Dissoziative Identitätsstörung (DIS) Wer bin ich – und wie viele?

Der Glaube, viele verschiedene Personen in einem Körper zu sein, ist vor allem unter jungen Frauen sehr verbreitet. Viele sagen, sie seien Opfer von „ritueller, organisierter Gewalt“ geworden. Foto: imago images//Magdalena Lordache

In sozialen Netzwerken gibt es zig tausende Videos dazu: Junge Frauen, die glauben, sie seien viele Personen in einem Körper vereint. Sie leiden an einer Dissoziativen Identitätsstörung. Über eine Störung, die Forschern Rätsel aufgibt.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Tausende Videos finden sich unter dem Hashtag Dissoziative Identitätsstörung auf Tiktok und Instagram. Es sind vornehmlich junge Frauen, die sich fühlen, als seien mehrere Personen in ihrem Körper vereint und von ihren Symptomen offen erzählen. Früher nannte man dies multiple Persönlichkeit. Viele teilen Videos, in denen sie „Wechsel“ zwischen den einzelnen Personen zeigen. Mal reden sie darin wie eine Fünfjährige, mal sind sie älter, die eine Person braucht eine Brille, die andere nicht, eine spielt Klavier, eine andere kann es nicht.

 

Alle Geschichten ähneln sich stark: Mehrere Personen in einem Körper vereint, massive Gedächtnislücken im Alltag, als Ursache nennen viele, dass sie in ihrer Kindheit lange Jahre Opfer von ritueller Gewalt gewesen seien. Bei manchen sind Erinnerungen erst in der Therapie aufgetaucht.

Viele Medien greifen die Geschichten auf – obwohl es keine Belege gibt

Längst gibt es auch unzählige Bücher von angeblich Betroffenen, teils sind es Bestseller. Auch deshalb greifen viele Medien diese Geschichten in jüngster Vergangenheit sehr häufig auf. Aus journalistischer Sicht ist aber das Problem an diesen Geschichten, dass die Frauen sich wünschen, dass man ihnen schlicht glaubt, denn Belege können sie nicht liefern. Auch Betroffene, mit denen unsere Zeitung gesprochen hat, haben die Geschichten zurückgezogen oder einfach nicht mehr geantwortet, als es um konkrete Belege ging. Oder es folgten Beschimpfungen, Drohungen und persönliche Beleidigungen.

Der Horrorfilm „Split” mit James McAvoy aus dem Jahr 2016 thematisiert ebenfalls die Dissoziative Identitätsstörung und basiert auf einem wahren Verbrechen in den USA. Foto: www.imago-images.de/IMAGO/xKinomasterskayax

Neu ist das Phänomen übrigens nicht. Um die Dissoziative Identitätsstörung ranken sich seit jeher viele Mythen, weshalb sie gerne als Stoff für Bücher oder Filme dient. Am bekanntesten ist wohl der Fall Sybil in den USA – die Geschichte von Shirley Manson, die angeblich 16 Persönlichkeiten hatte. Im Jahr 1973 erschien ein Bestseller über sie – etwa zwanzig Jahre später stellte sich der Fall als Betrug heraus. Ihre Psychiaterin hatte sie offenbar zu ihren Aussagen verleitet und auch finanziell profitiert.

Zwischenzeitlich glaubten Zehntausende Amerikaner, ihnen sei es wie Sybil ergangen und sie seien Opfer von ritueller, sexueller Gewalt, hätten es nur verdrängt. Viele waren davon überzeugt, dass satanistischer Missbrauch durch geheime Netzwerke jährlich bis zu 60 000 Menschen das Leben koste. Später wurde dies als „Satanic Panic“ eingeordnet. Immer wieder gab es weltweit polizeiliche Ermittlungen zu ritueller Gewalt ohne Ergebnisse.

Das Problem an den Geschichten vieler angeblich Betroffener ist, dass sich auch deshalb kaum etwas belegen lässt, weil viele als Täter häufig „mächtige Menschen“ – Politiker, Staatsanwälte, ranghohe Polizeibeamte – nennen. Diese würden durch ihre Macht und ihr Geld eine Aufdeckung der Straftaten verhindern können. Und viele glauben zudem, die Spaltung ihrer Persönlichkeit sei bewusst durch Täter herbeigeführt worden und sie seien von diesen programmiert. Dies bezeichnet man als Mind Control.

Existenz von Missbrauch und organisierter Kriminalität nicht angezweifelt

Der Sekteninfo Nordrhein-Westfalen (NRW) Verein, eine Beratungsstelle „zu neuen religiösen, ideologischen Gemeinschaften und Psychogruppen“ betont hierzu, dass es wirklich keinerlei Zweifel an der Existenz schweren sexuellen Missbrauchs, organisierter Kriminalität und dadurch schwer traumatisierter Menschen gebe.

Allerdings werde bei dem Konstrukt „Rituelle Gewalt und Mind-Control“ die Annahme vertreten, dass die Betroffenen Opfer einer systematischen Abspaltung ihrer Persönlichkeiten sind und diese von geheimen Netzwerken für deren Nutzen „programmiert“ werden. Und diese konkrete Annahme sei wissenschaftlich bisher nicht belegt. Dazu braucht es mehr Forschung.

