Götz George, der nächste Woche 75 wird, wollte nie seinen Vater, den Schauspieler Heinrich George, verkörpern.Jetzt hat er es doch getan.

Kultur: Ulla Hanselmann (uh)

Stuttgart - Der 6. Dezember 1945, ein kalter, nebliger Wintertag. Götz George ist sieben Jahre alt. Er fährt mit seiner Mutter Berta Drews zum sowjetischen ­Lager Hohenschönhausen, um seinen internierten Vater zu besuchen. Die beiden schicken sich nach vergeblichem Warten gerade an, zu gehen. Da taucht, einer Erscheinung gleich, Heinrich George hinterm Lagertor auf. Der Junge rennt ihm entgegen, Heinrich schließt seinen „Putzi“, wie Götz als Kind genannt wurde, in die Arme. Heinrich, der Vater, wird gespielt von Götz, dem Sohn. Welch kuriose Szene: Götz George umarmt sich quasi selbst.

So beginnt das Dokudrama „George“ und spielt auf Anhieb seine Vielschichtigkeit aus. Es gibt im weiteren Verlauf etliche solcher mehrdeutigen Sequenzen, etwa, wenn Götz George Heinrich spielt, wie der in Heidelberg bei den „Reichsfestspielen“ den „Götz von Berlichingen“ gibt. Am Ende des Films liegt die „Urkraft der deutschen Bühne“ (Gerhart Hauptmann) im Lager auf einem weiß gekachelten Tisch. Bevor er stirbt, hebt er noch einmal den Kopf und seufzt: „Götz!“ Seinen jüngsten Sohn hatte er nach seiner Lieblingsrolle benannt. Dann sieht man den heutigen, 74-jährigen Götz George, wie er nach einer Deutung sucht: „Vielleicht hat er mir den Atem gegeben, weiterzumachen und ihm keine Schande zu bringen.“

Die Frage nach der Verantwortung eines Künstlers

Götz George, einer der großen zeitgenössischen deutschen Schauspieler, verkörpert den Schauspiel-Giganten der zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts. Den George, der von den Nazis vereinnahmt wurde und zum Star aufstieg, sich aber auch für Juden einsetzte und 1946 im Alter von 52 Jahren im sowjetischen Lager starb. Und: der Sohn spielt den Vater – zu dem er immer aufgeschaut hat, mit dem er sich stets gemessen hat.

Eine einzigartige Konstruktion. Eine publikumswirksame Besetzung, das auch. Doch die Sache ist komplexer: Der Film von Joachim Lang ist ja nicht nur ein Heinrich-George-Porträt, das sich auf dessen letzte Lebensjahre unter den Nazis konzentriert. Er gerät auch zur fulminanten Lebensrolle Götz Georges, mit der er sich vor dem Vater verneigt, ohne ihn zu schonen, und sich gleichzeitig von ihm befreit. Und er ist zudem eine Studie über die Frage nach der Verantwortung eines Künstlers, ja, eines jeden in der Diktatur.

Der Zuschauer muss die Puzzleteile selbst zusammensetzen

Nun ist „George“ zum Glück kein Spielfilm, nur ein Dokudrama kann mit dieser Komplexität fertig werden. Dass es aber ein herausragendes Beispiel dieses Genres ist, liegt daran, dass der Regisseur dessen formalen Spielraum voll ausreizt, ihn sogar erweitert – und dabei ein hohes Maß an Reflexion, historischer Exaktheit und filmischer Virtuosität beweist. Lang ergänzt historisches Material, Zeitzeugeninterviews und Spielszenen mit Making-of-Aufnahmen von den Dreharbeiten. So sieht man etwa wie Götz George im Götz-Theaterkostüm in der Maske sitzt. Zudem begleitet Lang die Brüder George, Götz und den acht Jahre älteren Jan Georg, dabei, wie sie an realen Schauplätzen nach der Vaterfigur fahnden.

