Diskussion über Schulwege Bis einer stirbt

Ein Zebrastreifen schafft Sicherheit auf dem Weg zur Schule. Doch der Weg durch die Instanzen der Verwaltung kann für Eltern und Verkehrsplaner zermürbend sein. Foto: imago//Thomas Trutschel

Erregte Eltern, abgebrühte Verwaltung, genervte Autofahrer – so wird das nichts mit einem wirklich sicheren Schulweg. Unseren Autor stört das. Und er hat einen Vorschlag.

Digital Desk: Jan Georg Plavec (jgp)

Was das kleine Zebra sagt, muss wohl stimmen. Vor allem, wenn das Zebra einen Polizisten zum Freund hat. Was sagt also das kleine Zebra?

 

„Der Weg zur Schule kann gefährlich sein – Die Autos fahren schnell – Renn nicht in sie hinein.“

So zu hören im Song „Gib Acht im Verkehr“. Noten und Text, auch Ausmalbilder und Rätsel gibt das Innenministerium heraus, zur Zielgruppe gehören Vorschüler und andere Verkehrsanfänger. Kindergärten können Schauspieler und Polizisten buchen, die das Zebralied als Teil einer Theateraufführung vortragen. Es ist offiziell Teil der baden-württembergischen Verkehrserziehung.

Der Tod lauert an jeder Stoßstange

Im Kontrast zur harmlosen Schlagermusik entfaltet der Angst machende Text des Zebralieds eine geradezu subversive Kraft, nach dem Motto: zur Schule gehen macht Spaß, aber der Tod lauert an jeder Stoßstange, denn „die Autos fahren schnell“. Und zack ist man mittendrin im Verkehrsstreit, der zumindest in den dichter bebauten Städten seit Jahren ziemlich unerbittlich ausgetragen wird. Was ist wichtiger, Parkplätze, Fahrradstraßen oder Gehwege? Alles auf einmal geht nicht, ein Konsens ist ebenso wenig in Aussicht. Wie auch, wenn die Auto-Fraktion mit erregten Vätern und Müttern über Elterntaxis, Fahrverbote und Zebrastreifen diskutiert?

„Achtung, Schulweg!“: So heißt die Aktion, mit der unsere Zeitung der Elternsicht Raum gibt. Gut 1300 Hinweise auf Gefahrenstellen an Stuttgarts Schulwegen haben uns erreicht. Die am häufigsten genannten Risiken: überhöhte Geschwindigkeit, zugeparkte Kreuzungen und Überwege, missachtete Zebrastreifen, zu viele Elterntaxis oder generell zu viel Verkehr.

Fast alle 1300 von den Eltern gemeldeten Gefahren haben mit Autos zu tun. Man könnte also auf die Idee kommen, dass vor allem Autos den Schulweg unsicher machen – mindestens gefühlt, mit Blick auf die Statistik zu Schulwegunfällen aber eben auch real. Und dass es vielleicht kurzfristig zweckdienlich, aber auf lange Sicht nicht gerade wünschenswert ist, immer neuen Generationen von Schulanfängern Angst vor Autos einzuimpfen. Wie wäre es, wenn sich die Autos nach den Kindern richten müssten?

Die Initiative Kidical Mass, die an Sonntagen Kinder über abgesperrte Innenstadtstraßen radeln lässt, setzt sich in Stuttgart auch für sichere Schulwege ein. In ihrer Vorstellung von einer schönen neuen Verkehrswelt fürchten sich Kinder selbst in Stuttgart-Mitte nicht vor Autos – weil die entweder langsam oder gar nicht fahren und auch keine Straßenecken zustellen. Eine Utopie? Vielleicht. Einer Idealvorstellung zu folgen ist aber allemal besser als auf den nächsten tödlichen Schulwegunfall zu warten.

Zumal man die Utopie konkret ausbuchstabieren kann: Schulwege werden auch in Wohngebieten deutlicher markiert, Halteverbote selbst frühmorgens konsequent geahndet. Beides ist bislang nicht so, würde aber das Bewusstsein derjenigen Autofahrer schärfen, die das nötig haben. Weitere Ideen, ebenfalls derzeit höchstens teilweise umgesetzt: Elterntaxis sind in einem großzügigen Radius rund um die Schulen verboten. Tempo-30-Zonen und Spielstraßen verlangsamen den Verkehr und animieren ebenso wie Zebrastreifen und Fußgängerampeln die Autofahrer bußgeldbewehrt zur im Verkehr ohnehin sinnvollen Gelassenheit.

