Ditzinger Pflegeheim und die Kontaktsperre Ein offenes Haus trotzt dem Virus

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In einem Sersheimer Pflegeheim stirbt ein Bewohner am Coronavirus, weitere Fälle sind bestätigt. Haus Guldenhof in Hirschlanden ist zum Schutz seiner Senioren schon seit Wochen nur noch für Mitarbeiter und Ärzte zugänglich. Was macht das mit Bewohnern und Mitarbeitern? Ein Situationsbericht.

Einige Verwandte  kümmern sich um die Wäsche ihrer Angehörigen.  Die Körbe werden während der Kontaktsperre  vor dem Haus deponiert. Foto: factum/Simon Granville
Einige Verwandte kümmern sich um die Wäsche ihrer Angehörigen. Die Körbe werden während der Kontaktsperre vor dem Haus deponiert. Foto: factum/Simon Granville

Ditzingen - Noch ist alles in Ordnung. Noch sind die Senioren ruhig, wenn ihnen die Situation erklärt wird. Noch ist keiner der Bewohner mit dem Coronavirus infiziert. Noch. Michael Brenner ist sich aber dessen bewusst, dass die Situation kippen kann, je länger die Kontaktsperre andauert. Die Verantwortlichen des Pflegezentrums Haus Guldenhof in Hirschlanden hatten die Schließung beschlossen, zwei Tage bevor das Land eine Kontaktsperre anordnete. „Wir wollten das Risiko einer Infektion im Haus minimieren“, sagt der Geschäftsführer Michael Brenner.

Beispiele aus Würzburg und Wolfsburg haben zwischenzeitlich gezeigt, welche fatalen Folgen dies andernfalls habe. In beiden Fällen starben viele Heimbewohner. Am Donnerstag informierte auch die Gemeinde Sersheim über drei bestätigte Coronafälle im örtlichen Pflegeheim. Ein Bewohner sei mutmaßlich am Virus gestorben, er war nach einem Sturz ins Krankenhaus gekommen. Neun weitere Bewohner und vier Mitarbeiter zeigten Symptome, das Testergebnis stehe aus.

Angehörige zeigen meist Verständnis

Die insgesamt 90 Bewohner von Haus Guldenhof im Ditzinger Ortsteil Hirschlanden – darunter 60 in der Pflege – sind im Schnitt 85 Jahre alt. Es sei zum Schutz dieses gefährdeten Personenkreises alles zu tun, um dem Virus keine Chance zu geben, sagt auch die Heimleiterin Sigrid Hessler. „Das größte Risiko stellen derzeit die Mitarbeiter dar.“ Immerhin 120 Personen arbeiten in der Einrichtung. Die Pfarrer kommen nun nicht mehr ins Haus, die nachmittäglichen Angebote des Fördervereins fallen aus, und auch die Angehörigen müssen draußen bleiben. Einzig die Ärzte haben noch Zutritt. „Man versucht, die Situation zu erklären“, sagt Hessler. Aber natürlich sei es für die Heimbewohner „schwierig nachzuvollziehen, warum die Angehörigen nicht mehr kommen“.

Die allermeisten Angehörigen wiederum hätten Verständnis. Das sei wichtig. „Wenn sie mitziehen, ist die Situation bewältigbar.“ Dann lässt sich vielleicht auch eher ertragen, dass der hauseigene Friseur geschlossen hat. Dabei ist doch gerade er der Treffpunkt schlechthin im Haus. Die Mitarbeiter versuchen, die Situation durch vermehrte Gespräche mit den Bewohnern aufzufangen. Es sei hilfreich, so Hessler, dass auch die Schüler der Altenpflegeschule wegen des Unterrichtsausfalls auf den Stationen mitarbeiten.

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Um den Senioren die Situation wenigstens etwas zu erleichtern, ist für den Guldenhof ein großer Monitor beschafft worden. Er soll das direkte Gespräch mit den Angehörigen wenigstens per Videoanruf ermöglichen. Außerdem würden verstärkt Brief und Postkarte genutzt, versehen mit der Bitte, dem Vater oder Mutter vorzulesen, berichtet Hessler.

Im Angesichts des Todes, in den letzten Stunden eines Bewohners, würde sie sich allerdings über die Kontaktsperre hinwegsetzen, die Angehörigen und Bewohner über den kürzesten Weg zusammenführen. Daran lässt sie keinen Zweifel Die moralisch-ethischen Grundsätze, die ihr Handeln ausmachen, würden auch in diesem Fall gelten: „Ich kann doch in der Krise nicht alles über Bord werfen.“

Selbst wenn es im Haus noch nicht einmal einen Verdachtsfall gibt, so werden auch im Guldenhof für den Fall der Fälle die Vorkehrungen getroffen. Die Tagespflege ist umfunktioniert worden. Sie war mit der Anordnung des Landes wie alle anderen vergleichbaren Angebote geschlossen worden. Nun würden dort die Infizierten betreut, weil der Bereich vom Haus getrennt betreut werden kann und somit auch über einen separaten Eingang verfügt. Außerdem ist unter den Mitarbeitern geklärt, wer sich durch die Betreuung selbst der Gefahr aussetzen würde.

Der Geschäftsführer Michael Brenner ist sich bewusst, was seine Mitarbeiter derzeit leisten. „Wir klatschen und singen für euch – das ist nett“, sagt er. Aber es müsse jetzt darum gehen, wie man die Arbeit honorieren könne. Seine Mitarbeiter erhalten ein halbes Jahr lang eine monatliche Prämie von 250 Euro – offen ist, ob der Betrag versteuert werden muss. Brenners Worte sind mehr ein Appell: „Wir hoffen auf den Gesetzgeber.“ Zudem sucht er eine externe psychologische Betreuung für sie – interne Supervision reiche nicht mehr aus.

Schutzausrüstung fehlt

Die örtlichen Gegebenheiten sind geschaffen, die Mitarbeiter vorbereitet. Damit ist es aber nicht getan. Über kurz oder lang fehlt es auch in Hirschlanden an Schutzausrüstung. Und obwohl die Landesregierung Unterstützung zugesichert hat, wird davon in den Einrichtungen nicht viel ankommen. Dem Vernehmen nach erhält der gesamte Landkreis für alle ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen insgesamt 2500 Schutzmasken und 50 Overalls. Das sei wenig mehr als nichts, heißt es bei den Verantwortlichen der Einrichtungen.

Doch mit einer Nachlieferung, so heißt es weiter, werde auch in den kommenden zwei Wochen nicht gerechnet. Der Maskenvorrat im Haus Guldenhof reicht für eine Woche, Kittel reichen für drei Wochen. Und Desinfektionsmittel wird offenbar nicht mehr gestohlen, seit das Haus geschlossen ist.