DIY-Workshops in Böblingen „Ich möchte der Jochen Schweizer der Kreativbranche werden“

Elif Tunc, Gründerin von „Herzstück“, ist mit ihrem Kreativladen auch nach Böblingen expandiert. Sie hat sich große Ziele gesetzt. Foto: Janina Link

Türkische Kultur mit individuellen „Do-it-yourself“-Stücken. Das ist „Herzstück“, gegründet von Elif Tunc, die in Böblingen ihren mittlerweile vierten Laden eröffnet hat.

Volontäre: Janina Link (jali)

Ein leichter Zitronenduft liegt in der Luft – das Kolonya, das Sude Yesildag den Gästen zur Begrüßung in einem kleinen Fläschchen reicht. „Willkommen bei uns“, sagt sie mit einem freundlichen Lächeln. In türkischen Haushalten ist es Tradition, Gästen genau dieses Erfrischungswasser direkt nach ihrer Ankunft anzubieten. Es ist ein Ritual, das vermittelt: Man soll sich hier ganz wie daheim fühlen.

 

Die Böblinger Räume von „Herzstück“ wirken auch tatsächlich eher wie ein gemütliches Wohnzimmer statt wie ein Ladenlokal: Auf langen Holzbänken liegen flauschige Felle, warme Teppiche dämpfen die Schritte, durch die Fenster fällt weiches Licht. Zwischen Mosaiklampen und Gläsern mit bunten Perlen leises Stimmengewirr. Erste Teilnehmer haben sich an einem Tisch eingefunden und fügen behutsam Mosaiksteinchen aneinander.

Ein kleiner Ausflug in die türkische Kultur, mitten in Böblingen

In dem Laden in der Böblinger Poststraße finden seit diesem April regelmäßig kreative Workshops statt: Teilnehmer können hier orientalische Mosaiklampen gestalten, wie man sie aus der Türkei kennt. Auch kleine Vasen, Teelichthalter oder Windlichter kann man dort mit den kleinen bunten Steinchen bekleben. Was immer einem einfällt, lässt sich hier verwirklichen. „Während manche Kunden sich an unsere Vorlagen halten, legen andere mit dem Mosaik ganz eigene Muster“, erzählt Yesildag. Die 22-Jährige ist einer der kreativen Köpfe von „Herzstück“ und schult gerade in Böblingen eine ganz neue Idee. Aber dazu später mehr.

Das Böblinger „Herzstück“ ist ein Ort zum Verweilen – neben verschiedenen Getränken wird hier auch türkischer Chai oder Mokka angeboten. Ein kleiner Ausflug in die türkische Kultur, mitten in Böblingen. Manche bleiben stundenlang, um ihre individuellen Mosaikstücke zu gestalten, erzählt Yesildag. „Der Rekord liegt bei sieben Stunden“, sagt sie und lacht. „Manche sind eben sehr perfektionistisch.“ Dabei sei Perfektion gar nicht das Ziel – jedes Mosaiksteinchen hat eine andere Form, von Hand geschnitten – und gerade das macht den besonderen Reiz dabei aus.

Rabia Demirci leitet den Standort in Böblingen gemeinsam mit ihrem Mann Önder. Im Laden in der Poststraße ist regelmäßig die ganze Familie Demirici anzutreffen – vom Sohn über die Tochter bis hin zum Familienhund. Eben ganz wie zu Hause. Rabia Demirci nahm einst selbst an einem der Workshops teil und ließ sich sofort vom Mosaik-Fieber anstecken. Wenig später entdeckte sie das leerstehende Ladengeschäft in der Poststraße – und dachte direkt an „Herzstück“. Ihre Begeisterung sprang über: Die „Herzstück“-Gründerin Elif Tunc stimmte einer Eröffnung zu, und so wurde Böblingen zum inzwischen vierten Standort des Kreativunternehmens.

