Die Autorinnen Eva Menasse und Özge Inan leuchten mit Menschen aus Stuttgart aus, was Heimat ist.

Familie/Bildung/Soziales: Lisa Welzhofer (wel)

Sie hätte sich gewünscht, dass die Stadtgesellschaft vielfältiger in diesem Raum abgebildet sei, sagte eine Frau aus dem Publikum recht früh in der Diskussion, die sich zuvor als Tochter türkischer Eltern vorgestellt hatte. Etwa die Hälfte der Stuttgarterinnen und Stuttgarter habe einen Migrationshintergrund wie sie. Aber im prall gefüllten Literaturhaussaal glaubte die Bürgerin viel biodeutsches Stuttgart-West-Halbhöhen-Milieu zu erkennen.

 

Tatsächlich konnte man vorschnell meinen, die gute Idee dieser Podienreihe des PEN Berlin habe es in diesem Setting schwer: möglichst vielen Menschen einen Raum zu geben, eine Möglichkeit des Zuhörens und Sprechens über Heimat und die Gefühle und Vorstellungen, die sich um diesen Minenfeldbegriff ranken. Mit diesem Anspruch tourte die Vereinigung der Autorinnen und Autoren im Vorfeld der Landtagswahlen fünf Wochen lang durch 22 kleine und große Orte. Setzte unter dem Titel „Ist das noch/schon mein Land?“ 66 Schriftstellerinnen, Lokalpolitiker, Vereinsmenschen, Wissenschaftler, Journalistinnen in Gemeindesäle, Schützenheime, Sportstadien, Theater und Kulturzentren und ließ sie mit dem Publikum sprechen. Mal waren 500 dabei, mal 50.

Stuttgart bildete am Mittwochabend den Schlusspunkt für Baden-Württemberg, das Format zieht nun nach Rheinland-Pfalz weiter, wo ebenfalls Wahlen anstehen. Auf dem Podium saßen die Autorinnen Eva Menasse und Özge Inan, beides Heimaterkundlerinnen par excellence. Menasse (Jahrgang 1970), die unter anderem in „Vienna“ und „Dunkelblum“ Welt-, Heimat- und Familiengeschichten verknüpft und deren dunkle Wechselwirkung, aber auch Identitäts- und Unterhaltungspotenzial, entfaltet. Inan (Jahrgang 1997), die in „Natürlich kann man hier nicht leben“ deutsch-türkische Weltenwandererexistenzen erzählt.

Zusammen mit Moderatorin Eva-Maria Manz von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten definierten sie diesen oszillierenden Begriff als „Utopie“ und gleichzeitig Kindheitserfahrung des Gehaltenseins, nach der man sich zurücksehne. Diese Dialektik der rückwärtsgewandten Utopie mache das Konstrukt Heimat gefährdet und anschlussfähig für rechtsextreme Ideologien, die über soziale Medien unerbittlich auf die Menschen einströmen, so die Position des Podiums – wobei Eva Menasse sie als Auftrag weiter gibt, nicht nur Vergangenes zu bejammern, sondern Heimat neu zu gestalten.

Menasse ist von Deutschland „enttäuscht“

Überhaupt versteht Menasse, die die deutsche und österreichische Staatsbürgerschaft hat, Heimat mitunter aus einer Abgrenzung heraus: Deutschland habe sie „enttäuscht“ und „frustriert“. Sie sieht Diskussionsräume enger werden. Der Vorwurf des Antisemitismus werde im Kultur- und Wissenschaftsbereich instrumentalisiert, um Menschen zu „canceln“, also von Positionen, aus Veranstaltungen und Diskussionen zu drängen, sagt Menasse, die einen jüdischen Vater hatte.

Auch wenn es den Antisemitismusball nicht aufnahm, die Grenzen der Meinungsfreiheit – etwa inwieweit Politiker mehr Beleidigungen und Hass aushalten müssen als andere, wie es Özge Inan fordert – waren ein Thema für das Publikum. Es soll in der PEN-Reihe die tragende Rolle spielen, indem es Fragen stellt, Positionen und persönliche Geschichten teilt, in Austausch kommt, vielleicht auch Konflikte austrägt, wie sie in offenen Gesellschaften umso schneller entflammen.

Auch Oberbürgermeister Frank Nopper saß im Publikum und beantwortete die Abstimmungsfragen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die sehr vielen Ja-oder-nein-Fragen, die Autor Aron Boks als PEN-Vertreter gleich zu Anfang zur Abstimmung in den Saal warf, zeichneten ein kleines Durchschnittsporträt derer, die da saßen: Tatort- und Tagesschaugucker, die sich um die Autoindustrie sorgen, die AfD für gefährlich halten, Winfried Kretschmann vermissen werden, aber sich nachts in der Innenstadt sicher fühlen. Die Landeshauptstadt mit San Francisco zu vergleichen, wie es Oberbürgermeister Frank Nopper kürzlich beim CDU-Bundesparteitag getan hatte, wollte an diesem Abend kaum einer. Nopper selbst, ebenfalls im Saal, hob allerdings die Hand.

Auch ansonsten lieferte das Publikum die wichtige Bodenhaftung und lebenswirkliche Ausgestaltung zum theoretischen Überbau: Eine Frau, deren Eltern aus Ostpreußen geflohen waren, fragt sich noch heute, wer sie eigentlich ist. Ein Mann mit Fremdenpass sagte, mit der Heimat sei es wie mit einer Ehe: „In Guten wie in schlechten Zeiten.“ Ein junger Mann mit türkisch-deutschen Wurzeln, der Lehramt studiert, erzählte, dass er sich nie als Deutscher fühlen kann, weil Deutschland ihm das nicht einräume. Eine junge Lehrerin berichtete, dass an ihrem Gymnasium fast nur Kinder ohne Migrationsgeschichte sind. Und einer erinnerte an den langjährigen Bürgermeister Manfred Rommel und dessen Worte „Jeder, der hier lebt, ist Stuttgarter“.

Eva- Maria Manz (links) von der Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten moderierte und diskutierte mit Özge Inan (Mitte) und Eva Menasse. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Und so zeigte sich in den Wortmeldungen nicht nur ein überraschend diverses Stuttgarter Publikum jenseits der klischeehaften Halbhöhe – was Eva Menasse und Özge Inan erleichtert wahrnahmen – sondern auch ein kaleidoskopartiges Bild dessen, was Heimat ausmacht.

Kaleidoskop – wohl auch das passende Wort für jenes positive Resümee, das PEN-Berlin-Sprecher Deniz Yücel von den 22 Abenden quer durchs Land zieht. Sehr unterschiedlich seien diese gelaufen, aber jeder habe für sich funktioniert. Vielleicht zeigt sich also erst in ihrer Zusammenschau das Verdienst dieser Reihe als Diorama der Sehnsüchte, Ängste, Utopien in diesem Baden-Württemberg, kurz vor der Wahl.