Ditzingen Mutter gesteht Entführung von Lara

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Im Berufungsverfahren um die Entziehung Minderjähriger vor dem Landgericht Stuttgart gesteht die Angeklagte, ihre Tochter zu sich nach Polen geholt zu haben – von dem Mädchen fehlt aber weiterhin jede Spur.

Thomas K. sucht in Polen mit allen Mitteln nach seiner Tochter – auch mit Flugblättern, die er überall verteilt und aufhängt. Foto: privat
Thomas K. sucht in Polen mit allen Mitteln nach seiner Tochter – auch mit Flugblättern, die er überall verteilt und aufhängt. Foto: privat

Ludwigsburg - Überaus emotional hat am Montag der Berufungsprozess um die Entführung von Lara am Landgericht Stuttgart begonnen. Die zur Tatzeit Fünfjährige ist Anfang Oktober des vergangenen Jahres von ihrer Mutter Joanna S. nach Polen entführt worden – seither fehlt jede Spur von dem Mädchen. Joanna S., eine polnische Juristin, wurde bereits im Mai vom Amtsgericht Ludwigsburg wegen der Entziehung Minderjähriger zu zwei Jahren und zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Sie legte jedoch – ebenso wie die Staatsanwaltschaft – Berufung gegen das Urteil ein. Sie hatte die Tat stets bestritten. Nach mehreren Stunden Verhandlung bröckelte ihre Fassade am Montag jedoch: Unter Tränen gestand die Angeklagte die Entführung.

Sie habe nicht mit dem Wissen leben können, dass Lara bei ihrem Vater Schaden zugefügt werde, erklärte die 36-Jährige, während sie immer wieder von Weinkrämpfen geschüttelt wurde. Ein Gutachten, das im Zuge des Sorgerechtsstreits um das Kind erstellt worden war, habe ihr die Augen geöffnet. Darin sei beschrieben worden, dass Lara, die seit der Trennung der Eltern 2011 bei ihrem Vater im Strohgäu lebte, nichts mehr esse, nicht mit anderen Kindern spiele und sich ständig vor und zurück wiege: „Das ist eine Waisenkind-Krankheit“, schluchzte die Angeklagte vor Gericht. Zudem habe Lara bei ihren seltenen Treffen angedeutet, dass sie geschlagen werde und dass Joanna S. als Mutter diskreditiert werde. Das habe sie nicht ertragen können und deshalb den Entschluss gefasst, Lara zu sich nach Polen zu holen.

Angeklagte entführte ihre Tochter vor der Kita

Am 2. Oktober 2014 überfiel die Angeklagte zusammen mit einem immer noch unbekannten Komplizen die neue Lebensgefährtin von Thomas K., als diese Lara in Ditzingen zur Kita brachte. Die Angreifer sprühten der jungen Frau Pfefferspray ins Gesicht, brachten sie zu Boden, entrissen ihr das Kind und machten sich auf und davon. Bislang fehlt jede Spur von dem Mädchen, vor Gericht behauptete die Mutter, sie wisse selbst nicht, wo ihre Tochter sei, „aber sie ist sicher in guten Händen“. Man nimmt an, dass sich Lara bei ihrer Großmutter, der Mutter der Angeklagten, an einem unbekannten Ort in Polen befindet.

Seit der Trennung tobt zwischen den Eltern ein erbitterter Streit um das Kind. Schon einmal hatte die Angeklagte ihre Tochter unerlaubterweise mit in ihre Heimat Polen genommen, Thomas K. hatte das Mädchen in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zurückgeholt. Das Landgericht Stuttgart hatte ein Verfahren gegen die Mutter damals gegen eine Geldauflage eingestellt, dem Vater war später das alleinige Sorgerecht zugesprochen worden.

Der Vater sucht immer noch verzweifelt seine Tochter

Doch bis heute hat sich die Situation nicht beruhigt. So oft er kann, fährt Thomas K. nach Polen, um nach seiner Tochter zu suchen. Er befragt Bekannte und Nachbarn der Familie seiner Ex-Partnerin, verteilt Flugblätter und sucht Kontakt zu den Behörden – bisher vergeblich. Vor Gericht charakterisierte der 44-Jährige seine frühere Verlobte als psychisch labil, unausgeglichen und kontrollsüchtig. Sie habe sich vor Eifersucht immer mehr in Wahnvorstellungen hineingesteigert und ihm vorgeworfen habe, sie zu vernachlässigen. Letztlich sei ihre Beziehung aber zerbrochen, weil die Angeklagte ihm unterstellt hatte, Lara sexuell missbraucht zu haben, was sich nach ärztlichen Untersuchungen als haltloser Vorwurf entpuppt habe.

Auch Thomas K. war bei seiner Vernehmung als Zeuge vor Gericht äußerst emotional. Mehrfach musste die Sitzung unterbrochen werden, weil eines der beiden Elternteile in Tränen ausbrach oder vor emotionaler Überwältigung nicht weitersprechen konnte. Die Vorsitzende Richterin versuchte derweil immer wieder, Struktur in die ausufernden Berichte über die komplexen Zusammenhänge in dem Fall zu bringen. Der Prozess wird am Montag, 28. September, fortgesetzt.