Diskussion über Wohnraumförderung Wohngeld versus sozialer Wohnungsbau

Von  

Experten streiten darüber, wie Geringverdiener am sinnvollsten bei der Wohnungssuche unterstützt werden können. Laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes ist der Bezug von Wohngeld rückläufig. Just dieses Instrument will aber der Konstanzer Ökonom Friedrich Breyer ausgebaut sehen.

Wie mehr günstiger Wohnraum geschaffen werden kann, ist umstritten. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Wie mehr günstiger Wohnraum geschaffen werden kann, ist umstritten. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Die Zahl der deutschen Haushalte, die Wohngeld beziehen, ist rückläufig. Das geht aus Daten hervor, die das Statistische Bundesamt am Dienstag veröffentlicht hat. Demnach erhielten 2017 rund 592 000 einkommensschwache Haushalte die staatliche Förderung. Das sind 6,2 Prozent weniger als im Vorjahr. In Baden-Württemberg fiel der Rückgang mit sechs Prozent etwas moderater aus. 1,4 Prozent der Privathaushalte in Deutschland beziehen Wohngeld, im Südwesten sind es 1,2 Prozent. Die Ausgaben von Bund und Länder für das Wohngeld beliefen sich 2017 auf 1,134 Milliarden Euro, ein Rückgang um 1,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Außerdem im Video: Wohnungsnot in Stuttgart – wie schlimm ist die Lage? Was sind die Ursachen und welche Lösungen gibt es? Das sollten Sie zum Thema wissen.

Experte hält sozialen Wohnungsbau für Scheinlösung

Dabei sehen Experten gerade in der Ausweitung des Wohngelds die Chance, bedürftigen Alleinstehenden und Familien zu helfen. Der Konstanzer Ökonom Friedrich Breyer hält die Wirkung des sozialen Wohnungsbaus für völlig überschätzt. „Sozialer Wohnungsbau ist sozusagen ,weiße Salbe‘, eine Scheinlösung“, sagt er im Interview mit unserer Zeitung.

Die für sozialen Wohnungsbau ausgegebenen Mittel wären Breyer zufolge besser investiert in eine Erhöhung des Wohngelds: „Damit ließe sich der Empfängerkreis erweitern und die Höhe der Miete anheben, bis zu der Wohngeld bezahlt wird.“ Breyer hat den Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialpolitik an der Uni Konstanz inne und gehört dem wissenschaftlichen Beirat des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie an. Mit seinen Vorschlägen zur Neuorientierung in der Wohnbauförderung des Bunds hatte das Gremium eine lebhafte Debatte ausgelöst.

Bestand der Sozialwohnungen im Sinkflug

Der Bestand an Sozialwohnungen ist seit Jahren ohnehin rückläufig. Gab es bundesweit im Jahr 2000 noch mehr als 2,5 Millionen Einheiten, so standen im vergangenen Jahr nur noch rund 1,2 Millionen Wohnungen für Geringverdiener zur Verfügung. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe prognostiziert einen weiteren Rückgang auf weniger als 1,1 Millionen im Jahr 2020.

Die Stadt Stuttgart setzt weiterhin auf den geförderten Wohnungsbau und das vor sieben Jahren eingeführte Stuttgarter Innenentwicklungsmodell, das bei Neubauprojekten eine feste Quote dafür festschreibt. Es zeigt Wirkung – wenn auch weniger als angekündigt. Im Rahmen des Programms sind laut Stadtverwaltung bisher 2223 geförderte Wohnungen entstanden. OB Fritz Kuhn (Grüne) hatte 600 Wohnungen pro Jahr als Ziel ausgegeben. Jüngst sprach er sich im Interview mit unserer Zeitung für eine Erhöhung der verpflichtenden Quote von 20 auf 30 Prozent aus.

Wohnbauverband mahnt mehr Bauland an

Der Verband baden-württembergischer Wohnungs- und Immobilienunternehmen, in dem 300 Unternehmen zusammengeschlossen sind, dringt auf eine Straffung und Vereinfachung von Genehmigungsverfahren. Zudem müssten Städte und Gemeinden mehr Bauland ausweisen.