindern „wieder Lust am Lesen zu machen, die Flamme zu entzünden“, so Schopper, sei „aller Mühen wert“.