Doku auf Arte Bodybuilding und Politik – Der Mythos Schwarzenegger

Schwarzenegger hat zahlreiche Titel als Bodybuilder und gilt in seiner Disziplin als erfolgreichster Sportler weltweit. Foto:  

Eine Doku zeichnet die Karriere des Bodybuilders, Schauspielers und Politikers Arnold Schwarzenegger nach, der mit eisernem Willen und stählernen Muskeln zum leibhaftigen amerikanischen Traum wurde.

Los Angeles - Bodybuilding und Politik? Das scheint eine abwegige Kombination zu sein. Gemeinhin traut man Bodybuildern zwar zu, ihr Muskelvolumen zu steigern. Aber das Bruttoinlandsprodukt? Mit Verlaub, damit sind die tumben Fleischhacker doch überfordert! Erst als Arnold Schwarzenegger 2003 Gouverneur von Kalifornien wurde, dämmerte es einigen, dass monumentale Muskeln einem politischen Amt nicht zwingend im Weg stehen. Doch diese Einsicht reifte nur langsam.

 

Anfänglich befürchteten Schwarzenegger-Kritiker den Absturz Kaliforniens ins Neandertal, galt der neue Gouverneur doch den Resten des Bildungsbürgertums und den selbsterklärten Fackelträgern des Fortschritts als eben das: als Neandertaler. Indes, nach ein paar Jahren mussten Schwarzeneggers Gegner eingestehen, dass der 1947 in Österreich geborene Held des Bummbummkinos einen recht passablen Job machte – zumindest nicht besser oder schlechter als viele seiner demokratischen Vorgänger.

Im Gegensatz zu Donald J. Trump, der sich im Alter radikalisierte, hat sich Schwarzenegger in die entgegengesetzte Richtung bewegt. Galt er in den 80er Jahren als Posterboy der Rechtskonservativen, so beendete er seine zweite Amtszeit 2011 als Progressivpopulist und Förderer grüner Technologien. Heute inszeniert er sich als Trump-Kritiker und posiert mit Greta Thunberg.

Bodybuilding war seine Lebensschule

Schon als Bodybuilder war er Teil eines Multikulti-Milieus, wurde von Juden gefördert, wusste um seine homosexuellen Bewunderer. Später heiratete er in den Kennedy-Clan ein. Einen Riecher für den Zeitgeist hatte er immer, entsprechend wandelte er sich. Damit steht er der wendigen Taktikerin Angela Merkel näher als ideologischen Hardlinern. Im Gespräch sagte mir Schwarzenegger einmal, im Herzen sei er ein Konservativer. Doch man könne die eigene Ideologie nicht gegen „the people“ durchsetzen. Also wurde die „Steirische Eiche“ biegsam.

Schwarzenegger ist wie der antike Held Herkules über ideologische Gräben hinweg ein Sinnbild für Power, Potenz und Performance. Gerade als Politiker zeichnete er sich durch die moralische Ambivalenz des Herkules aus. Bei Sophokles ist Herkules ein Rüpel, bei Seneca ein Tugendheld. Analog dazu war Gouverneur Schwarzenegger ein Held des ‚kleinen Mannes’ und ein Verächter der mediokren Massen. Er war „The People’s Governor“ und Kumpel der Großkapitalisten. Er konnte im Wahlkampf ein Rohling sein, aber auch ein charismatischer Sympathieträger. Kurz: Als Politiker vereinigte er in sich Conan, den Barbaren und den Kindergarten Cop. Was alles zusammenhielt, war die Kraft und die Energie, mit der er sich einst zum Mr. Olympia gepumpt hatte. Noch als Politiker betonte er, er habe alles dem Bodybuilding zu verdanken. In der Tat ist Bodybuilding eine Lebensschule, die bestens auf Politik vorbereitet: Man lernt, an sinnlosen Widerständen zu wachsen.

