Diversity-Day in Stuttgart Wann ist der Mann ein Mann?
Sie reflektieren mal tiefgründig, mal selbstironisch über ihre Geschlechterrollen: Kabarettist Christoph Sonntag, VfB-Vorstandschef Alexander Wehrle und Alexander Stotkiewitz.
Sie reflektieren mal tiefgründig, mal selbstironisch über ihre Geschlechterrollen: Kabarettist Christoph Sonntag, VfB-Vorstandschef Alexander Wehrle und Alexander Stotkiewitz.
Farblich erinnert die „Alte Schule“ in Gablenberg ein bisschen an das neu eingeführte Diversitätstrikot der Nationalmannschaft. Ähnlich wie das lila-pinke Leibchen der deutschen Multi-Kulti-Kicker-Truppe, das ja farblich für Vielfalt stehen soll, sollen auch diese quietschbunten Plakate mit typischen Männer-Slogans die Besucher des Fußball-Pubs auf das Thema zum Auftakt der Diversity-Woche einstimmen: „Man(n) kann auch anders“ ist die Podiumsdiskussion überschrieben. Die Abteilung für Chancengleichheit der Stadt hat das Ganze organisiert und dazu in die VfB-affine Kneipe eingeladen.
Aber was ist nun dran an den Klischees und Rollenbildern, die auf extra fürs Ereignis entworfenen Bierdeckeln durch den Pub kursieren? „Männer zeigen keine Schwäche“, ist beispielsweise pink auf weiß auf einem der bunten Untersetzer zu lesen. Oder doch? VfB-Vorstandsvorsitzender Alexander Wehrle zeichnet für den von ihm verantworteten Bereich – den Profifußball – ein völlig anderes Rollenbild: „Wenn ich auf die letzten Wochen blicke, dann haben bei uns zwei Spieler ganz öffentlich Tränen zugelassen“, erinnert sich Wehrle in der Alten Schule. Mal seien es Tränen der Freude gewesen, wie bei Maxi Mittelstädt, den nach dem Einzug ins DFB-Pokalfinale die Gefühle übermannten. Mal seien es Tränen der Trauer gewesen wie bei Angelo Stiller gegen Augsburg, der geweint habe, weil er nach seiner Verletzung befürchtete, dass er am Samstag sein erstes größeres Endspiel in seiner jungen Karriere verpassen könnte, berichtet Wehrle. Fazit des VfB-Chefs: „Für mich sind die Tränen eher ein Zeichen der Stärke.“
Angestaubte Heldenrollenbilder sind nach Ansicht von Wehrle kontraproduktiv für echte Teamplayer: „Ein kluger Profisportler im Fußball weiß, dass der Einzelne nichts bewirken kann. Und elf Messis in einer Mannschaft gewinnen nicht unbedingt die Champions-League.“ Sich weiterzuentwickeln und Hilfe zu holen, sei bereits im VfB-Leistungszentrum für die Nachwuchskicker ein wichtiger Part ihrer sportlichen Ausbildung: „Wir machen dort regelmäßig Workshops zum Thema mentale Stärke.“
Moderator Simon Hameister von der städtischen Abteilung Chancengleichheit erinnert aber auch an Profis, die mit dem enormen Druck im Fußball nicht zurecht kamen: Wie zum Beispiel Sebastian Deisler, der depressiv wurde oder Torwart Robert Enke, der sich das Leben nahm. „Männer begehen deutlich häufiger Suizid“, zieht Hameister den Vergleich zum weiblichen Geschlecht. Und Männer seien auch suchtgefährdeter. „Die Fakten belegen das“, sagt der Netzwerker in Sachen Männerberatungsinitiativen bei der Stadt Stuttgart.
Für Alexander Wehrle ein Grund mehr, dass Themen wie Gesundheitsprävention, Toleranz, Vielfalt und auch Gewaltprävention, oben auf der To-do-Liste der Ausbilder und Lehrer im VfB-Leistungszentrum auftauchen: „Wenn es ein Thema gibt, das dich belastet, ist es doch völlig legitim, sich Hilfe zu holen. Deshalb ist es wichtig, das Bewusstsein und die Akzeptanz dafür zu schaffen, dass das keine Form von Schwäche ist“, betont Wehrle.
Kabarettist Christoph Sonntag kann aus seinem persönlichen Umfeld auch über die andere Seite der Medaille berichten. Da gebe es jemanden, den er kenne, dem würde therapeutische Hilfe sicherlich guttun: „Aber er geht im Leben nicht zum Therapeuten und sagt stattdessen: Ich bin doch keine Memme, ich bin ein Mann.“ Mit typischen Männerklischees konnte Sonntag noch nie etwas anfangen. Raufereien ging er schon immer aus dem Weg: „Ich war als Kind schmal und schmächtig, also ,klepperich‘, wie man schwäbisch sagt.“ Das habe selbst der Rektor der Karolinger-Schule in Waiblingen seiner Mutter bestätigt. Also bekam der Siebenjährige noch ein Jahr Karenz, bevor er die Schulbank drücken musste. Und in der Familie hätten früher eher seine drei Schwestern das Sagen gehabt und die Dinge insgeheim gesteuert. „Mein Papa hat zwar offiziell entschieden, aber meine Schwestern haben es von langer Hand eingefädelt. Frauen haben da mit ihrem diplomatischen Geschick ganz andere Möglichkeiten“, findet Sonntag.
