Ein Fleckchen Erde besetzen: Ist es dieser archaische Impuls? Oder hat die Sehnsucht nach dem Häuschen mit Garten doch eher kapitalistisch-pekuniäre Hintergründe? Schließlich sind Grund und Boden ein sicheres Renditeversprechen. Der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten Baden-Württemberg setzte nach zwei Jahren pandemiebedingter Pause bei der Wiederaufnahme des Diskussionsformats der „Wechselgespräche“ bei den Urgründen des Traums vom Einfamilienhaus an.
Was tun mit den 16 Millionen Eigenheimen im Land?
Die Architektin Lydia Haack, Präsidentin der Bayerischen Architektenkammer, tendierte am Montagabend im Stuttgarter Wechselraum zu den harten Faktoren: Dieses Traumbild werde sich ändern, allein weil das Einfamilienhaus inzwischen extrem teuer sei. Der Architekt Felix Bembé machte hinter dem Eigenheimwunsch, den er mit seinem Büro Beer Bembé Dellinger (Greifenberg/München) geschätzt 150-mal erfüllte, vor allem „Freiheitsgefühl, die Krönung von wirtschaftlichem Erfolg, Familienplanung“ aus. „Was ganz Eigenes erschaffen“ – darin sah Bembés Karlsruher Kollege Boris Milla das ausschlaggebende Motiv. Lydia Haack lieferte mit ihrem mitgebrachten Statistikmaterial – 16 Millionen existierende Einfamilienhäuser im Land, 66,7 Prozent aller Wohngebäude – die Grundlage für die von Ricarda Pätzold vom Deutschen Institut der Urbanistik moderierte Diskussion. Die offenbarte die ungeheure Komplexität des Themas und fiel ungewöhnlich lebhaft aus.
Ran an die Wunschbilder in den Köpfen!
Spätestens seit der Anton-Hofreiter-Debatte steht hinter dem Traum vom Haus ein dickes Fragezeichen. Kann man ihn trotzdem weiterträumen? Mit weniger Platz? Mit Recyclingmaterialien und einer entsprechenden neuen Ästhetik? Oder doch in ganz anderen, gemeinschaftlichen Wohnformen, wie Katja Knaus aus dem Publikum nahelegte. Anstatt, wie von der Stuttgarter Architektin angeregt, zu überlegen, wie sich die Wunschbilder in den Köpfen“ ändern ließen, arbeitete sich das Podium über weite Strecken an den hinderlichen strukturellen Bedingungen bei dem ab, was als Kernaufgabe ausgemacht wurde: dem Umgang mit dem „Riesenkontingent“ des Bestands. Wobei Abriss ausscheidet – weil nicht nachhaltig. Verdichtung lautete die zukunftsträchtige Losung für die Wohnsiedlungen, doch hier legt das Planungsrecht der Architektenschaft scheinbar unüberwindliche Felsbrocken in den Weg. Der auf Nachverdichtungsprojekte spezialisierte Boris Milla berichtete, ihn führe jeder Bauantrag vor Gericht. Das müsse sich ändern – und zwar schnell.
Mehr zum Thema Architektur und Wohnen
Newsletter
Sie wollen auf dem Laufenden bleiben, was vor Ihrer Haustür und in der Welt passiert? Mit den kostenlosen E-Mail Newslettern der Stuttgarter Zeitung auch zum Thema Architektur und Wohnen unter StZ Bauwelten erhalten Sie hier die wichtigsten Nachrichten und spannendsten Geschichten direkt in Ihren Posteingang.