Ditzingen/Stuttgart Steht die Polizei bald im Stau?

Der Standort des  Autobahnpolizeireviers in Ditzingen wird Foto: factum/Granville
Der Standort des Autobahnpolizeireviers in Ditzingen wird Foto: factum/Granville

Das Autobahnpolizeirevier in Ditzingen wird nach Stuttgart-Vaihingen verlagert. Die Befürworter sagen, dies erhöhe die Schlagkraft. Die Kritiker fürchten, dass die Beamten künftig deutlich länger brauchen, bis sie an ihren Einsatzorten ankommen.

Lokales: Tim Höhn (tim)
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Ditzingen - Es ist der letzte große Baustein der Polizeireform in den Kreisen Ludwigsburg und Böblingen, und wie fast alle Teile des Großprojekts ist auch dieser umstritten. Der Leitende Polizeidirektor Frank Rebholz hat jetzt offiziell bestätigt, dass die Autobahnpolizeireviere in Ditzingen und Stuttgart-Vaihingen Anfang 2014 fusionieren werden. Der Standort in Ditzingen wird aufgelöst, alle 52 Mitarbeiter arbeiten künftig in Vaihingen, wo unter dem Dach einer Verkehrspolizeidirektion eine zentrale Autobahnpolizei eingerichtet wird – mit dann insgesamt 95 Beamten.

Die Direktion wird wohl den Namen Ludwigsburg-Böblingen erhalten, obwohl sie auf Stuttgarter Markung liegt. Der Zuständigkeitsbereich erstreckt sich auf die Autobahn zwischen Mundelsheim im Norden und Rottenburg im Süden sowie zwischen Heimsheim im Westen und Wendlingen im Osten – und damit auf ziemlich exakt jene Abschnitte, die bislang von zwei Revieren abgedeckt werden. Rebholz ist überzeugt, dass die Autobahnpolizei nach der Bündelung „eine noch größere Schlagkraft erhält“. Die Kritiker befürchten allerdings, dass die Beamten länger brauchen werden, um an ihre Einsatzort zu gelangen. „Jede Zentralisierung hat Vor- und Nachteile“, sagt Klaus Leitz, der sich als Leiter des Ditzinger Reviers deutlich, aber erfolglos gegen die Verlagerung nach Vaihingen ausgesprochen hat.

Die Kritiker fürchten, dass die Beamten länger unterwegs sind

Problematisch sei vor allem, dass die Autobahn im Norden von Stuttgart hochbelastet und anfällig für Staus sei, sagt Leitz. Der Engelbergtunnel bei Leonberg sei ein wichtiges Nadelöhr, und vor allem der nördliche Teil der Röhre sei von Vaihingen aus deutlich schwieriger zu erreichen. Und dies gelte ebenfalls für den gesamten Norden des Landkreises Ludwigsburg. „Die Stimmung in der Belegschaft ist nicht arg gut gerade“, berichtet Leitz, aber man werde die Entscheidung akzeptieren „und auch in Zukunft mit vollem Einsatz arbeiten – zum Wohl der Bürger“.

Zu tun gibt es genug. Allein im vergangenen Jahr haben die Beamten der Ditzinger Autobahnpolizei 461  000 Kilometer zurückgelegt, mit Laser-Handmessgeräten 543 Geschwindigkeitsverstöße erfasst, 298 Anzeigen wegen Verdachts auf Drogen- und 38 wegen Verdachts auf Alkoholkonsum ausgestellt. Dazu kamen 3289 Anzeigen wegen verschiedener Ordnungswidrigkeiten. Ein weiterer Schwerpunkt: Stauüberwachung und Staumanagement.

Auch die Unfallaufnahme wird in Stuttgart-Vaihingen gebündelt

Frank Rebholz argumentiert, dass die Bündelung in Vaihingen Synergieeffekte schaffe und die normalen Polizeireviere in der Fläche entlasten werde, was ein Kernziel der gesamten Reform ist. Bislang müssen die Polizisten vor Ort auch alle Unfälle auf den Straßen aufnehmen, mit Ausnahme der Autobahn. In die Verkehrspolizeidirektion in Vaihingen aber werden künftig sogenannte Verkehrsunfallaufnahmegruppen integriert – besetzt mit Experten, die bei allen schweren Unfällen im Einzugsgebiet ausrücken, auf allen Straßen, ohne Ausnahme. „Dafür brauchen wir rund um die Uhr spezialisiertes und hochqualifiziertes Personal“, sagt Rebholz. Etwa ein Drittel der 95 Mitarbeiter der Autobahnpolizei in Vaihingen soll in diesem Bereich eingesetzt werden. „Davon werden alle profitieren“, sagt Rebholz.

Joachim Lautensack glaubt genau das nicht. „Die Konsequenz sind weitere Wege“, sagt der Chef der baden-württembergischen Polizeigewerkschaft. Die zentrale Unfallaufnahme werde nicht die Reviere entlasten, sondern „strukturell die Wartezeit“ erhöhen, und zwar für die Polizisten, die in diesen Revieren arbeiten. „Wenn ein schwerer Unfall passiert, müssen die zuerst raus – und dann warten, bis die Spezialisten aus Vaihingen eintreffen.“ Es sei eine reine Wunschvorstellung, dass man auf diesem Weg neue Kräfte freisetzen könne.

Die Reform soll langfristig Kosten sparen

Ein Ziel der Reform ist, dass die Polizei Standorte und damit langfristig Kosten spart. Für die Fusion in Vaihingen spricht, dass dort noch Platz vorhanden ist, während das Haus in Ditzingen nahezu ausgereizt ist. Das Gebäude gehört dem Land, und was damit geschieht, ist unklar. „Wir bedauern, dass wir eine wichtige Einrichtung verlieren, die hier fest und gut verankert war“, sagt der Ditzinger Rathaussprecher Guido Braun. Andererseits sei damit auch eine Chance verbunden.

Denn die Stadt will das in die Jahre gekommene Gewerbegebiet um die Siemens- und Dornierstraße aufwerten, die Verkehrssituation dort verbessern und die Grundstücke neu zuschneiden. Das 1,3 Hektar große Gelände der Autobahnpolizei steht dem Vorhaben bislang teilweise im Weg, aber nun ist denkbar, dass Ditzingen die Immobilie samt Grundstück kauft und so wieder Handlungsspielraum in dem Sanierungsgebiet gewinnt. „Immerhin gibt uns die traurige Nachricht, dass die Polizei wegzieht, die Möglichkeit, ganz neu über dieses Areal nachzudenken“, sagt Braun.




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