Und dies ist ein ganz zentrales Problem: Fehlende Beweise bedeuten nicht zwangsläufig, dass geschilderte Erlebnisse von angeblich Betroffenen nicht wahr sein können, aber in wissenschaftlichen Studien sowie im journalistischen und juristischen Kontext geht es darum, was belegt werden kann. Betroffene wünschen sich aber Glaubwürdigkeit rein aus moralischen Gründen.

Die Dissoziative Identitätsstörung gilt aber als anerkannte Störung. Laut dem Diagnosehandbuch für psychische Erkrankungen, dem ICD-11, zeigt sich eine DIS durch verschiedene Persönlichkeitszustände, sogenannte dissoziative Identitäten, die abwechselnd die Kontrolle über das Denken, Fühlen und Handeln eines Menschen übernehmen. Im MSD-Manual heißt es, die dissoziative Identitätsstörung trete häufig bei Personen auf, die über eine lange Zeit hinweg überwältigenden traumatischen Erlebnissen ausgesetzt waren. „Manche wurden nicht misshandelt, aber sie haben in früher Kindheit einen schweren Verlust erlitten, wie den Tod eines Elternteils, hatten eine schwere Krankheit oder es kam zu einer anderen sehr belastenden Erfahrung.“

Die DIS-Patienten geben Forschern häufig Rätsel auf

Rafaële Huntjens, Professorin für klinische Psychologie an der Universität Groningen in den Niederlanden, forscht zu traumabedingten und dissoziativen Störungen. „Die große Frage, wenn wir diese Patienten sehen, ist: Wie können wir die Symptome verstehen, über die diese Menschen berichten?“ Dies gelte insbesondere für das Gefühl der Patienten, mehrere Personen zu sein. Huntjens und ihr Team bezeichnen es als Persönlichkeitszustände oder Modi. Sie erklärt, warum: „Grundsätzlich verhalten wir uns alle in Situationen unterschiedlich, aber Menschen mit DIS erleben und charakterisieren diese unterschiedlichen Zustände mit verschiedenen Namen, Erscheinungsbildern und Altersstufen.“

Sehr häufig berichteten diese Patientinnen über starke Gedächtnisprobleme im Alltag. Sie würden häufig nicht wissen, was passiert, wenn sie sich in einem anderen Identitätszustand befinden. „In einem Zustand erzählen sie von Erinnerungen an sexuellen oder körperlichen Missbrauch in der Kindheit, in einem anderen Zustand hingegen fehlt ihnen diese Erinnerung an ein Kindheitstraumata völlig“, sagt Huntjens.

Diese berichtete Amnesie der Patienten gibt Forschern Rätsel auf. In einigen kognitive Studien konnten Forscher zeigen, dass bei DIS-Patienten die Gedächtnisfunktionen intakt sind sowie weiterhin Informationen im Gehirn und auch Erinnerungen zwischen einzelnen Identitäten übertragen werden. Laut Huntjens könnten es also eher stark verinnerlichte Überzeugungen sein, sie nennt es „Meta-Überzeugungen“, wie: „Ich verliere die Kontrolle oder werde verrückt, wenn ich an die Vergangenheit denke.“ Sie und ihre Kollegen vermuten, dass Betroffene „wahrscheinlich Angst haben, die Kontrolle zu verlieren, und daher versuchen, negative Emotionen zu vermeiden“.

Es geistern aber auch Mythen herum, was DIS-Patienten angeblich alles könnten – selbst unter Psychotherapeuten – wie zum Beispiel, dass die Augenfarbe und die Sehstärke sich je nach „Person“ ändern würden. „Das stimmt nicht“, betont Huntjens und fügt hinzu: „Sie haben einen Körper und ein Gehirn.“

Oft haben Patienten keinerlei Erinnerung an ein Trauma gehabt

Doch gebe es leider noch ein anderes Phänomen im Zusammenhang mit der DIS. So würden sowohl Psychotherapeuten als auch Patienten häufig den Fehler machen, bestimmte Symptome direkt auf traumatische Erlebnisse zurückzuführen. „Und dies, selbst wenn ein Patient bisher keinerlei Erinnerungen an ein Trauma hat“, sagt Huntjens.

Problematisch werde dies genau dann, wenn Therapeuten begännen, mit falschen Therapietechniken nach Traumata in der Vergangenheit zu suchen und nach vermeintlichen Erinnerungen zu graben. „Das ist gefährlich, auch wenn der Hintergrund ein gutes Herz ist. Sie wollen helfen, aber sie machen es falsch“, sagt Huntjens. Bei „wiederhergestellten Erinnerungen“ könne es sich um falsche Erinnerungen handeln.

