Documenta 13 in Kassel Die hundert Tage der Kunst

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Alle fünf Jahre findet sie statt: die wichtigste Schau zeitgenössischer Kunst der Welt. In diesem Jahr steht sie im Zeichen weltweiter Krisen: Muss der Mensch seine Sicht ändern?

Das Zentrum der Documenta in Kassel: das Fridericianum Foto: dpa
Das Zentrum der Documenta in Kassel: das Fridericianum Foto: dpa

Kassel - Es zieht gewaltig. Es weht ein rauer Wind. Ryan Gander nennt es eine „leichte Brise“, ein frisches Lüftchen, das den Geist öffnen soll. Der englische Künstler hat bei der Documenta 13 in Kassel den besten Platz ergattert. Er darf das Entree des Fridericianums bespielen, das Herzstück der weltgrößten Kunstausstellung. Und was tut er? Ryan Gander hat Ventilatoren versteckt, als sollten all die Erinnerungen an frühere Ausstellungen, an die großen Namen wie Arnold Bode, Harald Szeemann und Jan Hoet schnell hinausgefegt werden. Alles zurück auf null, am Anfang steht das Nichts.

Das passt. Denn tatsächlich hat Carolyn Christov-Bakargiev, die Leiterin der Documenta 13, eine neue Ära ausgerufen, in der die Grenze zwischen Kunst und Kultur nicht mehr ausgelotet, sondern schlicht aufgehoben wird. Deshalb hat sie nicht nur Künstler, sondern auch Wissenschaftler und Ökologen engagiert. Sie will Schluss machen mit den eindimensionalen Kategorien und ein neues Denken befördern. Das kann man im Park tänzerisch kennenlernen beim „Yoga of relation-ship“. Ziel ist „thirdness“, wie der Künstler Paul Ryan es nennt. Man betrachtet nicht nur sich und sein Gegenüber, sondern bezieht das gesamte Umfeld, Strukturen, kulturelle Gebräuche mit ein. Differenziertes Denken statt Schwarz-Weiß-Malerei.

Auch die Documenta 13 ist wieder erschlagend. In der gesamten Stadt, im Weinberg und im Gewächshaus, in der Bahnhofshalle und im Klamottenladen von Sinn Leffers gibt es Kunst – nicht immer im Sinne von griffigen, greifbaren Artefakten, sondern es ist auch Kunst als soziale Intervention, als Performance oder Konzept.

Ein schönes, leises, poetisches Kabinett

Das Herz der Documenta aber schlägt im Fridericianum. In einer Art Wunderkammer werden Fundstücke verschiedenster Epochen und Kulturen versammelt, zum Beispiel kleine baktrische Prinzessinnen aus Speckstein, die vor 2000 Jahren in Mittelasien entstanden. Oder Fotografien von Lee Miller, die sich 1945 in Hitlers Badewanne legte – als eine Art Ritual, um sich von den kollektiven Kriegsverbrechen reinzuwaschen. Hier Videoaufnahmen aus dem Nachlass von Ahmed Basiony, der auf dem Tahrir-Platz getötet wurde, dort eine Fotografie einer im Vietnamkrieg zerstörten Landschaft. Es ist ein schönes, stimmungsvolles Kabinett, leise und poetisch.

Fast 300 Teilnehmer bestreiten die Documenta 13, darunter auch Physikstudenten, die den Besuchern die Quantenphysik erklären. Nur Kai Althoff ist nicht mehr an Bord. In einem gekrakelten Brief erklärt er, warum er nun doch absagen muss, da er nicht wisse, wie es mit ihm, mit seinem Leben weitergehen soll. Ein denkwürdiger Beitrag über das Scheitern und Versagen.




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