Doku-Serie „Flint Town“ Die gefährliche Angst der Cops

Vor einem Abbruchhaus in Flint nimmt die Polizei Drogendealer in Gewahrsam. Foto: Netflix 8 Bilder
Vor einem Abbruchhaus in Flint nimmt die Polizei Drogendealer in Gewahrsam. Foto: Netflix

Die Doku-Serie „Flint Town“ bei Netflix zeigt unterbezahlte Cops in einer völlig kaputten US-Stadt. Man lernt hier viel über die Ursachen fatal eskalierender Polizeieinsätze.

Kultur: Thomas Klingenmaier (tkl)

Flint, Michigan - Vergangenen Sonntag ist es wieder passiert, diesmal in der kalifornischen Stadt Sacramento: Polizisten haben einen unbewaffneten, 22-jährigen Afroamerikaner im Hof von dessen eigenem Wohnhaus erschossen. Mittlerweile hat die Polizei die Filmaufnahmen der Körperkameras der Polizisten und die Wärmebildsicht des Geschehens aus der Kamera eines ihrer Hubschrauber veröffentlicht.

Diese gruselige, aber in den sozialen Netzwerken zur Norm werdende Variante des Reality-TV zeigt alles und nichts. Kurz nach neun Uhr abends war die Polizei von Anwohnern alarmiert worden, ein Mann habe Autos vandalisiert und verstecke sich jetzt in einem Hintergarten. Eine Streife rückt an, der Hubschrauber ist zur Stelle, dessen Besatzung meldet den Polizi­sten am Boden, sie habe einen Verdächtigen entdeckt. Zwei Beamte rennen zum angegebenen Ort, sehen einen Mann, der etwas in der Hand hält, rufen ihn an, die Waffe fallen zu lassen, dann feuern sie mehrfach.

Die Waffe war ein Smartphone

Die jetzt veröffentlichten Kamerabilder zeigen, dass die Polizisten sich danach nicht an den reglos daliegenden, von mehreren Kugeln Getroffenen herantrauen. Sie rufen immer wieder, er solle seine Waffe wegwerfen, vorher könnten sie nicht näher kommen. Es dauert fünf Minuten, bevor sie zum da wohl schon nicht mehr lebenden Stephon Clark gehen. Eine Waffe finden sie nicht. Clark hatte sein Smartphone in der Hand. Vielleicht wollte er den Polizeieinsatz vor seinem Haus filmen. Vielleicht dachte er im Moment der Konfrontation, ein erhobenes Telefon ­könne ihn als filmenden Zeugen vor einer Eskalation eher schützen.

Sprecher der Bürgerbewegung „Black Lives matter“ haben das bereits als klaren neuen Fall rassistischer Gewalt gebrandmarkt, sie fordern die Entlassung und Anklage der verantwortlichen Beamten. Es gab Protestmärsche in Sacramento, weitere sind angekündigt.

Fraglos sind die Bilder beunruhigend. Aber wer sie einordnen will, verstehen möchte, was aufseiten der Polizei außer Rassismus und Aggressionskoller noch am Werk sein könnte, dem bietet eine acht­teilige Dokumentarserie bei Netflix gerade einen spannenden Einblick in amerikanische Polizeiarbeit in Zeiten sozialen Zerfalls: „Flint Town“ von Drea Cooper, Zackary Canepari und Jessica Dimmock.

Eine verunsicherte Truppe

Entstanden ist diese Langzeitbeobachtung in wichtigen Passagen im Jahr 2016: Die Diskussion über Rassismus und Polizeigewalt hat die USA bereits erfasst, die „Black Lives matter“-Bewegung ist in vollem Schwung, einige Durchgeknallte beginnen, blutige Privatkriege gegen Uniformierte zu führen. Im voll entbrannten Präsidentschaftswahlkampf schlägt sich Hillary Clinton auf die Seite der wütenden Afroamerikaner, Donald Trump sagt einer noch so hart vorgehenden Polizei seine volle Unterstützung zu.

All das kommt in der verunsicherten Polizeitruppe von Flint an. Die heillos überschuldete Ex-Autobauerstadt hat bei wachsender Verelendung und eskalierenden Kriminalitätszahlen die Polizei auf weniger als ein Drittel der früheren Personalzahl geschrumpft. Manche Streife kann nicht ausrücken, weil nicht genügend fahrtüchtige Autos im Pool sind.

Trennlinien und Scharfmacher

Vor der Kamera scheinen schwarze und weiße Cops ein Team. Erst die getrennten Interviews offenbaren in Nebenbemerkungen, dass es da Trennlinien gibt – eher neue Spaltungen als alte, ausgelöst von den Ereignissen anderswo und der Rhetorik von Scharfmachern wie Trump. Bald wird klar, dass nur ein kleiner Teil der Truppe vor die Kamera tritt. Die Problemfälle dürften von vornherein die Mitwirkung an „Flint Town“ verweigert haben.

Aber gerade weil dies die Reflektierteren, die Cooleren, die nicht über Bürgerrechte Höhnenden sind, ist besonders eindrucksvoll, wie Stress, Angst, Überarbeitung die Reserven aufbrauchen. In jedem Moment eines vermeintlich harmlosen Einsatzes rechnen diese Polizisten mit einem tödlichen Angriff. Nimmt man wie die Kamera in „Flint Town“ eine Weile ihre Perspektive ein, ist man fast erstaunt, dass es in diesem Land voller Schusswaffen nicht noch viel häufiger zu fatalen polizeilichen Fehleinschätzungen kommt.

„Flint Town“ ist beim Streaming-Dienst Netflix
abrufbar




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