Herr Werner, waren Sie im vergangenen Jahr nie versucht, in jenen Handelssegmenten zu wildern, die im Lockdown schließen mussten, etwa bei den Spielwarengeschäften?
Wir sind auf klassische Drogeriewaren spezialisiert, und unser Ziel ist es, eine möglichst relevante Auswahl zu bieten. Unsere Kernkompetenzen liegen bei Schönheit, Baby, Haushalt, Gesundheit und Fotodienstleistungen. Für kurzfristigen Mehrumsatz die Glaubwürdigkeit aufs Spiel zu setzen, ist keine gute Idee.
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Sie haben aber schon früh Schutzmasken und in Hunderten Märkten zertifizierte Schnelltests angeboten.
Das war richtig, weil das zu unserer Kernkompetenz zählt. Die meisten unserer Kolleginnen und Kollegen in den dm-Märkten sind ja ausgebildete Drogisten. Wir haben auch Impfstraßen in dm-Märkten getestet, die allerdings von medizinischem Fachpersonal durchgeführt wurden. Auch das kam gut an.
Wollen Sie dm stärker als Gesundheitsdienstleister ausrichten?
Dies ist auf jeden Fall eine Chance, sofern sich die regulatorischen Rahmenbedingungen ändern. Schauen Sie sich einmal in den USA die Drugstores an, wo die Drogerien auch verschreibungspflichtige Medikamente oder gängige Impfungen wie gegen Grippe oder Tetanus anbieten. In Deutschland ist das bisher nicht erlaubt. Aber der Gesetzgeber wird sich Gedanken machen müssen, wie das Gesundheitssystem erschwinglich bleiben kann – ohne an der Qualität zu sparen. Dazu könnten wir einen Beitrag leisten.
Das werden die Apothekerverbände zu verhindern wissen.
Es ist bemerkenswert, wie die Apothekenlobby ihr Territorium verteidigt, zugleich sich aber nicht geniert, auch Produkte anzubieten, die in Drogerien oder im Einzelhandel verkauft werden. Außerdem hat die Verteilung von FFP2-Masken über die Apotheken den Steuerzahler unnötig viel gekostet.
Sie kritisieren, dass die Behörden in der Pandemie zu unflexibel gearbeitet haben.
Zu Beginn der Krise sind die Behörden beispielsweise beim Einkauf der Masken über den Tisch gezogen worden, viele waren fehlerhaft oder schlichtweg viel zu teuer. Das war nicht verwunderlich. Denn woher sollten Ministerien und Behörden die notwendigen Erfahrungen mit der Beschaffung, der Qualitätssicherung und der Verhandlung von Preisen haben? Ich wage zu behaupten, dass unsere Einkäufer das besser gemacht hätten.
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Was schlagen Sie vor?
Behörden sollten den Rahmen vorgeben, aber nicht das eigentliche Management an sich ziehen. In einer Krisensituation gilt es, in den Krisenmodus zu schalten. Es gilt, neue Wege zu beschreiten, indem zum Beispiel die Experten zusammentreten, die aufgrund ihrer Expertise helfen können, die Krise zu bewältigen. Aber das ist natürlich eine unternehmerische Sichtweise. Wenn Behörden neue Wege beschreiten, ernten sie oft Kritik. Das hemmt natürlich.
Kurz nachdem Sie geboren wurden, hat Ihr Vater Götz Werner den ersten dm-Markt eröffnet. Wie fühlte sich das an, mit dm groß zu werden?
Für uns Kinder war es das uns vertraute Umfeld. Als in Ettlingen Ende der 1970er Jahre die Scannerkassen erprobt wurden, war das für uns ein Abenteuer. Wir waren oft in diesem Markt, den mein Vater einige Zeit selbst führte, und haben die Regale eingeräumt. Wenn ich meinen Vater mit ins Büro begleitet habe, habe ich Post frankiert oder Altpapier dem Reißwolf verfüttert. Wenn mein Vater einen Handwerksbetrieb gegründet hätte, wäre das im Prinzip auch nicht anders gewesen.