Utopie in Gesetzesform

Ein Wandel in diese Richtung deutet sich an, und zwar in der (von Union und FDP im Bundesrat erst verwässerten, im Sommer beschlossenen) Novelle der Straßenverkehrsordnung. Seit Freitag ist sie in Kraft. Künftig soll es auf Deutschlands Straßen nicht mehr nur um die Leichtigkeit des Verkehrs gehen, sondern auch um Umweltschutz und Sicherheit. Wie schnell sich das in anders gebauten Straßen niederschlägt? Unklar. Vermutlich geht in einer Straßenverkehrsordnung auch nicht viel mehr Utopie als im jetzt novellierten Text. Wobei: Der Bundesrat hat die Regierung gebeten, zusätzlich das Ziel eines unfallfreien Verkehrs („Vision Zero“) ins Gesetz aufzunehmen. Vielleicht geht ja auch noch was in Richtung kinderfreundlich?

Zumindest bei der Verkehrserziehung bemüht man sich um die Bedürfnisse der Zielgruppe. Den Song mit dem Zebra hat Burkhard Metzger geschrieben: ein musikaffiner ehemaliger Polizist, bekennender Pedelec-Fahrer und Vorsitzender der Landesverkehrswacht. Metzger bemüht sich schon lange darum, dass Kinder sich sicher im Straßenraum bewegen können. Muss man ihnen dafür wirklich Angst einimpfen?

Ein bisschen Angst muss sein

„Angst ist ein Schutzmechanismus“, sagt Burkhard Metzger, hilfreich zumindest in ungewohnten Situationen. Aber er sagt auch: „Der Song ist vor vielen Jahren entstanden. Damals bedeutete Prävention noch ‚Aufpassen, Kinder!’“ Heute würde er versuchen, mehr Sicherheit zu vermitteln. Da seien alle Erwachsenen gefragt. Verkehrsplaner zum Beispiel, die den Verkehr mit Zebrastreifen, Tempo 30 oder, in Nebenstraßen, mit Bodenschwellen beruhigen können. Autofahrer müsse man sensibilisieren und sie bei Verstößen schärfer bestrafen – so wie in der Schweiz, wo sich die Strafhöhe am Einkommen bemisst. Und natürlich die Eltern: „Sie müssen Vorbild sein: links, rechts, links schauen, an der roten Ampel warten, sich zwischen parkenden Autos vortasten.“

Das ist alles ziemlich einleuchtend, und zumindest unter den Eltern von Grundschülern dürfte kaum jemand widersprechen. In den ersten Schuljahren, unsere Aktion zeigt es exemplarisch, gibt es für sie nichts Wichtigeres als die Gesundheit des eigenen Kindes. Sie sehen, vielleicht weil sie selbst so erzogen wurden, in jedem Auto eine Gefahr, in jedem Autofahrer einen gewissenlosen Egoisten. Aber es gibt eben auch diejenigen, die verbissen für die Rechte der Autofahrer streiten, die Tempo 30 als Bevormundung empfinden und denen es wichtiger ist, ihr Auto endlich abzustellen statt den Überweg für Fußgänger freizuhalten. Elterntaxichauffeure vereinen beide Perspektiven; bei manchem Elternteil hat man ebenfalls das Gefühl, dass die automobile Freiheit von Jahr zu Jahr wichtiger wird als der Schutz schwächerer Verkehrsteilnehmer.

Recht hat jeder, zumindest für sich. Wer Tag für Tag mit dem Wagen zur Arbeit fährt oder die Kinder ausnahmslos mit dem Auto zur Schule bringt, hat dafür ebenso Gründe wie die Zu-Fuß-Geher aus den zugeparkten Altbauvierteln für ihre Abneigung gegen SUVs oder generell alles Motorisierte auf vier Rädern. Deshalb geht es beim Verkehrsstreit der Erwachsenen oftmals nur vordergründig um die Kinder. Aber welche Art von Verkehr würden sie sich eigentlich wünschen?

