Documenta verhüllt rassistisches Bild Von Zensur spricht niemand
Kunstfreiheit wird in diesem Land hochgehalten. Deshalb überrascht es, dass im Fall der Documenta unisono gefordert wurde, ein Kunstwert zu entfernen, kommentiert Adrienne Braun.
Kunstfreiheit wird in diesem Land hochgehalten. Deshalb überrascht es, dass im Fall der Documenta unisono gefordert wurde, ein Kunstwert zu entfernen, kommentiert Adrienne Braun.
Sage einer, die Kuratoren seien nicht gewarnt worden. Seit Anfang des Jahres wurde immer wieder behauptet, Ruangrupa sei antisemitisch. Das Kollektiv aus Indonesien leitet die frisch eröffnete Documenta fifteen in Kassel, von der nur noch ein trauriger Scherbenhaufen übrig zu sein scheint. Die Begeisterung, die die Presse noch in ihren ersten Artikeln verbreitete, ist dahin. Und Ruangrupa, das sich Schlagworte wie Gemeinschaft, Unabhängigkeit, Transparenz und Humor auf die Fahnen geschrieben hatte, hat alle Sympathien verspielt.
Denn mit dem Banner, dass die indonesische Gruppe Taring Padi auf dem Friedrichsplatz aufgehängt hat, ist der Vorwurf des Antisemitismus bestätigt worden. Auf dem Bild finden sich üble Details: hier ein Anzugträger mit Reißzähnen, Schläfenlocken und SS-Rune auf dem Hut, dort ein Uniformierter mit Davidstern und Schweinsnase. Das lässt sich nicht verharmlosen.
Die Künstler von Taring Padi wurden bei den Vorbereitungen in Kassel mit dem Tod bedroht, ihr Atelier wurde verwüstet. Die Kulturministerin Claudia Roth führte Gespräche. Spätestens da wussten alle Beteiligten, wie sensibel das Thema ist – und beteuerten denn auch, das Antisemitismus auf ihrer Documenta fifteen keinen Platz habe. Dass das Banner dennoch aufgehängt wurde, lässt also nur einen Schluss zu: Die asiatischen Gäste deuten die Motive anders und sehen offenbar keinen Antisemitismus darin. Das bestätigt eine Erklärung von Taring Padi: Ihre Figuren entsprächen einer in Indonesien verbreiteten Symbolik.
Die Documenta fifteen ist angetreten, dem westlichen Kunstbegriff eine andere Form der Kunst entgegenzusetzen, die nicht auf Prestige und Preise, Stars und Selbstdarstellung setzt, sondern auf ein Miteinander. Dieser Eklat zeigt, dass der Graben zwischen westlichem und östlichem Selbstverständnis noch viel größer ist und sich längst nicht nur auf den Kunstbegriff bezieht. Dass Ruangrupa schon mit Vorwürfen bombardiert wurde, bevor es diesen Beleg für Antisemitismus gab, das lässt durchaus auch auf unterschwellige Ressentiments der asiatischen Truppe gegenüber schließen.
Wirklich bemerkenswert an diesem Eklat ist aber, dass all jene, die an sich vehement die Freiheit der Kunst verteidigen, diesmal selbstverständlich gefordert haben, das Banner zu entfernen. Auch Frank-Walter Steinmeier überraschte bei der Eröffnungsfeier mit seinem ungewöhnlich harschen Machtwort, dass künstlerische wie kuratorische Freiheit hier nur für jene gelte, die Israel anerkennen.
Es sei dahingestellt, ob das Existenzrecht Israels durch das Banner tatsächlich gefährdet ist. Zumindest wird es die aufgeheizte Stimmung beruhigen, dass das Bild nun abgehängt wurde. Trotzdem sollte man sich davor hüten, dieses scheinbare Schuldeingeständnis allzu befriedigt zur Kenntnis zu nehmen. Denn es offenbart, dass in Sachen Kunstfreiheit mit zweierlei Maß gemessen wird. Denn ob es um den Karikaturenstreit ging, um das Ersetzen des N-Wortes in Literatur oder um kolonialistische Denkmäler – es fanden sich stets große Mehrheiten für die künstlerische Freiheit, die mit dem Totschlagargument „Zensur“ verteidigt wurde.
Letztlich gibt es ebenso gute Argumente für eine freiheitliche Kunst wie gegen sie. „Kunstfreiheit endet dort, wo Menschenfeindlichkeit beginnt“, hat Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, dieser Tage gesagt. Wer dem zustimmt, sollte sich auch in Zukunft daran erinnern, wenn sich andere, nicht jüdische Gruppen durch rassistische, sexistische oder postkolonialistische Botschaften verletzt fühlen.