Sie haben Ihren Vater bestimmt auch bei Besuchen in anderen Märkten begleitet. Haben Sie diese Abstecher auch manchmal genervt?
Nein, das fanden wir immer spannend. Unser Vater hat das stets mit Freude und einer gewissen Leichtigkeit gemacht, mit einem Lächeln auf den Lippen. Ich hatte nie das Gefühl, dass er diese Besuche als lästige Pflicht erlebt hätte. Im Übrigen hat er nie den Zampano markiert, sondern sich mit den Menschen auf Augenhöhe unterhalten und sich für sie interessiert. Ich denke, das hat mich mitgeprägt.
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Ihr Vater ist vor Kurzem gestorben. Was behalten Sie von ihm besonders in Erinnerung?
Seine Fähigkeit, immer eine unternehmerische Perspektive zu finden und dann anzupacken. „Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe“, war sein Motto, das er wirklich aus Überzeugung gelebt hat. Deswegen hat er in seinem Leben so viel bewegt.
Was haben Sie von ihrem Vater für sich selbst und ihre Arbeit abgeschaut?
Sicherlich konnte ich von ihm diesen unternehmerischen Blick lernen. Also diesen Fokus auf die Chancen statt auf die Hindernisse. Außerdem die Fähigkeit, erst einmal zu beobachten, um eine Sache zu verstehen, bevor das eigene Urteil den Blick verengt. Das gilt für Unternehmensprozesse wie auch für den Umgang mit Menschen. Und unsere Haltung bei dm: Diese geht davon aus, dass Menschen grundsätzlich Verantwortung übernehmen wollen und grundsätzlich entwicklungsfähig sind.
Unsere Gesellschaft wird immer diverser, die Kundinnen und Kunden etwa haben verschiedene Hautfarben. Warum nutzt das dm etwa nicht mehr für das Kosmetiksortiment?
Unser Bestreben ist es, für unsere Kundinnen und Kunden eine verlässliche Einkaufsstätte für Drogeriewaren zu sein. Hierfür ist es wichtig, uns auf das zu konzentrieren, was wir wirklich gut können. Dies gelingt nur, wenn wir wissen, was dazugehört und was wir weglassen sollten. Darf ich Ihnen dazu eine Anekdote erzählen?
Gern.
Einer meiner Großväter hat die „Drogerie Werner“ geführt. Deren Grundsätze waren: „Vielfältig, höflich, preiswert“. Damit war das Geschäft erfolgreich. Zusätzlich gab es aber auch noch den Grundsatz: „Führt alles, oder besorgt es schnell“. Damit ist das Geschäft in große wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Sie können keine wettbewerbsfähigen und auskömmlichen Preise machen, wenn sie von allem etwas anbieten wollen. Mit dieser Herausforderung schlägt sich derzeit auch so mancher Lieferdienst herum.
Ihr Sohn ist Ende 20. Wird er selbst einmal in den Handel gehen?
Ich glaube, er hat großes Potenzial. Er hat BWL studiert und bereits im Ausland Erfahrungen in der Konsumgüterindustrie gesammelt.
Würden Sie ihn gerne bei dm beschäftigen?
Bei dm brauchen wir immer Menschen mit Initiative. Sicherlich könnte er einen Beitrag leisten, wenn er das möchte. Aber das ist ganz seine Entscheidung, so wie es meine war, als ich 2010 nach meiner langjährigen Arbeit für L’Oréal und GlaxoSmithKline in Frankreich und den USA bei dm anfing. Ich bin ja nicht als Sohn des Gründers zu dm gekommen, sondern weil mir etwas zugetraut wurde und ich einen Beitrag leisten wollte. Es ist wichtig, dass Führungskräfte von der Arbeitsgemeinschaft als Menschen erlebt werden, die Wesentliches beitragen, und nicht als Privilegierte, die sich einfach in ein Unternehmen hineinsetzen.