Der Sekteninfo NRW hat immer mal wieder Menschen in der Beratung, die Opfer unseriöser Therapiemethoden wurden. „Es melden sich Betroffene bei uns, die keinerlei Erinnerung an einen Missbrauch hatten, ihnen aber in der Therapie erklärt worden sei, sie wären ‚rituell‘ missbraucht worden und dadurch habe sich ihre Persönlichkeit aufgespalten“, sagt die Psychologin Bianca Liebrand, die dort als Beraterin tätig ist.

Viele schilderten ihre vermeintlichen Erinnerungen detailliert. Dies sei aber kein Garant für Glaubwürdigkeit. Ihre Erfahrung ist, dass viele der Frauen tatsächlich Opfer von Missbrauch und Gewalt in ihrer Kindheit waren, aber das Narrativ der „rituellen organisierten Gewalt“ sei obendrauf „gepfropft“ worden – entweder in Therapien oder die Betroffenen hätten sich dies selbst diagnostiziert.

Für manche ist es entlastend, irgendeine Erklärung zu finden

„Zunächst ist diese Rituelle Gewalt- und Mind-Control-Erzählung wahnsinnig entlastend, weil Patienten nach oftmals jahrelanger Suche glauben, endlich die Ursache für ihre Symptome gefunden zu haben“, sagt Liebrand. Gepaart sei dies in einigen Fällen mit einem extremen Wunsch nach Aufmerksamkeit und Fürsorge. Sie würden dann aber häufig aus dieser schädigenden Therapie nicht mehr herausfinden. Die Menschen seien oft komplett isoliert und nicht mehr arbeits- und alltagsfähig.

Aus gedächtnispsychologischer Sicht gilt es als unplausibel, dass sich Erinnerungen an schwere Traumata nahezu komplett verdrängen lassen. Renate Volbert, Psychologin und rechtspsychologische Gutachterin, beschäftigt sich intensiv mit Gedächtnisforschung und der Glaubwürdigkeit von Aussagen vor Gericht. „Die typische Folge von Traumatisierungen ist eher, dass Betroffene die Erinnerungen nicht loswerden und sie bei den sich aufdrängenden Erinnerungen immer wieder dieselbe Angst verspüren“, sagt Volbert, Professorin an der Psychologischen Hochschule Berlin.

Was sie immer stutzig macht, ist dass sich besonders die Geschichten von angeblich Betroffenen ritueller Gewalt so stark ähneln. „Das spricht aber nicht immer notwendigerweise dafür, dass sie wahr sind“, sagt Volbert, die kürzlich mit Kollegen die Replik „Rituelle sexuelle Gewalt: Eine kritische Auseinandersetzung“ in der Fachzeitschrift „Psychologische Rundschau“ publiziert hat. Es irritiere, dass vieles über Strukturen und Organisationen dieser Netzwerke berichtet werde, was Opfern eher nicht vermittelt würde. „Es erscheint teilweise wie ein Blick von oben auf eine Täterstruktur, nicht wie eine eigene Erlebnisperspektive“, sagt sie.

Letztlich braucht es zu diesen Themen weitergehende Forschung. Dafür plädiert auch die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) in einer weiteren Replik auf Volbert und ihre Kollegen. Die UBSKM lehnt es ab, die Glaubhaftigkeit der Aussagen Betroffener von sexuellem Kindesmissbrauch in Zweifel zu ziehen. Der Blick in die Geschichte zeige, dass das Ausmaß sexuellen Kindesmissbrauchs, einschließlich damit verbundener Tatkontexte und Risiken in der Vergangenheit, immer wieder massiv unterschätzt wurde.

Studien zur Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) und False Memory

Studie
Der englische Traumaforscher Chris Brewin vom University College London hatte verschiedene Studien mit Erwachsenen durchgeführt und kam zu dem Schluss, es sei möglich, dass Erinnerungen an Traumata in einer Therapie wieder auftauchten, ebenso sei es aber möglich, dass eine Psychotherapie falsche oder teils falsche Erinnerungen herbeiführt. In einer Metaanalyse stellte er fest, man könne zwar rund jedem zweiten Menschen falsche Kindheitserinnerungen einpflanzen. Doch nur 15 Prozent entwickelten eine „vollständige Erinnerung“.

Studie II
Die Forscher Vedat Şar, Martin J Dorahy und Christa Krüger von den Universitäten Istanbul, Canterbury und Pretoria kommen in ihrer Studie zur Dissoziativen Identitätsstörung zu dem Schluss, es sei eine empirisch gut belegte chronische posttraumatische Störung, bei der belastende Ereignisse in der Kindheit, darunter Missbrauch, emotionale Vernachlässigung, Bindungsstörungen und Grenzverletzungen die Ursache seien. Familiäre, gesellschaftliche und kulturelle Faktoren können das Trauma hervorrufen.

Umfrage
Eine Umfrage aus dem vergangenen Jahr unter 800 französischen Psychiatern, veröffentlicht in der psychiatrischen Fachzeitschrift „Encéphale“, ergab aber, dass 51 Prozent der Experten entweder Zweifel an der Existenz der Erkrankung haben oder gar nicht an die Existenz der DIS glauben. Die wenigen Patienten, die sie hatten, hätten sich die Diagnose selbst gestellt. (nay)

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