Doku-Serie „McCartney 3, 2, 1“ Aus dem Klanglabor der Beatles

Paul McCartney (rechts) im Gespräch mit dem Produzenten Rick Rubin Foto: Disney+/Hulu

Ein Fest für Popmusik-Nerds: Paul McCartney nimmt in einer Doku-Reihe bei Disney+ gemeinsam mit dem Produzenten Rick Rubin Beatles-Klassiker wie „Come Together“, „Day in the Life“ oder „Yesterday“ auseinander.

Freizeit & Unterhaltung : Gunther Reinhardt (gun)

Stuttgart - Zwei nicht mehr ganz junge Männer sitzen in einem dunklen Raum an einem Mischpult. Sie hören sich alte Aufnahmen des einen Mannes an. Wenn dieser nicht gerade Anekdoten aus dem Proberaum oder dem Tonstudio ausplaudert, spielt der andere an den Reglern herum. Von einem der alten Songs bleibt dann mal nur ein knurriger Basslauf, mal seltsam verdrehter Harmoniegesang, mal eine kurios verzerrte Gitarre übrig. Es wird über Songwriting, Studiotechnik, Sounds und Arrangements gefachsimpelt. Und wenn der eine Mann nicht Paul McCartney hieße und die Songs, um die es hier geht, nicht Beatles-Klassiker wie „All My Loving“, „Yesterday“, „Back in the USSR“ oder „Michelle“ wären, taugte diese Dokuserie, die am Mittwoch bei Disney+ startet, wohl bestenfalls zum Nischenprogramm.

 

Songs wie „Something“ werden zerlegt

Doch so wie in „McCartney 3, 2, 1“ hat man die Beatles noch nie gehört, so liebevoll wurden deren Songs noch nie Tonspur für Tonspur zerlegt. Wenn der Produzent Rick Rubin, der da mit McCartney am Mischpult hockt, mit dem Hin- und Herschieben der Regler Stücke wie „Something“, „And your Bird can sing“ oder „Lovely Rita“ Schicht für Schicht freilegt, offenbart sich, wie komplex und vielschichtig selbst scheinbar einfache Song der Beatles gebaut waren – und was für ein wunderbares Eigenleben McCartneys Bass in den Liedern führen durfte.

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Nebenbei verrät McCartney, dass „Come Together“ eigentlich ein Plagiat von Chuck Berrys „You can’t catch me“ war, bevor der Song mit einem hypnotisch-entschleunigten Beat und diesem grandiose Riff ausgestattet wurde. Er erzählt davon, wie John Lennon und er „A Day in the Life“ aus mehreren Songs zusammengebaut haben, wie sie von John Cage inspiriert wurden, und wie schwer es war, das Orchester beim Intro dazu zu bringen, frei zu improvisieren. Er berichtet stolz, dass Lennon nach der Aufnahme von „Here, There, and Everywhere“ zu ihm „Oh, der gefällt mir“ gesagt habe, und dass das größte Lob gewesen sei, das er jemals von Lennon erhalten hätte. Und über die Arbeit am Popmeisterwerk „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ sagt McCartney: „Wir haben uns wie Wissenschaftler in einem Labor gefühlt, die ständig neue Dinge erforscht haben.“

Keine Geschichts-, sondern eine Musikstunde

Von der in Schwarz-Weiß-Bildern erzählten Dokuserie darf man keine Geschichtsstunde erwarten, die McCartneys Karriere bei den Beatles, den Wings und als Solokünstler brav nacherzählt. Rick Rubin, der 58 Jahre alt ist, mit seinem weißen Rauschebart aber fast älter als der 79-jährige McCartney aussieht, ist kein Journalist, sondern einer der einflussreichsten US-Musikproduzenten. Er hat sich zu Beginn seiner Karriere zwar vor allem auf Hip-Hop und Metal konzentriert und etwa 1985 „Licensed to Ill“ von den Beastie Boys und 1986 „Reign in Blood“ von Slayer produziert, später aber auch etwa die „American Recordings“ von Johnny Cash und Songs und Alben von Adele, U2, Lady Gaga, Ed Sheeran oder Santana produziert.

Und so darf man letztlich einem Fachgespräch unter Musiknerds lauschen. Rubin interessiert sich nicht für die Beatlesmania oder für die Frage, wer schuld am Ende der Beatles war. Er redet mit Paul McCartney nur über Musik, fühlt sich in der Rolle des Zuhörers wohler als in der des Fragestellers. Und er macht auch kein Geheimnis daraus, dass er keine kritische Distanz zu seinem Gesprächspartner hat: Paul McCartneys Ausführungen kommentiert er in der Regel mit Einwortsätzen wie „Fantastisch!“, „Toll!“ oder „Großartig!“

Wie „Milord“ zu „Michelle“ wurde

„McCartney 3, 2, 1“ lässt einen dafür aber einen Blick ins Klanglabor, in den Maschinenraum der Beatles werfen. Selten zuvor kam man den Songs und ihrer Entstehungsgeschichte so nah. Etwa wenn man nur die Ringo-Starr-Tonspur hört und merkt, wie extravagant sein Schlagzeugstil war. Oder wenn ein Gitarrensolo von George Harrison plötzlich ganz für sich alleine steht und auf einmal gar nicht mehr nach Pop, sondern eher nach Free-Jazz klingt. Aber auch wenn McCartney erzählt, dass „Michelle“ eigentlich der Versuch der Beatles war, Edith Piafs „Milord“ nachzuahmen, oder dass ihm die Melodie zu „Yesterday“ im Traum einfiel, er sich aber zunächst sicher war, dass er sie irgendwo geklaut hatte.

Serienformate wie „McCartney 3, 2, 1“, die musikalische Innenansichten liefern, scheinen derzeit in Mode zu sein: Bei Apple TV+ läuft die Dokuserie „Watch the Sound“, bei der der Produzent Mark Ronson (Amy Winehouse, Robbie Williams, Miley Cyrus) sich in Gesprächen mit Musikern – darunter auch Paul McCartney – auf die Suche nach dem perfekten Sound begibt. Und Rick Rubin war 2019 selbst Thema einer vierteiligen, in Deutschland bisher nicht veröffentlichten Dokuserie namens „Shangri-La“.

Man muss zwar kein Beatles-Fan sein, um eine Serie wie „McCartney 3, 2, 1“ spannend zu finden. Die Wahrscheinlichkeit, dass man nach sechs Episoden einer ist, ist aber hoch.

Serien für Popmusik-Nerds

McCartney 3, 2, 1
 Die von Zachary Heinzerling inszenierte sechsteilige Dokumentarserie ist von Mittwoch, 25. August, an bei dem Streamingdienst Disney+ zu sehen. Paul McCartney spricht mit dem Produzenten Rick Rubin über musikalische Einflüsse, Songwriting und die Entstehungsgeschichte einiger klassischer Aufnahmen der Beatles.

Watch the Sound
 Der Erfolgsproduzent Mark Ronson macht sich in der sechsteilige Dokuserie, die bei Apple TV+ verfügbar ist, auf die Suche nach dem perfekten Sound und spricht unter anderem mit Dave Grohl von den Foo Fighters, Charli XCX, Adrock und Mike D von den Beastie Boys – und Paul McCartney.

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