TV-Doku „Kunst macht Schule“ Der Kunstlehrer als Talent-Scout?
Wie steht es um die musischen Fächer in der Schule? Kann der Unterricht tatsächlich Künstlerkarrieren zünden? Eine 3-Sat-Doku geht diesen Fragen nach – mit prominenten Beispielen.
Wie steht es um die musischen Fächer in der Schule? Kann der Unterricht tatsächlich Künstlerkarrieren zünden? Eine 3-Sat-Doku geht diesen Fragen nach – mit prominenten Beispielen.
Hans-Christian Stephan, Trompeter der Band Meute, Jonathan Meese, Künstler, Kelvyn Colt, Rapper: Sie und weitere Kunstschaffende lässt die 3-Sat-Doku „Kunst macht Schule“ in 36 Minuten zum Thema Schule und ihren Einfluss auf die Künstlerkarrieren der Protagonisten zu Wort kommen. Gleich zu Beginn wird klar: Ein einzelner Lehrer, eine einzelne Lehrerin kann den entscheidenden Unterschied machen. Eine Leidenschaft entfachen für ein Thema, für ein Gebiet und so für Karrieren den Ausschlag geben. Der Film will den Bogen jedoch weiter spannen und aufzeigen, was heute in Schulen stattfindet. Schnitt und Sprung in eine Hamburger Schulklasse, die gerade mit einer freischaffenden Künstlerin an einem Gesamtkunstwerk aus Scherenschnitten für eine Ausstellung in den Deichtorhallen arbeitet. Das freie Arbeiten befördere die Heranwachsenden, meint die am Projekt beteiligte Künstlerin.
Carmen Mörsch ist Professorin für Kunstdidaktik an der Kunsthochschule in Mainz. Sie wagt ein Experiment mit Studierenden: eigene Kunstwerke aus der Schulzeit mitbringen und nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden suchen. Schnell stellt sich heraus, es sind keine Skulpturen, keine Fotos, hauptsächlich gezeichnete oder gemalte Bilder unter den Arbeiten, in erster Linie Landschaften und Gesichter. „Wenn alle das Gleiche machen, wird es vergleichbarer“, so Mörsch. Vor- und Nachteil für die Schülerinnen und Schüler zugleich. Einfacher für die Lehrenden wird es so allemal, hört man bei Mörschs Kritik heraus, die andere Vorstellungen für einen gelungenen Kunstunterricht hat.
Auch mit dem mittlerweile in den USA lebenden Künstler Kelvyn Colt geht es zurück in die Schulzeit. Er besucht mit dem Doku-Team seinen ehemaligen Musiklehrer am Wiesbadener Gymnasium, der ihn maßgeblich gefördert habe. „Am Ende des Unterrichts durfte er dann immer rappen,“ so der Ex-Lehrer des Rappers.
Kinder ermutigen, abholen wo sie sind, da sind sich die beiden einig, sei wichtig, wenn es um Kunst und Musik in der Schule gehe. Auch Jonathan Meese appelliert an die Lehrenden, die Einzigartigkeit ihrer Schülerinnen und Schüler zu sehen und zu befördern.
Davon hat auch Elisa Lohmüller von der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart profitiert. Eine Lehrerin im Kunstunterricht habe bei ihr in der 5. Klasse die Initialzündung für das Kunstinteresse verursacht. Heute arbeitet die Studierende mit Glas und Insektenabdrücken, mit der Vielschichtigkeit von vergänglichen Spuren. Sie findet an ihrem Studienort eine weitere Förderin in der Werkstattleiterin.
So geht es munter weiter. Lob für die Schule und ihre Lehrenden kommt hier nicht zu kurz. Das ist schön und ermunternd. Doch klar ist auch: Diese Fälle sind Einzelfälle, und in den Schulen herrscht Lehrermangel – nur eines von vielen Problemen, mit dem das System hierzulande zu kämpfen hat. Und es wird wohl oder übel auch bei solchen besonderen Ausnahmefällen wie den Protagonisten und dem Vorzeigeprojekt der Hamburger Schulklasse bleiben.
Darauf verweisen die Filmemacher dann auch: Elisa Lohmüller etwa will nicht selbst unterrichten, und Hans-Christian Stephan, der selbst Musik auf Lehramt studiert hat, kritisiert die Ausbildung in seinem Fachgebiet. Zu klassisch und zu wenig offen, mit vielen Hürden gespickt, sei sie ein Hindernis auf dem Weg zu mehr Lehrkräften in den Kunstbereichen. Eine Hochrechnung für das Land Nordrhein-Westfalen ergebe, dass es 2035 nur noch 40 Prozent des Bedarfs an Kunstlehrkräften geben werde, für Musik nur noch 30 Prozent, so der Film.
Grund zur Sorge, findet Carmen Mörsch: Wenn weder das Elternhaus noch die Schule für Kunst sensibilisierten, landeten junge Menschen nur selten auf Kunsthochschulen. Womöglich finden sie dann auch weniger wahrscheinlich Zuflucht, Trost, ein Zuhause oder Sprachrohr in der Kunst. Mit diesen Worten beschreiben Colt, Meese und Stephan, was sie in der Kunst gefunden haben.
Jonathan Meese geht sogar soweit, die Aufgabenstellung für eine Arbeit seines ehemaligen Kunstlehrers – „Eine Person geht durch die Wand“ – als sein Lebensmotto zu bezeichnen. Schade, dass der Film eher in die Redundanz geht, als sich tiefer mit den strukturellen Problemen und möglichen Lösungsansätzen für das Dilemma im Schulsystem zu beschäftigen. Vielmehr wird mit träumerischem Blick weiter die Wichtigkeit von Kunst- und Musikunterricht für die Persönlichkeitsentwicklung von Heranwachsenden beteuert.
Kunst macht Schule - Die kreative Kraft der Schulzeit: verfügbar in der 3-Sat- Mediathek