Tunc selbst ist gelernte Mosaikmeisterin. Sie ist an diesem Tag in Böblingen vor Ort, aber eigentlich lebt die studierte Psychologin mit ihrem Mann und ihren Kindern in Dachau. Im vergangenen Februar eröffnete Tunic dort auch den ersten „Herzstück“-Laden – die Hauptfiliale. Dort arbeitet auch Sude Yesildag, die aber inzwischen in allen Filialen unterwegs ist. Tunc habe ein Angebot schaffen wollen, das nicht an Zeit gekoppelt ist. „Wenn man zum Beispiel Keramik bemalen geht, hat man ein festes Zeitfenster. Und nach zwei oder drei Stunden heißt es dann – ‚okay, jetzt musst du deinen Platz räumen‘. Das ist bei uns anders. Hier können die Leute so lange bleiben, wie sie möchten.“ Innerhalb weniger Monate nach der Eröffnung des ersten Shops in Dachau folgten weitere Standorte. In München, in Senden – und schließlich auch in Böblingen.

„Es war erst einmal gar nicht geplant zu expandieren“

Von Links: Sude Yesildag, Sude und Rabia Demirci und Elif Tunc Foto: Janina Link

Dass sich ihr Konzept derart schnell verbreiten würde, damit habe selbst Elif Tunc nicht gerechnet. „Es war erst einmal gar nicht geplant zu expandieren“, sagt sie. Doch das Feedback der Workshop-Teilnehmer lautete: ‚Ich brauche so etwas in meiner Stadt auch‘. Neben Rabia Demirci seien auch weitere Mitarbeiter von „Herzstück“ ehemalige Workshop-Teilnehmer, so Tunc. „Die Sude zum Beispiel – die kam zu mir in den Workshop und war auch direkt Feuer und Flamme.“ Und als Yesildag Tunc anschließend nach einem Minijob fragte, sagte diese direkt zu. „Ich hatte ja bereits während des Workshops Gelegenheit, um zu schauen. Passt die Chemie? Stimmt die Fingerfertigkeit?“

Mittlerweile gehört Yesildag fest zum „Herzstück“-Team. „Sie sprüht auch nur so über vor neuen Ideen“, sagt Tunc. Neulich zum Beispiel, da sei die 22-Jährige, die aktuell noch studiert, mit der Idee zu ihr gekommen, Workshops zum Thema Strukturpaste einzuführen. Tunc war begeistert. In Kürze soll das auch in Böblingen angeboten werden – an diesem Tag bringt Yesildag dem Team vor Ort bereits die Technik bei.

Nach und nach sollen noch mehr Angebote in Böblingen Einzug erhalten

An den anderen „Herzstück“-Standorten werden längst nicht mehr nur Mosaike gefertigt – das kreative Angebot ist dort deutlich breiter aufgestellt. Einige dieser Angebote kommen auch nach Böblingen. In Dachau, München oder Senden können die Teilnehmerinnen bereits aus einer Vielzahl von Workshops wählen: Sie bemalen Handyhüllen, gestalten Keramik im farbenfrohen Stil traditioneller türkischer Seramik – ganz ohne Brennofen – oder lernen die Kunst der türkischen Glasmalerei kennen. Auch kreative Projekte mit Strukturpaste entstehen dort bereits.

Und Tunc und ihr Team haben noch einiges vor. „Das hört sich jetzt sehr hochgestochen an, aber wenn man es aussprechen kann, kann man es auch erreichen: Ich möchte der Jochen Schweizer der Kreativbranche sein“, sagt Tunc. Ihre Arbeitstage dauern derzeit oft mehr als 16 Stunden. Immerhin führen Tunc und ihr Mann das Unternehmen „quasi als Hobby“, wie sie selbst sagt – zusätzlich zu ihren regulären Berufen. Ob osmanische Mosaiklampen, traditioneller türkischer Kaffee oder das kleine Fläschchen Kolonya zur Begrüßung – „Herzstück“ bringt türkische Kultur mit viel Liebe zum Detail näher.

Im Laden in der Poststraße sind die Teilnehmer inzwischen bei Schritt zwei ihres Lampenprojekts angekommen: Das Mosaikmuster ist gelegt, nun werden die filigranen Steinchen mit Geduld und Präzision auf der Lampe festgeklebt. Danach folgt der letzte Schritt – eine spezielle Schütttechnik, mit der die bunten Perlen über die Lampe verteilt und fixiert werden. So entsteht ein leuchtendes Unikat. „Hier drin vergisst man gern mal die Zeit“, sagt Tunc – genau das ist Teil des Konzepts.

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