Mit dem Gouverneur wurden die westlichen Demokratien daran erinnert, dass Macht immer einen Körper hat. Man kann die Macht noch so sehr an Institutionen binden, sie in Gesetzen zähmen, sie zu etwas rein Diskursivem erklären oder auf rationale Verfahren beschränken: Etwas Archaisches bleibt. Die Fitness von Politikern, das Durchhalten, das Machen, das Schwitzen, das Schuften, das Kämpfen, der Wille, die Kraft, das Aussehen, das Charisma, das Theatralische, all das ist auch heute noch wichtig. Der vormoderne König, in dessen Körper Individuum und Gemeinwesen zusammenfielen, lebt. Alleine schon Schwarzeneggers Slogan „Join Arnold“ im Wahlkampf 2003 vermittelte das Gefühl, man setze auf einen absolutistischen Herrscher. Dass der Journalist Tom Elias zuvor in einem viel beachteten Text nach einem „neuen Herkules“ für Kalifornien verlangt hatte, ist vielsagend: Herkules war Vorbild so mancher absolutistischer Herrscher. Bei Schwarzenegger beschränkte sich der Absolutismus auf den Stil. In politischen Entscheidungen erwies er sich meist als moderat. Das entspricht dem Bodybuilding: furchterregende Muskeln, die nicht zum Einsatz kommen.

Sein Vorbild: ein Zirkusathlet aus dem 19. Jahrhundert

War Schwarzenegger auch der erste Top-Bodybuilder, der ein hohes politisches Amt bekleidete, so beginnt die gemeinsame Geschichte von Bodybuilding und Politik doch früher. Nicht nur Ronald Reagan posierte mit Hanteln. Bereits Eugen Sandow, der Erfinder des Begriffs „Body Building“ und Schwarzeneggers großes Vorbild, hatte Kontakte in die Politik geknüpft. Sandow war ein preussischer Zirkusathlet, der um 1900 zum internationalen Showstar avancierte. Dabei setzte er nicht nur auf Kraftkunststücke, sondern auch auf die Präsentation seiner klassizistisch inspirierten Körperästhetik. Mit der Akzentverschiebung von Kraft zu Kunst empfahl er sich für höhere Gesellschaftsschichten. Er fungierte als Berater von King George V. und betätigte sich als Trainer britischer Soldaten.

Gleichzeitig stieg in den USA Bernarr MacFadden zum Fitness-Guru der Nation auf. Gab sich Sandow distinguiert und schöngeistig, so nahm MacFadden in vielerlei Hinsicht Donald J. Trump vorweg. Der 1868 im ländlichen Missouri geborene Waisenknabe verlieh sich nonchalant den Titel „Professor“ und ließ sich 1894 in New York City nieder, wo er ein Presse-Imperium gründete. Er gab die Zeitschrift Physical Culture heraus, die Wissenschaftler zurecht als Hort der Quacksalberei und des Sensationalismus geißelten. Trotz kruder populistischer Inhalte verkaufte MacFadden allein in den 1920er und 30er Jahren etwa 50 Millionen Exemplare seines Magazins. Aus dem jungen Gesundheits- und Fitnessfan wurde ein paranoider Eiferer, der sich nicht nur als Autor, Verleger, Gastronom, Impresario von Bodybuilding-Shows, Schulgründer, Hotelier und Produzent von Fitnessgeräten, sondern auch als Politiker und Religionsstifter versuchte. Unter anderem bewarb er sich um die Ämter des Bürgermeisters von New York City, des Gouverneurs von Florida und sogar des Präsidenten der USA. Als Guru entwickelte er die Glaubenslehre „Cosmotarianism“ mit Gott als „The One Divine Physician“. Gegen MacFadden wirkt sogar Trump einigermaßen vernünftig. Dass sich Schwarzenegger schon früh Sandow, und nicht MacFadden zum Vorbild nahm, zeugt von politischer Weitsicht.

Schaffen und Heimat

Arnold Schwarzenegger wurde 1947 im österreichischen Thal in der Steiermark geboren. 1968 wanderte er in die USA aus, wo er heute in Los Angeles lebt.

Schwarzenegger gilt als erfolgreichster Bodybuilder der Welt und wurde mehrfach Mister Olympia und Mister Universe. 1982 erlangte er durch die Hauptrolle in „Conan der Barbar“ erstmals internationale Beachtung als Schauspieler. Als „Terminator“ gelang ihm 1984 der Durchbruch in Hollywood.

Ausstrahlung
: Arte, Sonntag 22.30 Uhr, bis 20. September in der Mediathek.

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