Auch in mageren Zeiten darf man sich etwas gönnen. Ja, sollte es sogar. Der Hedonismus, die Lust am Schönen, Ausschweifenden, das über die Befriedigung basaler Bedürfnisse hinaus reicht, ist nicht nur Mittel gegen allzu dystopische Gedanken, sondern für den Menschen auch existenzielle Vergewisserung seiner selbst
So gesehen könnte das 470.000 Euro teure Stuttgart-Sign, an dem sich viel Kritik entzündet, zunächst in einem anderen Licht erscheinen. Dass sich der Gemeinderat – wenn auch knapp – dafür entschieden hat, ist Ausdruck eines intakten städtischen Selbstbewusstseins sowie der Tatsache, dass es dieser reichen Kommune noch immer relativ gut geht. Zumal die ideengebende CDU-Fraktion sich selbst und allen verspricht, dass der leuchtende Schriftzug auf dem Marktplatz nicht reiner Selbstzweck bleibt, sondern Touristen und ihr Geld in die Stadt locken wird.
Trotzdem war die Entscheidung, ausgerechnet hier aus dem Vollen zu schöpfen, in der aktuellen Situation nicht nur falsch, sondern psychologisch höchst unklug. Für jene sozialen Einrichtungen und kulturellen Initiativen, die nun vor dem Abgrund stehen, weil Zuschüsse wegfallen, wird das Stuttgart-Sign zum Sinnbild falscher Prioritätensetzung. Für jene belasteten Bürger, für Kinder-, Jugendliche und Familien, die nun weniger Hilfe finden, zum zynischen Beweis, dass ihre Belange Prestigeprojekten geopfert werden. Zumal auf der Königstraße und vor dem Stadtpalais bereits zwei Selfie-geeignete Stadtmarken auf Besucher warten.
Hitorisches Volksfest gecancelt
Dabei gäbe es besser vermittelbare Möglichkeiten, in Schönes und Freudebringendes zu investieren. Das historische Volksfest, das Literaturfestival, das Brezel-Race – das sind nur drei Beispiele für Erlebnisse, die die Identität der Stadt mitprägen, die Stuttgart für seine Bürgerinnen und Bürger lebenswert machen, und die nun dem Sparzwang zum Opfer fallen. Dabei hätten auch sie das Zeug dazu, Touristen anzulocken und über die Stadtgrenzen hinaus zu strahlen.