Gleichwohl ging kürzlich ein Schreiben des Ministerpräsidenten an Oberbürgermeister und Grünen-Parteifreund Fritz Kuhn mit dem Vorschlag, die Wieland-Wagner-Höhe anlässlich des 2021 stattfindenden Gedenkjahres „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ umzubenennen in Heinrich-Heine-Höhe. Der Brief, der um „wohlwollende Prüfung dieses Vorschlags durch die demokratisch gewählten Gremien der Stadt“ bittet, weist zu Recht darauf hin, dass der Enkel des berühmten Komponisten nach dem Zweiten Weltkrieg als NS-Mitläufer klassifiziert wurde.
Die Nazis wollten die Erinnerung an Heine tilgen
Und nicht nur das: Kretschmann erinnert auch daran, dass der Gauleiter der NSDAP in Württemberg-Hohenzollern, Wilhelm Murr, der einst ebenfalls in der Villa Reitzenstein residierte, am 26. Mai 1933 die Heinrich-Heine-Straße in Richard-Wagner-Straße „mit dem eindeutigen Vorsatz, die Erinnerung an den deutsch-jüdischen Dichter aus dem kulturellen Gedächtnis Deutschlands zu tilgen“, umbenennen ließ. Dass Murr dies vor allem auch tat, um den Regierungssitz des Gauleiters von dem „Makel“ zu befreien, in einer Straße zu liegen, die den Namen eines Juden trägt, dürfte mehr als wahrscheinlich sein.
Fast ein wenig verschämt weist vor Ort eine Ergänzungstafel unter dem Straßenschild der Richard-Wagner-Straße auf diesen Umstand hin. Da die Umbenennung der Straße durch die Nazis nach dem Krieg nie rückgängig gemacht wurde, erklärt auch, warum bis heute die Adresse des Staatsministeriums des Landes Baden-Württemberg auf Richard-Wagner-Straße und nicht auf Heinrich-Heine-Straße lautet. Die Villa Reitzenstein trägt die Hausnummer 15.
Womit sich fast zwangsläufig die Frage stellt, warum der Vorschlag des Ministerpräsidenten zur Umbenennung statt auf die Aussichtsplattform nicht auf die ganze Richard-Wagner-Straße zielt? Auf Anfrage lässt das Staatsministerium wissen, dass eben dies geprüft wurde: Die Umbenennung der Straße, so ein Sprecher, verbiete sich jedoch vor dem Hintergrund, dass es inzwischen in Stuttgart-Degerloch eine längere Heinestraße gebe. Um Irrtümer bei der Postzustellung und sonstige Verwechselungen zu vermeiden, so heißt es weiter, hätten der Ministerpräsident und der Landesbeauftragte für Antisemitismus, Michael Blume, „aus diesem Grund der Stadt die Umbenennung des Aussichtsplatzes vorgeschlagen“. Damit solle dem jüdischen Dichter eine „würdige Ehrung“ zuteilwerden.
Zweifel im Bezirksbeirat
Genau das bezweifelten am Mittwochabend allerdings gleich mehrere Beiräte im zuständigen Bezirksbeirat Stuttgart-Ost. So nannte Andreas Zinßer von der Links-Fraktion den ganzen Vorgang „eine Farce – die einzig richtige Antwort wäre, die ganze Straße nach Heinrich Heine rückzubenennen“, sagte Zinßer. Und der Vorsitzende der SPD im Bezirksbeirat, Jörg Trüdinger, stieß ins selbe Horn und bezeichnete es als „Feigenblatt“, den Platz anstelle der Straße umzubenennen – zumal zum Beispiel mit der Bezeichnung „Heinrich-Heine-Boulevard“ eine Verwechslung mit der Heinestraße vermieden werden könnte.
Da jedoch nicht die Umbenennung der Straße, sondern nur die Frage im Bezirksbeirat zur Abstimmung stand, ob der Vorschlag Unterstützung findet, den Namen der Aussichtsplattform zu ändern, sprach sich nach hitziger Debatte und trotz des breiten Unmuts eine Mehrheit der Beiräte schließlich für die Umbenennung der Wieland-Wagner-Höhe aus.
Dass auch Oberbürgermeister Fritz Kuhn den Dichter Heine künftig auf dem Schild lesen möchte, wo heute noch Wieland Wagner verewigt ist, lässt ein Sprecher des OB wissen: „Wir konzentrieren uns auf den Platz und nehmen nicht die ganze Straße, da sonst das Einverständnis aller Anwohner einzuholen wäre.“ Und so scheint es also, als müsste das Staatsministeriums des Landes Baden-Württemberg auch in Zukunft den Namen eines leidenschaftlichen Antisemiten im Adresskopf führen.