Andererseits könne er sich nicht erinnern, dass ihn sein Vater mal in den Arm genommen habe. „Ich behaupte mal, dass er Angst hatte, wenn er das mache, sei das schwul.“ Komischerweise habe das sein Vater auch nie gemacht, klinkt sich Wehrle ins Gespräch ein. Der Kabarettist wie der VfB-Boss haben aus dieser Erfahrung möglicherweise bei allen biografischen Unterschieden eine ganz ähnliche Schlussfolgerung gezogen: „Die ganzen Ängste, wie das, was man tut, auf andere wirken könnte, die habe ich für mich komplett abgelegt“, sagt Sonntag. „Ich mache das, was ich denke, was richtig ist. Und ob das nun männlich oder unmännlich ist oder was andere davon halten, ist mir komplett wurscht.“
Und bei Wehrle? Er äußert an anderer Stelle der Diskussion eine ähnliche Haltung: „Ich bin jetzt vielleicht nicht der typische Mann in dem Sinne, weil ich ja mit einem Mann zusammenlebe.“ Er selbst habe sich früher eher mit Freundinnen ausgetauscht. „Aber völlig losgelöst vom Geschlecht geht es doch darum, wem du dich in schwierigen Situationen anvertrauen kannst. Und dann ist es völlig egal, ob Mann oder Frau.“
Und wie sieht es mit der Rollenverteilung in der Familie aus? Im Hause Sonntag schnappt Vater Christoph schon gegen 6.30 Uhr seinen viermonatigen Sohn, weil der Kleine da wach wird. Sonntag Senior kümmert sich dann frühmorgens ums Kind, damit die Mutter noch länger schlafen kann. „Wir hören morgens beide Mozart, der Kleine liegt an seinem Platz, lauscht, spielt vergnügt, und ich lese meine Zeitung. Und meistens hält der Kleine die Klappe und ich halte meine Klappe“, sagt der frischgebackene 63-jährige Papa. „Und wenn ich auf Tour bin, dann dreht der Kleine morgens durch, weil er die Ruhe braucht.“ Gewisse Unterschiede zwischen Mann und Frau, die könne man einfach nicht wegdiskutieren, ist der gebürtige Waiblinger überzeugt. Warum die Mütter den lieben langen Tag am Kind rummachen, sei ihm ein Rätsel.
Auch bei Alexander Stotkiewitz vom Referat Gleichstellung im Sozialministerium Baden-Württemberg nimmt neuerdings die Vaterrolle einen wichtigen Platz in seinem Leben ein. Nach der Geburt vor acht Wochen waren im ersten Monat sowohl er wie auch seine Frau in Elternzeit: „Jetzt hat sie ein halbes Jahr Elternzeit, danach bin ich ein halbes Jahr in Elternzeit“, erklärt Stotkiewitz. „Als ich groß geworden bin, hätte ich mir gewünscht, dass mein Vater mehr zu Hause gewesen wäre.“ Aber die klassische Rollenverteilung sei damals einfach notwendig gewesen, um für die materielle Stabilität der gesamten Familie zu sorgen: „Das hat geklappt, glücklicherweise, und hat es jetzt mir ermöglicht, als Vater präsenter zu sein.“ Doch so ganz stimme das auch nicht: „Denn jetzt sitze ich hier auf dem Podium und sie ist zu Hause beim Kind. Das wirkt jetzt doch wieder sehr klassisch von der Rollenverteilung her.“
Andererseits: Allzu dogmatisch sollten Mann und Frau das Thema Gleichstellung auch wieder nicht angehen, findet Christoph Sonntag: „Es muss nicht jede Partnerschaft komplett ausgeglichen sein.“ Und sein Rat – fürs menschliche Zusammenleben – ist sehr einfach: „Alles was einengt, führt zu einem Verlust. Und alles was spielerisch abläuft, führt zu einer Erweiterung des Lebens.“ Bei so viel Alltagsphilosophie wollte Wehrle noch eins draufsetzen. Jeder kenne doch noch den Song „Männer“ von Herbert Grönemeyer mit der Zeile: „Wann ist ein Mann ein Mann?“ Der Germanist und Wissenschaftler Torsten Voss von der Bergischen Universität habe auf die Grönemeyer-Frage eine einfache Antwort: „Niemals“, berichtet Wehrle. Denn vielleicht ist ja der Mann als Mann nur ein notdürftiges Konstrukt der Wirklichkeit. Verhaltensformen und Muster gibt es zu der Rolle viele. Und sie ändern sich ständig: Denn was früher für Männer ein No-go war, ist heute möglicherweise schwer angesagt. So bleiben eben für jedes männliche Wesen aus dem biologischen Baukasten menschlicher Möglichkeiten die beiden Chromosomen X und Y übrig – was der Mann daraus macht, ist seine Sache.
Veranstaltungen
Im Rahmen der Diversity-Woche findet am Rathaus, Marktplatz 1, Mittlerer Sitzungssaal, am Dienstag, 27. Mai, von 17 bis 18.30 Uhr eine Podiumsdiskussion zum Thema „Neustart in den Ruhestand: Ideen, Tipps und Perspektiven“ statt. Im Anschluss daran hält um 18.30 Uhr Professor Naika Foroutan von der Humboldt-Universität Berlin im Großen Sitzungssaal des Rathauses einen Vortrag. Er beschäftigt sich mit dem Themenkomplex: „Diversität und gesellschaftlicher Zusammenhalt in Krisenzeiten“. geo