Mehr Empathie wagen

Es wäre vermutlich nicht der Status quo. Wer kann, sollte sich auf die sprichwörtliche Augenhöhe begeben und den Straßenverkehr als Mensch mit einer Körpergröße von sagen wir 1,30 Metern betrachten. Aus parkenden Autos werden dann Wände, vor denen große Fahrzeuge unvermittelt vorbeischießen. Den Lärm und die Abgase nimmt man näher am Boden übrigens auch viel deutlicher wahr. Würde man sich in so einer Position nicht über deutlich langsamer fahrende Autos freuen? Über insgesamt weniger Autos? Über viel mehr Zebrastreifen, an denen man die Straße sicher überqueren kann? Über betont umsichtige Autofahrer, denen die Rücksicht auf schwächere Verkehrsteilnehmer spürbar wichtiger ist als ein oder zwei Minuten später anzukommen?

Ein empathischerer Straßenverkehr wäre nicht nur kinder-, sondern einfach menschenfreundlicher – man denke an Senioren oder auch an körperlich oder geistig eingeschränkte Menschen. Dass zahlreiche Grundschuleltern diese Empathie regelmäßig aufbringen, unterstreichen Hunderte Vorschläge für eine Entschärfung der Gefahrenstellen, die unsere Aktion ebenfalls zusammengetragen hat. Damit sie umgesetzt werden, braucht es Gesetze sowie eine Verwaltung, die sie in die konkret gebaute Welt übersetzt. Weniger hilfreich ist eine Behörde, die lebensnahe Vorschläge oberlehrerhaft abbügelt.

Für etliche der in Stuttgart gemeldeten Gefahrenstellen hat das Ordnungsamt Gegenmaßnahmen angekündigt. In noch viel mehr Fällen aber abgewiegelt. Viele Eltern sind davon genervt, und nicht ganz zu Unrecht. In Dutzenden Fällen fordern sie Überwege an den Stellen, wo die Schüler tatsächlich über die Straße wollen – eben weil es sich um den direkten Weg handelt. Standardantwort: das geht nicht, sie sollten eben den im Schulwegplan eingezeichneten Umweg gehen. Ein anderes Beispiel: Wo Zebrastreifen allgemein als sinnvoll erachtet werden, baut die Stadt„Gehwegnasen“, verengt also die Fahrbahn – weil bei einzelnen Verkehrszählungen für einen Zebrastreifen zu wenige Autos durchfahren. Als ob die Gefahr erst durch die Masse der Fahrzeuge entstünde! Mit derselben Begründung wird, das als drittes und letztes Beispiel, an einer polizeibekannten und regelmäßig mobil kontrollierten innerörtlichen Raserstrecke in Stuttgart-Weilimdorf ein Blitzer abgelehnt.

Die Verwaltung kann Verkehrsgesetze nicht umschreiben oder frei interpretieren. Rathausmitarbeiter können nicht jedem engagierten Vater, jeder besorgten Mutter die Hände tätscheln. Doch sie können den Eindruck vermeiden, Sorgen wegzudefinieren und sich spürbar für ein Mehr an Sicherheit einsetzen. Das würde auch das Vertrauen in den Staat allgemein stärken. Warum nicht systematisch prüfen, wo Zebrastreifen dank der neuen Straßenverkehrsordnung jetzt doch erlaubt sind – und davon erzählen?

Raus aus dem Teufelskreis

Ignoranz dagegen führt schlimmstenfalls in einen Teufelskreis: Die abgebrühte Verwaltung stöhnt jedes Jahr aufs Neue über die nächste Generation von Eltern, die als emotionalisierte Anwälte ihrer eigenen Kinder auftreten. In dieser Situation auf Zeit zu spielen, liegt nahe – löst aber kein Problem, sondern führt eher zu noch lauter vorgetragenen Forderungen und am Ende zu Frust, im schlimmsten Fall zu Unfällen, Verletzten.

Die Kinder lernen derweil auch im Herbst 2024, dass man im Auto vermeintlich am sichersten ist. Für sie bleibt die Straße ein Angstraum – oder mit den Worten des kleinen Zebras: „Der Gehweg, der gibt SicherheitEr ist für dich da. Benutze ihn auf deinem Weg – Und meide die Gefahr.“

Muss es wirklich so sein?

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