DIW-Studie Wirtschaftsforscher: EZB hätte Inflation frühzeitiger eindämmen können

Die Europäische Zentralbank mit Sitz in Frankfurt hat die Aufgabe, für Preisstabilität im Euroraum zu sorgen. Foto: dpa/Frank Rumpenhorst

Verschlief die EZB die heftige Teuerungswelle im Zuge von Pandemie und Russlands Angriffskrieg? Eine Studie liefert neue Erkenntnisse – für die Währungshüter sind sie wenig schmeichelhaft.

Der rasante Anstieg der Verbraucherpreise ab Mitte 2021 erwischte Notenbanker fast rund um den Globus auf dem falschen Fuß. Das Thema erhitzt die Gemüter, denn Inflation trifft die Menschen dort, wo es sehr schmerzt: im Geldbeutel. Inzwischen ist die Teuerung wieder unter Kontrolle, als Gründe für den rasanten Anstieg der vergangenen Jahre gelten vor allem externe Faktoren: Die Coronapandemie und die Energiepreiskrise im Zuge von Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine. Doch die Frage nach geldpolitischen Versäumnissen bleibt aktuell.

 

Die Ergebnisse einer neuen Studie von Forschern des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) sind vor diesem Hintergrund brisant. „Unsere Berechnungen zeigen, dass in der jüngsten Inflationswelle der Preisanstieg mit einer frühzeitigen Zinsanhebung schneller gebremst worden wäre und sich die Wirtschaft schon bis letztes Jahr erholt hätte“, resümiert DIW-Ökonom Ben Schumann.

Inflation in der Eurozone Foto: DIW Berlin/Zapletal

Die anhand von Modellanalysen durchgeführte Studie deute sogar darauf hin, dass die Europäische Zentralbank (EZB) mit ihrem zögerlichen Handeln zu einem weiteren Anstieg der Preise beigetragen habe, schreiben die Wirtschaftsforscher. Hätten die Notenbanker sich konsequenter auf ihr primäres Mandat konzentriert, nämlich für Preisstabilität im Währungsgebiet zu sorgen, wäre es nicht zu zweistelligen Inflationsraten gekommen, so die Untersuchung. Die anhaltend lockere Geldpolitik habe eine wichtige Rolle dabei gespielt, dass die Teuerung das höchste je im Euroraum gemessene Niveau erreichen und im zweiten Halbjahr 2022 über zehn Prozent steigen konnte.

DIW-Experten widersprechen Frau Lagarde

Dass die EZB die Zinsen im Frühjahr 2022 nicht anhob, obwohl die Verbraucherpreisentwicklung zusehends aus dem Ruder lief, begründete Notenbankchefin Christine Lagarde damals mit eingeschränkten Wirkungsmöglichkeiten. Da der Inflationsschub vor allem auf gestiegene Energiepreise zurückzuführen sei, könne er mit Zinsanhebungen nicht gut gebremst werden. Dieser Annahme widersprechen die DIW-Experten jedoch entschieden. Sie meinen: Ein entschiedeneres Vorgehen der EZB hätte nicht nur der Verteuerung von Energie Einhalt geboten, sondern wäre auch ein wichtiges Bekenntnis für ein stabiles Preisniveau insgesamt gewesen und hätte damit die Inflationserwartungen gedämpft.

Allerdings befand sich die Notenbank angesichts der angespannten konjunkturellen Lage in einer kniffligen Situation, da sie die Erholung von der Coronakrise wohl nicht abwürgen wollte. „Der EZB muss die Quadratur des Kreises gelingen, wenn die Inflation in wirtschaftlich schwierigen Zeiten steigt“, räumt Forscher Schumann vom DIW ein. Zinserhöhungen, die die Inflation eindämmen, belasteten die Wirtschaft zusätzlich. Hierbei stünden die Währungshüter stets auch unter politischem Druck. So habe schon der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) im Jahr 1972 behauptet: „Fünf Prozent Inflation sind leichter zu ertragen als fünf Prozent Arbeitslosigkeit.“

Allerdings wurde bei der Gründung der EZB 1998 aus genau diesem Grund ein so starker Fokus auf geldpolitische Unabhängigkeit und den Auftrag gelegt, Preisstabilität durch die Einhaltung eines Inflationsziels von 2,0 Prozent zu gewährleisten. Anders als die EZB hat etwa die US-Notenbank Fed ein duales Mandat, das die Währungshüter neben stabilen Preisen auch noch dazu verpflichtet, möglichst für Vollbeschäftigung am Arbeitsmarkt zu sorgen.

Auch die Fed wurde für zu spätes Handeln kritisiert

Bei der Bewältigung der Teuerungswelle waren nicht nur Europas Währungshüter hinter der Kurve. In den USA begannen die Zinserhöhungen 2022 zwar einige Monate früher, doch auch die Fed wurde von Kritikern wie dem Starökonom Mohamed El-Erian angegangen, zu langsam reagiert zu haben. Letztlich gestand US-Notenbankchef Jerome Powell ein, dass der Inflationsschub eben nicht – wie von der Fed zunächst angenommen – nur kurzlebig und vorübergehend war. Weil die großen Notenbanken so spät begannen, mussten sie die Zinsen dann umso aggressiver anheben – mit entsprechender wirtschaftlicher Bremswirkung.

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