Seine Leidenschaft trägt Thomas Kressmann auf dem Oberarm: Dahin hat sich der 55-Jährige einen Lautsprecher tätowieren lassen. Denn Musik, „auch wenn’s abgedroschen klingt, ist mein Leben“. Aufgelegt, sagt der Stuttgarter, habe er schon früher in seinem Kinderzimmer in Feuerbach. Aber erst jetzt, mit über 50, steht er als DJ Thomixx in der Kulturinsel in Bad Cannstatt am DJ-Pult, im Mrs. Jones, Romy S. oder im Dilayla.
Kressmann ist Teil des DJ-Kollektivs Tomate: Fünf Menschen, die Spaß am Auflegen haben, aber auch einen Hauptberuf, der die Rechnungen bezahlt. Kressmanns „Dayjob“: Wirtschaftsinformatiker bei der Mercedes-Benz-Bank. Die Fünf lernten sich in kleinen Clubs kennen, schlossen sich zusammen und machten „erste Gehversuche an einem ruhigen Tag im Mrs. Jones“, später Club- und Housenächte im Romy S. Das war vor ungefähr vier Jahren. Der Name Tomate setzt sich aus den Anfangssilben ihrer Vornamen zusammen.
Dass Joachim Petzold von der Kulturinsel und Yusuf Oksaz – Legende des Stuttgarter Nachtlebens und Betreiber der „drei Ladys“: Dilayla, Romy S. und Mrs. Jones – ihnen eine Chance gaben, wundert ihn heute noch ein bisschen, sagt Kressmann: „Wir waren völlig unbekannt in der Szene und durften trotzdem ran.“ Das sei entscheidend gewesen: „Wenn es niemanden gibt, der dir Vertrauen schenkt, machst du’s immer nur daheim im Keller.“
Zum dritten Mal fand in diesem Jahr bei der Kulturinsel das Festival „Electronic Music Family & Friends“ statt. Von nachmittags bis abends um 23 Uhr legte das Tomate-Kollektiv für Familien auf: „Eltern feiern mit ihren Kindern – das ist richtig cool.“ Thomas Kressmann hat selbst eine 19-jährige Tochter, mit der er gerne auf Konzerte geht, die auch in die Clubs kommt, wenn er auflegt – und sogar ihre Freunde mitbringt.
Die Musik hat für den 55-Jährigen schon immer eine wichtige Rolle gespielt: Im Feuerbacher Musikverein spielte er als Kind die Trompete. Als er nach Konstanz zum Studieren ging, legte er auf Studentenpartys in den Wohnheimen auf. Und war er donnerstags im Stuttgarter Perkins Park tanzen, guckte er von oben dem blondgelockten Resident-DJ Uwe Hacker, längst seine eigene Legende, auf die Finger. „Ich wollte immer wissen, wie die das machen.“ Gefiel ihm ein Lied besonders gut, ging er zum DJ hoch und fragte nach dem Titel.
Immer auf der Suche nach guter Musik
Heute gibt es dafür eine App, aber Thomas Kressmann sammelt immer und überall gute Musik. Und hört sie auch – am liebsten live. Dafür ist ihm kein Weg zu weit. Fürs Konzert von Adele fuhr er vergangenes Jahr nach München, Paul Kalkbrenner sah er in Berlin, Ed Sheeran in Düsseldorf. Im Stuttgarter Longhorn war er im März bei Skunk Anansie.
„Auflegen ist wie eine Sucht“, sagt der 55-Jährige. Das geht so weit, dass er vor seinem Urlaub in Italien mit den Leuten vom Campingplatz abklärt, ob er in einer der Bars auf dem Gelände Musik spielen kann. Inzwischen werden er und seine Tomate-Mitstreiter auch für Hochzeiten, Firmenfeiern oder runde Geburtstage gebucht. Dabei achten sie darauf, dass sie als Hobby-Aufleger den professionellen DJs nicht die Preise verderben. „Sonst fragen Clubbetreiber dich nicht an, weil du so gut bist, sondern weil du so billig ist.“
„Rücksichtlos seine Sachen runterspielen – das geht nicht“
Welche Musik er auflegt, hängt davon ab, wo er am DJ-Pult steht: „Im Mrs. Jones und im Dilayla ist das klassische Mixed Music.“ Gerne würde er im Classic Rock Café auflegen, denn „das ist noch ein Traum von mir: Rockmusik zu spielen.“ Die Interaktion mit den Gästen ist ihm wichtig. Er legt auf, was den Leuten gefällt, erfüllt auch ganz uneitel Musikwünsche. „Rücksichtlos seine Sachen runterspielen – das geht nicht.“ Und ist die Tanzfläche mal leerer, gibt es immer Songs, mit denen man sie sofort wieder voll kriegt, sagt Kressmann – „SOS“ von Rihanna oder der Klassiker schlechthin: Gloria Gaynors „I Will Survive“.
Er sei schon immer ein Energiebündel gewesen, würde nie um halb zehn schlafen gehen. Wenn so ein Abend im Club sechs, sieben Stunden geht und er erst um 3 oder 4 Uhr morgens seinen Controller einpackt, findet Thomas Kressmann das nicht anstrengend: „Im Gegenteil, das gibt mir Energie.“