Um der so schwer fassbaren Persönlichkeit gerecht zu werden, schüttet der Regisseur aus unterschiedlichen Baustoffen gefertigte Puzzleteile vor dem Zuschauer aus. Der fügt sie im Kopf zusammen – ohne je ein fertiges Bild zu erhalten. Leerstellen, Widersprüche bleiben. Und dennoch, und das ist die große Leistung Langs, entsteht ein rundes Werk. Es ist diese „offene, wahrhaftige Form“, wie der Regisseur im Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung sagt, die Götz George überzeugt habe. Viele wollten ihn schon überreden, seinen Vater zu spielen. Vergeblich. „Alle anderen vorangegangenen Versuche sind an Ungenauigkeiten und fiktiven Überspitzungen der Figur George gescheitert“, zitiert das Filmpresseheft den Schauspieler.

Die Suche nach der Wahrheit

Im Film kommt Lang mehrmals auf die Eingangsszene zurück – um die Illusion zu brechen. Einmal steht der heutige Götz George vor dem Lager Hohenschönhausen und sagt, dass sich das, was er da sieht, überhaupt nicht mit seiner Erinnerung deckt, einer Erinnerung, die von den Erzählungen der Mutter gespeist wurde. Dann ist eine historische Aufnahme von Berta Drews zu sehen, in der sie genau von jenem Tag, an dem sie mit dem kleinen Götz ins Lager fuhr, berichtet. „George“ ist ein Film, der mehrere Wirklichkeiten zeigt, der diese konstruiert und gleichzeitig wieder dekonstruiert und es so dem Zuschauer nie erlaubt, sich in einer Sichtweise einzunisten. „Es gibt keine geschlossene Wahrheit“, sagt Lang, „Filme, die diesen Absolutheitsanspruch haben, gefallen mir nicht.“

Als verbindendes Element dient das Verhör Georges durch den sowjetischen Oberleutnant Bibler, dargestellt von Samuel Finzi. Anklage und Verteidigung, beides bekommt so seinen Raum. Lang blendet vom Verhörkeller zu Schlüsselmomenten in Georges letzten Lebensjahren zurück, thematisiert, wie er in den zwanziger Jahren unter linken Dramatikern wie Piscator und Brecht gearbeitet hat, wie er kurz nach der Machtergreifung Hitlers diesen als „Suppenkasper“ abtut und mit als „entartet“ deklarierten Künstlern in seiner Villa feiert. Aber man sieht auch die andere, eitle Seite: George lässt sich von den Nazis zum Intendanten des Schiller-Theaters küren, verliest dröhnend-bellend Blut-und-Boden-Parolen im Radio, macht bei Joseph Goebbels’ (von Martin Wuttke großartig gespielt) Propagandafilmen mit. Dann wiederum nimmt er jüdische Kollegen in Schutz, doch während er den einen rettet, liefert er den anderen an die Schergen aus.

Pakt mit dem Teufel

„Ich bin Schauspieler, kein Politiker“, hört man ihn im Verhör sagen. Spielen, nur darum ging es ihm. Georges aus heutiger Sicht verblüffende Einfalt weicht dann doch der Einsicht, sich schuldhaft verstrickt zu haben, doch auch diesen Schritt vollzieht er – spielend: In der Haft inszeniert er mit Mitgefangenen den „Faust“, das Stück über den Pakt mit dem Teufel.

Der Regisseur hat sich zwölf Jahre lang mit dem Stoff befasst, er sagt, er kenne jedes Dokument über Heinrich George. Mit seiner akribischen Arbeit hat er ein Glanzstück des deutschen Fernsehens geschaffen. Dass es die ARD nun am kommenden Mittwoch nicht zur Primetime, sondern erst um 21.45 Uhr sendet, einen Tag nach Götz Georges 75. Geburtstag, darf als verunglücktes Geschenk gesehen werden. Götz George wirkt bei der Präsentation des Films in Berlin zufrieden, aber ­müde, als sei eine große Last von ihm gefallen. George spielt seinen Vater mit Bravour, er hält ihn auf Distanz, nimmt ihn nie in Schutz und kommt ihm doch sehr nahe. „Du hast mich immer überholt, warst immer besser, besessener“, sagt er am Ende des Films in seiner schnoddrigen Art. Für seine Rolle in „George“ gilt das nicht.

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